Als Präsident der Deutschen Industrie- und Handelskammer spricht Peter Adrian auf dem Herbstempfang der Böblinger IHK. Obwohl er kein Schwarzmaler sein will, stellt er der deutschen Wirtschaft eine düstere Diagnose aus – hinterlässt aber auch ein Rezept zur Sofort-Therapie.
Ein lebendiges Beispiel für den Zustand des Landes lieferte Peter Adrian als Präsident der Deutschen Industrie- und Handelskammer zu Beginn gleich selbst. „Wir leben in unruhigen Zeiten, aber ich war vor allem unruhig, ob ich pünktlich sein kann“, sagte der 67-Jährige. „Die Baustelle auf der A 8 bei Pforzheim gibt es doch auch schon seit 30 Jahren, kommt mir vor.“ Damit war der Grundton gesetzt beim Herbstempfang der Böblinger IHK, zu der traditionell prominente Gastredner geladen sind.
Im V8 Hotel auf dem Flugfeld begrüßte zunächst der Kammerpräsident Andreas Hadler die rund 100 Gäste, vorwiegend aus der lokalen Wirtschaft. Doch die fiel angesichts der stotternden Konjunktur wenig freudig aus: „Wir befinden uns in einem unerbittlichen Sog aus Auftragsschwäche und Kostendruck.“ Die Krise der Wirtschaft sei „strukturell“, sagte Hadler, die Lage sei ernst. Selbst der vor Wirtschaftsstärke sonst so strotzende Kreis Böblingen stecke in einem „Dschungel aus Bürokratie und Regelungen“ fest.
Zu einer ähnlichen Diagnose kam Peter Adrian als oberster Verbandsfunktionär von Industrie und Handwerk in Deutschland: „Wir waren mal der kranke Mann Europas, heute sind wir der leblose Patient.“ Seine Erfahrungen in der Berliner Lobbyarbeit bei der zerbrochenen Ampelkoalition stimmten ebenfalls nicht optimistisch: „Wir von den Spitzenverbänden wurden zu unterschiedlichen Terminen mit unterschiedlichen Vertretern eingeladen, aber wir wollen uns nicht auseinanderdividieren lassen.“
In mehreren Standort-Rankings weit abgerutscht
Am 25. November habe er noch mal ein Gespräch mit Bundeskanzler Olaf Scholz. Adrian: „Ich hoffe, dass es etwas nutzt, habe da allerdings meine Zweifel.“ Als er und andere Wirtschaftsvertreter den Kanzler einst auf einer Messe in München trafen, erwiderte der Regierungschef auf deren Sorgen und Nöte nur in Form einer alten Weise: „Die Klage ist der Gruß des Kaufmanns.“ Man sei in keinem der Punkte wirklich angehört worden, sagte Adrian. Er referierte daraufhin noch einmal die bekannten Symptome des leblosen deutschen Patienten.
Auf dem Niveau von Venezuela
Die Unternehmen im Land litten unter strukturellen Herausforderungen: Marode Infrastruktur, Fachkräftemangel sowie hohe Material- und Rohstoffkosten. In einem Standortranking stand Deutschland noch vor zehn Jahren weltweit auf Platz sechs der Wirtschaftsnationen. „Mittlerweile sind wir auf Platz 24 abgerutscht.“ Zwar habe die deutsche Wirtschaft in der Vergangenheit immer wieder ihre Anpassungsfähigkeit unter Beweis gestellt. Doch auch hiervon sei mittlerweile nicht mehr viel übrig.
„In einer Studie sind wir in dieser Disziplin abgerutscht auf Platz 64, das ist das Niveau von Venezuela“, sagte der Funktionär. „Die Welt wird unbequemer werden, darauf müssen wir schneller reagieren.“ Völlig andere Bewerber mischten nun auf dem Weltmarkt mit, insbesondere in der deutschen Schlüsselindustrie Automobilbau. Mit der Wahl von Donald Trump als nächstem US-Präsidenten stünde man vor noch größeren Herausforderungen als das bislang der Fall war, Stichwort: Zölle und wachsende Abschottung.
Bei der Erschließung neuer Märkte und Handelsabkommen gelte es, nun „auf Augenhöhe auf ausländische Partner zuzugehen“. Denn zwar sei Deutschland etwa in Indien noch immer ein gern gesehener Handelspartner, „doch dort wartet man auch nicht auf unsere Bevormundung in Sachen Klimaschutz“. Europa sei gefordert bei der Ausarbeitung eines „New Green Deal“, der derzeitige sei viel zu bürokratisch geraten. Adrian: „Das EU-Mercosur-Abkommen ist seit 20 Jahren nur im Gespräch, aber in Südamerika gibt jetzt China den Ton vor.“ Neben der beunruhigenden Diagnose gebe es – immerhin – ein paar gesunde Bereiche.
„Weltweit führend ist nach wie vor unser duales Ausbildungssystem.“ Außerdem hätten sich kleine und mittelständische Unternehmen während der Krisen der jüngeren Vergangenheit als besonders resilient in Krisensituationen erwiesen. Dafür sei man weltweit bewundert worden, auch in den USA. Adrian: „Im Mittelstand herrscht noch immer ein reger Erfindergeist.“
Wenige Lichtblicke und ein paar Sofortmaßnahmen
Der Verbandsfunktionär wollte nicht abreisen, ohne, der Politik ein Rezept mit therapeutischen Sofortmaßnahmen zu hinterlassen. „Zuerst gilt es, die Belastungen im Energiebereich abzubauen“, sagt Adrian. Energieeffizienz- und Gebäudeenergiegesetz sind ihm ein Dorn im Auge. Außerdem müsse der Pakt für die Beschleunigung von Genehmigungsverfahren endlich umgesetzt werden. „Bisher sehe ich hier noch keine nennenswerten Ergebnisse.“ Zuguterletzt bräuchte es „Anreize für private Investitionen und eine zügige Abschaffung des Solidaritätszuschlags“.
Zur Person: Peter Adrian
Geboren
ist Peter Adrian am 20. Februar 1957 in Köln. Von 1976 bis 1978 machte er eine Ausbildung zum Bankkaufmann in Trier.
Unternehmer
Neben weiteren Unternehmen gründete er 1989 die Triwo AG in Trier. Diese betreibt insgesamt 34 Tochtergesellschaften in den Bereichen Industrie- und Gewerbeparks, Auto-Testcenter und Sonderflughäfen.
Funktionär
In der Industrie- und Handelskammer ist Adrian seit 1994 aktiv, von 1999 bis 2006 war er Vizepräsident der Trierer IHK. Danach war er bis 2021 Präsident der IHK-Arbeitsgemeinschaft in Rheinland-Pfalz.
Präsident
wurde er 2006 von der IHK in Trier, dieses Amt hatte er bis 2023 inne. Zeitgleich mit seiner Präsidentschaft 2006 wurde er auch Mitglied im Vorstand der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK). Seit 2017 ist er Vorsitzender des Haushaltsauschusses und seit 2021 Präsident der DIHK.