WLB Esslingen Doppelter Glücksfall

Von Dorothee Schöpfer 

Dr. Freud  (Peter Kaghanovitch) und der junge Trafikant Franz Huchel  (Felix Jeiter) Foto: Patrick Pfeiffer
Dr. Freud (Peter Kaghanovitch) und der junge Trafikant Franz Huchel (Felix Jeiter) Foto: Patrick Pfeiffer

Premiere: In Esslingen ist eine kongeniale Adaption des Romans „Der Trafikant“ auf der Bühne zu sehen. Die Bühnenfassung hat Robert Seethaler selbst geschrieben.

Esslingen - Eine Trafik – das ist ein Universum für sich. „Das sind meine Familie, meine Freunde, meine Bekannten, aber ich gebe sie trotzdem ab. Weil ich Trafikant bin.“ Der da so liebevoll über seine Waren spricht, ist der Zeitungshändler – oder, auf Österreichisch: Trafikant – Otto Trsnjek. In der gleichnamigen Uraufführung der WLB in Esslingen spielt Martin Theuer diesen politisch weitsichtigen Grantler, der mit Wiener Schmäh herrlich boshaft über seine Kundschaft herziehen kann („Die Frau Dr. Dr. würde eine Universität noch nicht einmal als Gebäude erkennen“) – und der doch ein großes Herz hat. Sein Lehrbub Franz Huchel vom Attersee versteht dagegen weder etwas von der Politik noch von der Liebe. Doch der Tor aus der oberösterreichischen Provinz macht mit beidem seine Erfahrungen. „Es sind komische Zeiten“, findet nicht nur der Franz (jung, frisch, überzeugend: Felix Jeiter). Diese komischen Zeiten unter der Herrschaft der Nazis kosten ihn wenig später sein Leben. Doch dazwischen reift er zum Mann, findet die Liebe, verliert sie wieder und freundet sich mit Sigmund Freud an, der in der Trafik im neunten Bezirk seine Zigarren bezieht.

Der österreichische Autor Robert See­thaler hat in seinem gleichnamigen Erfolgsroman dem Trafikanten ein literarisches Denkmal gesetzt: lakonisch und humorvoll, ohne Pathos und doch von großer Wucht. Seethaler hat seinen Roman für die Esslinger Uraufführung jetzt in ein Drama überführt. Die Transkription ist ihm voll und ganz geglückt. Wer das Buch mag, der sollte sich unbedingt auch dieses Stück ansehen. Die Balance zwischen Leichtigkeit und Schwere, die Kunst, eine Biografie in Zeit­geschichte einzubetten und dabei sowohl dem Einzelnen als auch dem großen Ganzen gerecht zu werden, das ist See­thaler auch in der dramatisierten Version gelungen.

Ein wichtiger Mitspieler ist auch die Musik

Die Inszenierung von Hans-Ulrich Becker ist ein Fest – mit einem großartigen Ensemble unter der Führung eines klugen Regisseurs, der auch die vielen Momente der Stille auf der Bühne so zu zeigen vermag, dass alles gesagt wird. Neben dem achtköpfigen Ensemble, das souverän über zwanzig Rollen ausfüllt, gibt es noch einen weiteren Mitspieler: die Musik. Steffen Moddrow und Andrew Zbik setzen am Schlagzeug und anderen Instrumenten Akzente und Stimmungen – vom schmalzigen Liebeslied bis zum dramatischen Trommelwirbel. Da braucht es keinen Bühnenumbau, da genügt ein musikalischer Impuls und das Anschalten der Neonröhren, um aus der gemütlichen Trafik das Hotel Metropol, den Sitz der Gestapo, zu machen, in dem der Franz unermüdlich nach dem Verbleib seines Lehrherrn gefragt wird.

Die Inszenierung verzichtet auf aktuelle Bezüge – aber das tut sie nicht naturalistisch und schon gar nicht plump. Die Tortur im Gestapo-Keller spiegelt sich im Antlitz des Trafikanten wieder, dazu lässt ein Uniformierter einen Luftballon quietschen und ein anderer kratzt über eine Metallscheibe. Das genügt, um einem die Haare zu Berge stehen zu lassen. Hans-Ulrich Becker gehörte in der Stuttgarter Ära des WLB-Intendanten Friedrich Schirmer zur Riege der damals noch jungen Hausregisseure wie Stephan Kimmig und Martin Kusej. Nun hat Schirmer den heutigen Frankfurter Regie-Professor für dieses Stück gewinnen können – zum Glück für Haus und Publikum. Anteil an dieser Produktion hat auch das sparsame, aber ­effektvoll mit wenigen Requisiten arbeitende Bühnenbild von Frank Charmier.

Am Schluss gibt der Chor die einzige und gleichzeitig letzte Heldentat von Franz als mehrstimmiges Stakkato wieder: Wie der junge Trafikant die Hose des zu Tode gequälten einbeinigen Otto am Fahnenmast der Gestapo-Zentrale hisst und sie wie ein anklagender Zeigefinger in den Himmel ragt. Das müssen wir nicht sehen und haben es dennoch vor Augen.

Lesen Sie jetzt