Das Insektensterben ist allgegenwärtig – auch Bienen sind bedroht. Foto: dpa/Patrick Pleul

Der Naturschutzbund Baden-Württemberg veröffentlicht eine kritische Studie über die elektromagnetischen Strahlungen. Vor allem durch den Aufbau des 5G-Netzes kämen neue Gefahren auf die Tierwelt zu.

Stuttgart - Das weltweite Insektensterben wird allgemein auf das Verschwinden natürlicher Lebensräume, die Pestizidbelastung in der Landwirtschaft, Luftschadstoffe und die sogenannte Lichtverschmutzung zurückgeführt. „Wir müssen den Blick bei der Suche nach den Ursachen aber weiter öffnen. Die Wirkung von elektromagnetischer Strahlung durch Hochspannung, Mobilfunk und Wlan muss viel stärker untersucht werden“, sagte der Landesvorsitzende des Naturschutzbundes Baden-Württemberg (Nabu), Johannes Enssle, am Donnerstag bei einer gemeinsamen Pressekonferenz mit dem der Funkstrahlung kritisch gegenüber stehenden Verein Diagnosefunk aus Stuttgart. Beide Organisationen sowie der Luxemburger Umweltverband Akut hatten eine Studie beim Insektenforscher Alain Thill in Auftrag gegeben, deren Ergebnisse jetzt vorliegen.

 

Orientierung und Atmung könnte gestört werden

Thill hatte 190 wissenschaftliche Arbeiten über die Wirkung von elektromagnetischer Strahlung auf die Insektenwelt gesichtet und davon 101 einer näheren Betrachtung unterzogen. Die meisten der Arbeiten befassten sich mit der Fruchtfliege sowie der Honigbiene. „Über 70 Studien kamen zu dem Schluss, dass die Wirkung der Strahlen auf die Insekten negativ ist“, sagte Peter Hensinger vom Verein Diagnosefunk. Dies betreffe den Orientierungssinn, die Fortpflanzungsfähigkeit und die Reaktionsgeschwindigkeit. Auch könne die Atmungskette der Insekten blockiert werden und ihr Tagesrhythmus gestört werden. Eine Studie in Australien an stachellosen Bienen habe ergeben, dass die die Aufnahme von Strahlung durch Insekten mit der Höhe der Frequenz der Strahlen zunehme.

Dass elektromagnetische Strahlung auf Tiere wirke, das lasse sich auch daran erkennen, dass sich Bienen vor einem Gewitter in ihre Stöcke zurückzögen und sich Vögel am irdischen Magnetfeld orientieren. Welchen Störeinfluss die künstlich vom Menschen erzeugte Strahlung hat, ist aber umstritten. „Das Bundesamt für Strahlenschutz klammert alle negativen Studien zu diesem Thema aus“, behauptete Hensinger. Er sieht, sich auf Thills Arbeit berufend, vor allem durch den Aufbau des 5G-Netzes neue Gefahren auf die Tierwelt zukommen.

Mit dieser neuen Stufe des Mobilfunks solle auch autonomes Fahren ermöglicht werden, und es werde „in jedem Schwarzwaldwinkel“ zu spüren sein, warnte Hensinger. Die Wellenlänge der Strahlung beim 5G-Netz liege im Millimeterbereich und komme der Körperlänge von Insekten nahe. Dass sich die Technologie aufhalten lassen wird, daran glaubt Hensinger nicht. „Aber eine politische Debatte über einen Kompromiss zwischen digitaler Versorgung und dem Schutz der Umwelt und der Tierwelt wäre wünschenswert.“

Politische Debatte über das unbequeme Thema erwünscht

Kritische Fragen von Wissenschaftsjournalisten auf der Pressekonferenz betrafen die Person des über einen Master der Universität Freiburg verfügenden Alain Thill, der mit der Insekten-Studie offenbar erst seine zweite wissenschaftliche Arbeit vorgelegt hat und nicht anwesend war. Auch wurde kritisch darauf hingewiesen, dass beispielsweise bei einer aufgeführten Untersuchung ein Handy in einen Bienenstock gelegt worden sei. Dies führe natürlich zu einem anderen Ergebnis als in einem Freilandversuch. Für Nabu-Chef Enssle steht aber fest, dass die Wirkung der elektromagnetischen Strahlung unterschätzt werde. „Das Thema ist für viele von uns unbequem, greift es doch tief in unsere alltäglichen Gewohnheiten ein.“ Auch die Pressekonferenz der Naturschützer war als Videokonferenz im Netz übertragen worden.