Das KI-Zentrum Hive auf dem Göppinger Boehringer-Areal. Der IHK-Geschäftsführer Gernot Imgart sieht in diesem Projekt eine regionale Stärke und große Chance. Foto: Giacinto Carlucci

Kriegt Deutschland und damit das Filstal die Kurve, kann die Wirtschaft wieder angekurbelt werden? Unternehmer im Kreis Göppingen blicken mit gemischten Gefühlen ins neue Jahr.

Geht es in diesem Jahr mit der Wirtschaft aufwärts? Kann das Konjunkturpaket der Bundesregierung von 500 Milliarden Euro das Wachstum in Deutschland wieder ankurbeln? Im Kreis Göppingen fallen die Prognosen verhalten aus. „2026 bleibt für das Göppinger Filstal ein Jahr zwischen Belastung und Aufbruch“, meint Gernot Imgart, Leitender Geschäftsführer der Göppinger IHK-Bezirkskammer. Angesichts steigender Kosten, anhaltender Bürokratie und einem spürbaren Fachkräftemangel rechneten viele Betriebe mit weiter verhaltenen Investitionen.​

 

„Nur 13,5 Prozent der Betriebe sehen eine echte Verbesserung. Industrie, Maschinenbau und Zulieferer leiden unter schwacher Nachfrage und hohen Produktionskosten, während der Handel weiter mit zurückhaltendem Konsum kämpfen wird“, sagt Imgart. Die IHK erwarte nur ein Mini-Wachstum von 0,7 Prozent. Der Göppinger IHK-Chef sieht aber nicht nur schwarz: „Gleichzeitig bieten Internationalisierung und regionale Stärken wie das neue KI-Hub Hive große Chancen: Das Filstal punktet mit innovativen Mittelständlern und starken Netzwerken.“ Damit 2026 ein Übergangsjahr mit positiven Signalen wird, brauche es aber spürbare Entlastungen und verlässliche politische Rahmenbedingungen.

Herausforderungen sieht auch Martin Drasch, Vorsitzender der Geschäftsführung beim Göppinger Pressenbauer Schuler. „Das Jahr 2025 war für unsere Branche und auch für uns herausfordernd. Auftragseingang und Umsatz lagen unter unseren Erwartungen, was vor allem dem schwierigen gesamtwirtschaftlichen Umfeld sowie den mannigfaltigen geopolitischen Herausforderungen geschuldet ist“, bilanziert er. „Im Hinblick auf diese schwierige Gesamtsituation sowie der strukturellen Krise, in der sich unsere Branche befindet, haben wir uns behaupten können.“ Die globale Automobilindustrie scheine sich langsam zu stabilisieren, auch wenn geopolitische Spannungen weiterhin Unsicherheit verursachten und Investitionen bremsten, sagt Drasch. „Wir reagieren darauf, indem wir unsere Strategie konsequent anpassen und uns flexibel auf Marktveränderungen einstellen.“ Für 2026 erwartet er „ein anspruchsvolles Umfeld“, ist aber optimistisch, mit den eingeleiteten Schritten den Zielkorridor zu erreichen – „durch klare Prioritäten und gemeinsames Engagement“.

Mutige Reformen aus der Politik gefordert

Matthias Weigele, Geschäftsführer des Uhinger Werkzeugherstellers EWS, findet deutliche Worte: „Deutschland steht am Scheideweg und muss sich entscheiden, ob die Deindustrialisierung voranschreitet oder ob wir noch die Kurve kriegen. Diese Entscheidung ist nicht nur von den Unternehmern abhängig, sondern von allen Bürgern“, sagt er und fügt hinzu: „Arbeitgeber können nicht ohne Mitarbeiter, und Mitarbeiter brauchen Arbeitgeber. Wir müssen gemeinsam in eine Richtung ziehen, um am Weltmarkt eine Chance zu haben.“ Hinzu müssten mutige Reformen aus der Politik kommen. „Die Probleme mit Geldspritzen zu kaschieren, ist keine Lösung“, meint der EWS-Chef. „Der Werkzeugmaschinenbau, für den ich sprechen kann, liegt am Boden und kann sich nur erholen, wenn wieder investiert wird. Investiert wird aber nur, wenn wieder Zuversicht und Vertrauen Einzug halten“, sagt er. „Das wiederum setzt voraus, dass klare, verlässliche Leitlinien und Vorgaben der Politik vorhanden sind, die nicht Technologien vorschreiben, sondern Ziele definieren, die den Gesamtkontext mit berücksichtigen.“​

Micha Lege, Geschäftsführer des Geislinger Unternehmens Wiedmann & Winz, blickt mit gemischten Gefühlen ins neue Jahr: „Die Folgen der Wirtschaftskrise werden für die Logistikbranche auch 2026 deutlich spürbar sein: Kunden und Aufträge fallen weg. Wenn wir unseren Wohlstand insgesamt sichern wollen, müssen wir den bestehenden industriellen Kern stärken. Gleichzeitig braucht es gerade auch im Kreis Göppingen einen klaren Strukturwandel.“ Der Schlüssel für neue Wertschöpfung liegt seiner Ansicht nach in technologischer Führerschaft – von Künstlicher Intelligenz über Automatisierung bis hin zu Logistik und IT.

Wirtschaftsstandort soll gestärkt werden

„Damit bleibt ein Hochlohnstandort wie unserer wettbewerbsfähig.“ Entscheidend sei, dass in Baden-Württemberg und Deutschland wieder gilt: „Economy first“. Gelinge diese Fokussierung, sollte bei politischen Entscheidungen nur noch eine Frage zählen: „Stärkt ein Vorhaben unseren Wirtschaftsstandort oder belastet es ihn weiter? Das ist der Boden, auf dem der Wiederaufstieg stattfinden kann.“​

Der Teamviewer-Vorstandschef Oliver Steil macht den Wandel greifbar: „Nachdem die ganze Welt in den vergangenen Jahren große Ideen rund um die Künstliche Intelligenz entwickelt hat, werden diese nun endlich konkret. Statt über Möglichkeiten zu reden, Testphasen zu starten oder Pilotprojekte auszurollen, geht es für Unternehmen 2026 um messbare Ergebnisse, die im Arbeitsalltag spürbar sind und diesen maßgeblich verändern werden.“

Gleichzeitig spiele Vertrauen eine immer wichtigere Rolle. „Unternehmen müssen sicherstellen, dass KI transparent arbeitet, Daten sicher sind und Menschen weiterhin die Kontrolle behalten. Fachkräfte bleiben dabei unverzichtbar und sorgen dafür, dass die Qualität der Ergebnisse stimmt“, betont Steil. Als globales Software-Unternehmen sei Teamviewer Teil dieser Entwicklung. „20 Jahre nach unserer Gründung in Göppingen beginnen wir damit 2026 ein neues, wichtiges Kapitel unserer Unternehmensgeschichte“, prognostiziert Steil.​

Das Hive soll eine Strahlkraft entwickeln

Projekt
 Erst im Januar 2025 ist das KI-Zentrum Hive auf dem Göppinger Boehringer-Areal an der Stuttgarter Straße mit einer ersten Konzeption an den Start gegangen. Die Stadt entwickelte das Projekt gemeinsam mit einem kleinen Kreis aus Partnern um die lokalen Unternehmen Mira vision, Kleemann und Leonard Weiss, die Kreissparkasse Göppingen sowie die städtischen Töchter EVF und die Wohnbau Göppingen weiter.

Investition
Die Stadt leistete eine Anschubfinanzierung von 400 000 Euro, der Verband Region Stuttgart steuerte gut eine Million Euro bei. Das Hive soll eine gewisse Strahlkraft entwickeln und die Innovationskraft der Region insgesamt unterstreichen.​