Findet Seefahrten lustig: Wladimir Kaminer. Foto: Random House

Wenn er nicht gerade eine Kreuzfahrt macht, schreibt Wladimir Kaminer Geschichten – zum Beispiel über genau solche Dinge. Im Mozartsaal der Stuttgarter Liederhalle hat er aus seinem neuen Buch „Die Kreuzfahrer“ gelesen.

Stuttgart - Ein einsamer Stehtisch, darauf ein Glas Wasser. Mit einem Lächeln und unter Applaus betritt Wladimir Kaminerdie Bühne im Mozartsaal der Liederhalle. „Über freiwillig und unfreiwillig Reisende“, sagt er, habe er in der Vergangenheit geschrieben. Den Mittelpunkt seiner Erzählungen am Mittwochabend bilden Flüchtlinge aus Syrien, die nun in seinem Dorf in Brandenburg leben, genau wie Menschen, denen er während einer Kreuzfahrt begegnet ist. Auf zynische Weise stellt er fest: „Die Grenzen zwischen Touristen und Flüchtlingen sind nicht immer klar festgelegt. Die Menschen auf der ‚Aida‘ sind alle geflüchtet. Entweder vor schlechten Wetter oder weil sie mit ihrem Heimatland generell unzufrieden waren.“ Er habe sich gefühlt wie auf einer Art Arche Noah – überfüllt von Menschen, die nach dem Motto lebten „Die Welt retten können wir nicht, also dann Stößchen!“ Diese Mischung aus Weltuntergangs- und Partystimmung habe für ihn den Nerv der Zeit getroffen. Er und seine Frau hätten übrigens ebenfalls beinahe die gesamte Reise an der Bar verbracht.

Neben Begegnungen aus aller Welt spielt in Kaminers Texten vor allem die Familie eine große Rolle. So erzählt er zum Beispiel, wie seine mit siebenundachtzig Jahren immer noch kulturwütige Mutter seine Tochter auf ein Konzert der „Rolling Stones“ zur Berliner Waldbühne mitgenommen hat. Die Welt wimmele von jungen Menschen, die alle könnten, aber nicht wollten, und von Alten, die alle wollten, aber nicht mehr könnten. Kaminer pflückt Szenen aus seinem Leben und vermischt diese zu einem bunten, teils absurd anmutenden Potpourri vertrauter Momente, die gerade dadurch eine ungezwungene Komik entwickeln.

„Eigentlich will ich dieses Jahr gar nicht feiern. Wer kommt, der kommt“, imitiert er mit hoher Stimme säuselnd seine Mutter, „aber dass mich meine Enkel – vollkommen freiwillig – besuchen, das wünsche ich mir schon.“ Manchmal zynisch, häufig selbstironisch lockert er die ohnehin pointierten Geschichten immer wieder mit Anekdoten auf, die ihm gerade in den Sinn gekommen zu sein scheinen. Selbst innerhalb der Geschichten schweift er manchmal ab, verleiht seinen Protagonisten dadurch Kontext und Kontur: „Mein Sohn, müssen Sie wissen, sucht sich gerade“, sagt er, um daraufhin zu monieren: „Nur sucht er sich bei uns zu Hause! Was soll er da finden? Zwischen Fernseher und Küche?“ Der ein oder andere amüsierte Zuschauer wird sich oder die Familie in einigen Situationen wiedererkannt haben.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: