Nicht Vater und Tochter, sondern der alte Chef Rolf Schlegel und die neue Geschäftsführerin Ilka Jeggle Foto: Gottfried Stoppel

Nach drei Generationen Schlegel haben jetzt die Jeggles in dem Traditionsgasthaus Ochsen in Kernen-Stetten das Sagen. Das Baudenkmal wird behutsam saniert, die Metzgerei an diesem Mittwoch wiedereröffnet.

Kernen - Landgasthofsterben im Land? Gelegentlich hört man davon, zuckt kurz zusammen, um dann mit einem „So isch’s no au wiedr“ zur Tagesordnung überzugehen. Im Dezember schloss der Adler in Owen, Kreis Esslingen. Die Wirtsleute fanden keinen Nachfolger, der Gasthof wird abgerissen. Im April schließt der Löwen in Steinenbronn, Kreis Böblingen. Die Wirtsleute haben keinen Nachfolger gefunden, der Gasthof soll abgerissen werden . . .

Dies wäre für den Ochsen in Kernen im Remstal allein schon deshalb undenkbar, weil das Gebäude unter Denkmalschutz steht. „Ohne den Ochsen gäbe es keinen Mittelpunkt im Flecken“, sagt Rolf Schlegel. „Der Ochsen ist eine Institution. Hier wurde Roncalli gegründet, hier hat Michael Schumacher seinen Vertrag mit Mercedes unterschrieben“, erzählt der 66-Jährige, der quasi in den Ochsen hineingeboren wurde. „Damals war es eine Selbstverständlichkeit, in die Branche der Eltern zu gehen“, sagt Schlegel. Dass es im Ortsteil Stetten in der Kirchstraße 15 auch künftig mit Gastronomie weitergeht, ist hingegen keine Selbstverständlichkeit.

Von den fünf Kindern wollte keines weitermachen

Mit den Schlegels hatte die Wirtshausgeschichte 1905 begonnen, als der Großvater das Haus kaufte. Aus der Metzgerei entstand eine Vespergaststätte, die 1947 vom Vater übernommen wurde. Nach einem großen Umbau 1967 hatte seit den späten 70ern der Sohn Rolf mit seinem älteren­ Bruder Wolfgang das Sagen. Beide gelernte Metzger und Köche, Rolf Schlegel obendrein noch Hotelfachmann. Beide haben­ auch Kinder, fünf insgesamt an der Zahl – von denen jedes erfolgreich seinen eigenen Weg eingeschlagen hat. Rolf Schlegels Sohn Marc zum Beispiel lebt als Regisseur in Wien. Der Vater erzählt, wie der Junior­ mal seinen Werdegang erklärte: „Was macht man als Sohn von Gastronomen, wenn niemand da ist? Man guckt Fernsehen.“

Dass es also nicht ewig so weitergehen würde im Ochsen, war klar. „Mit zwei Brüdern, zwei Frauen und den Eltern war es auch nicht immer einfach“, sagt Rolf Schlegel. Bereits 2015 zog sich sein Bruder zurück, die Metzgerei wurde geschlossen. Und dann kam Gerhard Jeggle ins Spiel, Architekt „mit einem Faible für Projekte, die sonst niemand anfassen würde“, wie seine Tochter Ilka sagt. In Kernen hat er aus einem bereits zum Abriss freigegebenen Gebäude sein Architekturbüro gemacht. Als Stammgäste im Ochsen kamen die Jeggles mit den Schlegels ins Gespräch. Hinter dem Gebäude ist ein großer Platz, an dem Jeggle als Investor Interesse bekundete. „Nur der Ochsen selbst ist wohl ein Problem“, dachte sich Schlegel – aber nicht für Jeggle. Gemeinsam gründete man eine GmbH, seitdem wird der riesige Gasthof schrittweise saniert.

Kein Projekt, sondern eine Lebensaufgabe

Lang zieht sich der Ochsen von der Straße aus betrachtet hin. Im Inneren reiht sich Raum an Raum – sieben plus überdachter Terrasse sind es mit insgesamt 160 Plätzen. Angrenzend an die halboffene Küche ist der holzvertäfelte Stammtisch­bereich mit seinem blauen Kachelofen­, gegenüber ist es gediegener mit gepolstertem Stubencharakter. Weiter hinten liegen ein in die Jahre gekommener Salon, der neue Wintergarten und zumindest an diesem Abend ein Herrenzimmer. Bei einem Rundgang wird schnell klar, dass man diese Größenordnung nicht mal eben so bespielt, und Ilka Jeggle bestätigt denn auch: „Das ist kein kurzfristiges Projekt, sondern eine Lebensaufgabe.“

Seit dem Jahreswechsel ist die 38-Jährige offiziell Geschäftsführerin, die Familie Jeggle Besitzerin, seit sich Rolf Schlegel aus der GmbH zurückgezogen hat und nur noch im Hintergrund vor allem am Wochenende präsent ist. Die studierte Kunsthistorikerin und freie Kuratorin, die schon als Kind gern gehoben essen ging, ist sofort „mit dem Ochsen-Virus“ infiziert gewesen. Auch ihren Lebensgefährten Daniel Hartenstein hat sie angesteckt und den Betriebswirtschaftler mit ins Haus geholt. Noch leben beide in Mannheim, aber spätestens 2019 wird der Lebensmittelpunkt nah am, allerdings nicht im Ochsen sein, obwohl sich in den Etagen über den Gasträumen auch Büros und Personalräume befinden. „So viel Abstand muss sein“, sagt Rolf Schlegel, der sich in den Jahrzehnten seiner Ochsen-Schafferei zumindest einen Tag die Woche freihalten konnte.

Ein Bereich soll für Gourmets sein

Wie der Übergang soll auch die Modernisierung behutsam sein. Dank der Größe – das Haus hat rund 50 Mitarbeiter, elf davon in der Küche – geht das nach und nach im laufenden Betrieb. Ganz hinten soll es eine kleine Lounge-Ecke geben, ganz vorne „einen Hauch von New York“, genauer gesagt die Aura des Meatpacking Districts mit der Metzgerei, die an diesem Mittwoch wieder eröffnet wird. Und im Salon soll ein Gourmetbereich installiert werden. Ein Stern müsse es nicht sein, sagt Ilka Jeggle, wenngleich der Ochsen von 1978 bis 1995 vom „Guide Michelin“ mit einem solchen ausgezeichnet war.

Das Niveau war schon immer hoch – und ist es auch preislich: Der Rostbraten kostet 27,80 Euro, der von uns probierte Loup de Mer auf Belugalinsen mit Erbsen-Zitronenmelissen-Püree und Currysauce 32,50 Euro. Wie sagt Jeggle? „Es gibt immer mehr Leute, die sich was leisten können und vergleichen können.“ Insofern sagen wir: Die jungen Köche, „die sich auch mal austoben dürfen“, brauchen noch etwas Zeit, um näher ans Sterneniveau zu rücken – und die haben sie. Das Gourmetabteil soll erst in drei bis fünf Jahren eröffnet werden. Aber was ist das schon gegen einen Ochsen, der nun in seinem 113. Jahr angekommen ist?

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: