Steigende Steuern und Verwaltungsprobleme: IHK-Geschäftsführerin Susanne Herre kritisiert im Interview die Stuttgarter Stadtpolitik und Oberbürgermeister Frank Nopper.
Die steigende Gewerbesteuer und die Probleme in der Verwaltung sorgen in Stuttgarts Wirtschaft für wachsenden Unmut. Im Interview mit unserer Zeitung blickt die Geschäftsführerin der IHK Region Stuttgart, Susanne Herre, auf die jüngsten Entwicklungen in der Stadt und die wirtschaftspolitischen Herausforderungen im neuen Jahr.
Die IHK kritisiert die steigende Gewerbesteuer. Prozentual ist es nur eine kleine Erhöhung – warum stören sich die Unternehmen dennoch so daran?
Einzelne Unternehmen geraten dadurch sicher nicht an den Rand ihrer Existenz. Problematisch ist vielmehr die Kombination – und das Signal: Erstens wird die Gewerbesteuer erhöht, ohne dass die Stadt zuvor mit der Wirtschaft gesprochen hat. Wir haben davon aus der Zeitung erfahren. Und zweitens fehlt eine erkennbare wirtschaftspolitische Linie.
Was meinen Sie damit?
Stuttgart ist eine tolle Stadt, doch wirtschaftspolitische Belange werden nicht ausreichend berücksichtigt. Stadtpolitik und Verwaltung greifen diese Anliegen nicht auf und übersetzen sie nicht in eine klare Strategie. Wenn das nicht geschieht, kommt die Wirtschaft nicht in Schwung. Die Stadt kann zwar weder Welt- noch Zollpolitik beeinflussen, aber sie kann an vielen Stellschrauben drehen.
Können Sie das konkretisieren – was müsste die Stadt aus Ihrer Sicht tun?
Es geht um Behördeninfrastruktur und Investitionsklima. Es muss attraktiv sein, hier zu investieren, und Investitionen müssen zügig umgesetzt werden können. Die Stadt könnte direkt ansetzen, indem sie Verwaltungsprozesse verschlankt, die Digitalisierung vorantreibt sowie ein funktionierendes Baurechtsamt und eine effiziente Ausländerbehörde sicherstellt.
Was bräuchte es darüber hinaus?
Es fehlt eine klare Hand, die die Stadtgesellschaft eint und sagt: Lassen wir uns gemeinsam die Ärmel hochkrempeln, damit es in zwei oder vier Jahren besser aussieht. Stattdessen konkurriert eine Vielzahl von Einzelinteressen – von Sozialverbänden über Kultur bis hin zu Sportvereinen – um Aufmerksamkeit. Ein runder Tisch, an dem gemeinsame Lösungen entwickelt werden, fehlt bislang.
Sehen Sie hier Oberbürgermeister Frank Nopper stärker in der Verantwortung?
In der aktuellen Diskussion nehmen wir den Oberbürgermeister zu wenig wahr. Wir haben einen offenen Brief an ihn, die Stadtratsfraktionen und die Wirtschaftsförderung geschickt. Rückmeldungen kamen lediglich von der CDU-Fraktion und den Freien Wählern. Der Oberbürgermeister selbst hat sich nicht gemeldet. Dabei sehen wir seine Rolle darin, die Stadtgesellschaft in dieser schwierigen Situation zu einen. Stuttgart ist es nicht gewohnt zu sparen – das nun zu lernen, ist wichtig. Umso mehr braucht es eine ordnende Hand, die durch die kommenden Jahre führt.
Uneinigkeit herrscht zunehmend auch beim Thema Homeoffice. Porsche-Chef Oliver Blume sprach sich kürzlich für lediglich einen Homeoffice-Tag pro Woche aus – für viele junge Menschen wirkt das wie ein Rückschritt. Wie blicken Sie auf die Debatte?
Homeoffice bietet viele Vorteile, zugleich ist Präsenz wichtig – für Teamgefühl, Kreativität und die Identifikation mit dem Unternehmen. Bei der IHK Region Stuttgart gilt eine 50-Prozent-Präsenzregel, die ich für einen guten Kompromiss halte. Ich halte wenig von einem Konflikt zwischen Alt und Jung. Entscheidend ist, dass beide Seiten einander verstehen und voneinander lernen.
Manch einer sehnt sich aber wohl zurück zur guten alten Bürozeit, oder?
Früher war nicht alles besser. Als ich in den Beruf eingestiegen bin, kamen auf eine Stelle oft 150 Bewerbungen – wer eine Zusage erhielt, sagte in der Regel zu allem Ja. Gleichzeitig hat sich bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf viel zum Positiven entwickelt, insbesondere für Frauen. Unterschiedliche Erwartungen sind Ausdruck unterschiedlicher Sozialisierungen. Am Ende zählt nicht das Alter, sondern die Haltung. Viele junge Menschen sind engagiert und leistungsbereit – entscheidend ist gegenseitiges Verständnis und das Lernen voneinander.
Bei all den aktuellen Debatten und weltweiten Herausforderungen – von Trumps Zollpolitik bis zur Bürokratie vor Ort: Was erwartet Stuttgart im neuen Jahr?
Ich bin Optimistin, und dafür gibt es gute Gründe. Wir befinden uns mitten in einer Transformation und sind nicht allein von der Automobilindustrie abhängig. Die Region verfügt über einen breiten Mix aus IT, Informations- und Kommunikationstechnik, Luft- und Raumfahrt sowie Medizintechnik. Hinzu kommen starke Universitäten und zahlreiche Entwicklungen im Bereich der Künstlichen Intelligenz. Viele Unternehmen sind sehr daran interessiert, neue Geschäftschancen zu erschließen. Zusammen mit der hohen Qualifikation der Beschäftigten stimmt mich das trotz aller Herausforderungen zuversichtlich für 2026.