Der Grünen-Europa-Abgeordnete Michael Bloss (links) lässt sich von Dieter Neubauer das AME-Lab bei Balluff zeigen. Foto: Ines Rudel

Derzeit bereitet ein US-Gesetz der deutschen Wirtschaft Sorgen. Jedoch können sich auch Chancen für heimische Firmen wie Balluff aus Neuhausen bieten.

Bevor ein neuer Balluff-Sensor in Produktion geht, wird er auf Herz und Nieren geprüft, und zwar im „Advanced Industrial Engineering Labor“ (AME-Lab) in der Firmenzentrale in Neuhausen. „Wir bauen hier Prototypen, testen sie, machen Vorserien und bereiten die Serienproduktion vor“, sagt Dieter Neubauer, Leiter des Labs. Wenn die 30 Mitarbeiter seiner Abteilung ihre Arbeit getan haben und die Prozesse geplant sind, kann die Produktion in den Balluff-Fabriken in Ungarn, China und den USA beginnen. Die Sensor- und Automatisierungskomponenten der Neuhausener gehen von dort unter anderem in die Verpackungsindustrie, die Autoindustrie oder den Maschinenbau. Und sie finden Verwendung in Anlagen, die für die Mobilitäts- und die Energiewende entscheidend sind.

 

Diese voranzubringen ist ein entscheidendes Ziel eines US-Gesetzes, das derzeit Wirtschaft und Politik in Europa umtreibt – und auch bei Balluff Thema ist. Anlässlich eines Besuchs des Europa-Abgeordneten Daniel Bloss (Grüne) führte Neubauer nun erstmals auch die Öffentlichkeit durch seine Abteilung. Bloss war im Anschluss überzeugt, dass sich in der Energie- und Mobilitätswende große Chancen für die Anlagenbauer in Europa und der Region Stuttgart ergeben – und auch in den USA mit dem sogenannten Inflation Reduction Act (IRA). Dieser sieht milliardenschwere Investitionen in den Klimaschutz vor, knüpft Subventionen aber daran, dass Unternehmen US-Produkte verwenden oder in den USA produzieren. Europäische Politiker und Firmen kritisieren das, weil sie Nachteile für europäische Firmen befürchten, und dass Unternehmen abwandern.

Technologie aus der Region in amerikanischen Fabriken?

Auch der Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA) kritisiert das Gesetz, warnt die EU aber, mit ähnlichen Subventionen und Regulierungen zu reagieren. Europa laufe Gefahr, bei Transformationstechnologien ins Hintertreffen zu geraten. „Unter anderem der Inflation Reduction Act, aber auch die geringeren Energiepreise, das Wirtschaftswachstum und das innovationsfreundliche Umfeld steigern die Attraktivität der USA für größere Transformationsprojekte“, teilte der VDMA-Geschäftsführer Thilo Brodtmann kürzlich mit. „Darauf muss die EU eine Antwort finden. Dabei sollte der Schwerpunkt sein, die kleinteiligen und bürokratischen Prozesse beim Ausbau der grünen Energie zu verbessern.“

Die Anforderungen des IRA, US-amerikanische Technologien und Produkte einzusetzen, hält Holger Kunze, der Geschäftsführer des europäischen Büros des VDMA in Brüssel, für regelwidrig gegenüber den Vereinbarungen der Welthandelsorganisation. Dennoch sieht auch er Chancen für hiesige Maschinen- und Anlagenbauer auf dem amerikanischen Markt, gerade im nachhaltigen Bereich. Wenn beispielsweise eine Wasserstoffproduktionsanlage in den USA gebaut werde, seien dafür Maschinen und Technologien nötig, die nicht aus Amerika kommen müssen, erklärt Kunze. Der Maschinenbau in den USA sei nicht so stark ausgeprägt wie in Europa, wo es viele Weltmarktführer gebe. „Baden-Württemberg und die Region Stuttgart sind ein absolutes Power-Haus“, sagt Kunze.

Balluff-Technik in Windrädern und Co.

Auch bei Balluff sieht man Chancen in den US-amerikanischen Anstrengungen, die Klimabilanz zu verbessern. Komponenten werden beispielsweise in Windkraftanlagen verbaut, unter anderem um die Rotorblattwinkel je nach Windstärke anzupassen und die Stromerzeugung zu maximieren. „Das ist nur ein Beispiel, wie wir unseren Teil zum Erreichen der Klimaziele beitragen“, sagt der Geschäftsführer Florian Hermle. Auch in Wasserstofftankstellen, Wasserkraftanlagen, Solarkraftwerken, in der Batteriefertigung und der Produktion von E-Fahrzeugen werden Komponenten der Neuhausener eingesetzt. Inwieweit die IRA-Vorschriften zu Exporthemmnissen für Vorleistungen aus Deutschland werden könnten, könne derzeit nicht abschließend beurteilt werden, teilt das Unternehmen mit. Durch den Balluff-Standort in Kentucky sei man vertriebs- und fertigungsseitig sehr gut aufgestellt und sehe weiterhin große Potenziale für eine Steigerung des Umsatzes in den USA.

Auf der anderen Seite arbeitet Balluff wie viele andere in der Branche auch daran, als Unternehmen klimafreundlicher zu werden. Man reduziere stetig den CO2-Fußabdruck – etwa, indem Solarmodule auf den Betriebsgebäuden installiert und E-Ladesäulen aufgestellt sowie Zertifizierungen nach Umweltmanagementsystemen vorgenommen wurden. Derzeit wird außerdem ein Bürogebäude nach neuesten Standards gebaut. Im Anschluss sollen die älteren Gebäude saniert werden – darunter auch der Technik-Campus mit dem AME-Lab – nach höchsten KfW-Energiestandards, betont Dieter Neubauer, der sich auf den neuen Arbeitsplatz freut.

Klimaschutz im Anlagen- und Maschinenbau

CO2-Emissionen
Um die Klimaerwärmung zu begrenzen, nimmt die Politik zunehmend auch Unternehmen in die Pflicht. Ab 2027 sind auch kleine und mittelständische Firmen in Europa verpflichtet, über ihre Klima- und Umweltschutzbemühungen Rechnung abzulegen. Nach Angaben des VDMA steigt die Zahl der Mitgliedsunternehmen, die sich Klimaziele setzen. Laut einer Befragung sind es 77 Prozent. 45 Prozent ermitteln bereits die eigenen CO2-Emissionen.

Ziel erreicht
Ein Unternehmen aus dem Kreis Esslingen hat ein selbst gestecktes Klimaziel erreicht. Eigenen Angaben zufolge ist Leuze CO2-neutral in Deutschland. Der Sensorspezialist aus Owen hat unter anderem weitere Werke in Amerika und Asien. Laut Leuze wurde der Energieverbrauch durch Investitionen in Gebäude und Produktion stark reduziert. CO2-Emissionen wurden auch durch Hilfen für ein Waldschutzprojekt in Brasilien ausgeglichen. Nun soll der Blick auf CO2-Emissionen in der Lieferkette gerichtet werden.