Faulenzer, die es sich auf Kosten anderer gut gehen lassen – dieses Bild zeichneten deutsche Boulevardmedien in der Schuldenkrise von den Griechen. Statistiken zeigen eine andere Wahrheit.
Als „Betrüger in der Eurozone“ bezeichnete sie das Magazin „Fokus“ und beschrieb gehässig den „Abstieg von der Wiege der Demokratie zum Hinterhof Europas“. Die „Bild“-Zeitung empfahl den „Pleite-Griechen“, bevor sie um Hilfsgelder bettelten, sollten sie doch „erst mal ihre Inseln verkaufen – und die Akropolis gleich mit“. Inzwischen haben sich die Rollen gewandelt. Während die deutsche Wirtschaft seit nunmehr fünf Jahren stagniert, liegt Griechenland beim Wachstum in der Spitzengruppe der Euro-Staaten.
Zu verdanken haben die Menschen das nicht zuletzt ihrem Fleiß. Das zeigen die jüngsten Daten der EU-Statistikbehörde Eurostat. Danach arbeiten die Vollzeitbeschäftigten in keinem anderen EU-Staat so viel wie in Griechenland. Unter den 20- bis 64-jährigen Griechinnen und Griechen betrug die Wochenarbeitszeit 2023 im Durchschnitt 39,9 Stunden. Der EU-Durchschnitt liegt bei 36,1 Stunden. In Deutschland sind es 34 Stunden, in Österreich 33,6 Stunden.
Niedriger Krankenstand in Griechenland
Die griechischen Arbeitnehmer fehlen auch weniger oft wegen Krankheit. Das zeigen Daten der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Danach versäumen die Beschäftigten in Griechenland im Schnitt nur drei Arbeitstage im Jahr wegen Krankmeldungen. Zum Vergleich: Im Durchschnitt der 38 OECD-Staaten sind es 14, in Deutschland 15,1 und in Österreich 15,4 Tage.
Der niedrige Krankenstand in Griechenland ist allerdings nicht unbedingt guter Gesundheit der Menschen zu verdanken. Die Sozialleistungen im Krankheitsfall sind in Griechenland weitaus dürftiger als in den meisten anderen EU-Staaten. Viele Arbeitnehmer zögern auch sich krankzumelden, weil sie dadurch Nachteile oder gar den Verlust ihres Jobs befürchten.
Trotz langer Arbeitszeiten und niedrigem Krankenstand hapert es allerdings in Griechenland bei der Produktivität. Die Arbeitsproduktivität, die das Bruttoinlandsprodukt (BIP) je Erwerbstätigen angibt, lag nach Berechnungen der EU-Kommission 2023 in Griechenland nur bei 68,5 Prozent des EU-Durchschnitts. Unter den 27 EU-Staaten steht nur Lettland mit 67,6 Prozent noch schlechter da. Deutschland erreicht bei der Arbeitsproduktivität 102,3 Prozent des EU-Durchschnitts, Österreich 111,9 Prozent.
Der Fleiß lohnt sich für Griechen nicht
Die niedrige Produktivität der Arbeit in Griechenland ist nicht mangelndem Fleiß geschuldet. Der Hauptgrund sind die kleinen Unternehmensgrößen. Keine andere Volkswirtschaft in der EU ist so kleinteilig aufgestellt. Von den 880 349 aktiven griechischen Unternehmen beschäftigen 837 634 weniger als zehn Arbeitnehmer. Diese Kleinst- und Kleinunternehmen arbeiten überwiegend äußerst ineffizient. Lediglich 815 griechische Firmen beschäftigen mehr als 250 Mitarbeitende.
Auch wenn die Griechinnen und Griechen länger arbeiten als die Menschen in jedem anderen EU-Land: Der Fleiß lohnt sich nicht. Nach Angaben von Eurostat betrug das Netto-Einkommen eines Arbeitnehmers in Griechenland im vergangenen Jahr 17 013 Euro. Das war weniger als die Hälfte des EU-Durchschnitts von 37 863 Euro. Noch weniger verdienten die Arbeitnehmer nur in Ungarn und Bulgarien. In Deutschland waren es 50 998 Euro, in Österreich 54 508. An der Spitze der Einkommensskala liegt Luxemburg mit 81 064 Euro im Jahr.