Kubisch (rechts) führt durch den Kräutergarten der Uni Hohenheim Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Frühblüher geben jedem Salat eine besondere Note. Zudem verfügen sie über sanfte Heilkräfte. Bei einer öffentlichen Führung durch den Kräutergarten der Uni Hohenheim erklärt die Biologin Franziska Kubisch, worauf man achten muss.

Woher kommen die Rückbesinnung und die Begeisterung der Menschen für Frühblüher, die im Moment in Scharen bei Führungen von Experten durch die Kräutergärten pilgern?
Da ist zum einen die Freude, dass alles wieder blüht. Außerdem will sich heute jeder möglichst gesund und naturverbunden ernähren, fit und jung bleiben. Und die älteren Leute geben ihr Wissen bei diesen Spaziergängen gerne weiter, damit es nicht verschwindet. Hinzu kommen gewisse Zukunftsängste, und falls man – aus welchen Gründen auch immer – irgendwann doch wieder im Wald leben müsste, wäre es ganz gut, wenn man weiß, was man essen kann und was nicht.
Welche Mythen ranken sich denn um die ­Frühblüher?
Wenn eine junge Frau einen Kranz aus Gänseblümchen getragen hat, dann sollte das die Träume anregen, und wenn man die ersten Blüten direkt vom Boden gegessen hat, ohne sie mit den Händen zu berühren, dann sollte das einen das ganze Jahr vor Krankheiten bewahren. Oder wenn sich beim Löwenzahn die Blüten in Samen verwandelt haben, sollte man so viele Kinder bekommen, wie man Versuche braucht, um alle wegzupusten.
Welche Pflanzen findet man im Moment, und wie kann man sie in der Küche verarbeiten?
Da ist zum einen das Gänseblümchen, dessen Blüten zu Wildsalaten passen oder dessen Knospen man wie Kapern einlegen kann. Aus Brennnesselblättern lässt sich ein köstlicher Spinat zubereiten, oder man frittiert sie in gutem Öl als Chips. Aber auch der von Gärtnern ungeliebte Giersch lässt sich zu Salat, Pesto und Gemüse verarbeiten. Das gilt auch für das Lungenkraut und natürlich den Bärlauch.
Wie erkenne ich Bärlauch, dessen Blätter ja Ähnlichkeit mit denen der giftigen Maiglöckchen oder der Herbstzeitlose haben?
Zum einen erkennt man den Bärlauch schon an seinem knoblauchartigen Geruch, spätestens dann, wenn man an den Blättern reibt. Außerdem sind die Blätter gestielt und glänzen leicht metallisch.
Und was macht man, wenn sich trotz Vorsicht eine falsche Pflanze ins Pesto verirrt hat?
Die Vergiftung äußert sich durch Übelkeit, Bauchschmerzen und kann auch zu Herz-rhythmusstörungen führen. Erwachsene sollten dann selbst den Magen entleeren, bei Kindern sollte man unbedingt ins Krankenhaus gehen. Das gilt übrigens für alle Vergiftungserscheinungen. Und wenn man sich gar nicht sicher ist, kann man sich an den Giftnotruf (Telefon 07 61 / 1 92 40) wenden.
Wie vielseitig ist der Bärlauch?
Die meisten machen aus den Blättern Pesto oder verarbeiten sie in Smoothies. Aber Bärlauch kann man auch in Pfannkuchen- oder Spätzleteig sowie Kräuterquark rühren. Die Blüten und Knospen lassen sich wie Antipasti in Öl, Essig oder Salzlake einlegen, und die Zwiebeln kann man wie Knoblauchzehen verwenden.
Stimmt es, dass der Bärlauch nicht nur nach Knoblauch riecht, sondern ähnliche Heilkräfte hat?
Ja. Ähnlich wie Knoblauch senkt Bärlauch den Cholesterinspiegel und hilft bei zu hohem Blutdruck. Wie fast alle Frühblüher wirkt er blutreinigend und harntreibend. Als Frischpresssaft wirkt er antibakteriell bei Magen- und Darmstörungen und als Hustensaft schleimlösend.
Bei welchen Wehwehchen helfen die anderen Frühblüher?
Brennnesselblätter wirken entzündungshemmend bei Rheuma, das Scharbockskraut enthält viel Vitamin C und wurde früher den Seeleuten als Tee gegen die Mangelkrankheit Skorbut mitgegeben. Löwenzahntee unterstützt die Fettverdauung, und die Wurzel enthält das süße Inulin, das für Diabetiker geeignet ist, weil es keinen Einfluss auf den Blutzucker hat. Die Blüte des Gänseblümchens hilft bei Insektenstichen.
Bärlauch für die Küche kennt inzwischen jeder. Gibt es einen Geheimtipp unter den Frühblühern?
Noch ziemlich unbekannt ist der Gundermann, der zu den Lippenblütengewächsen zählt. Man erkennt ihn an der Behaarung, den kreuzgegenständig angeordneten Blättern und den lilafarbenen Blüten. Blätter und Triebspitzen enthalten ätherische Öle und wichtige Bitterstoffe und sind eine appetitanregende Beigabe zu Salaten, Suppen und Eierspeisen und die Blüten eine aromatische und essbare Dekoration. Medizinisch hilft sein Tee gegen Bronchitis, weil er schleimlösend wirkt, und Kompressen und Salben wirken bei Verbrennungen und eitrigen Wunden.
Was sollte man auf keinen Fall essen?
Am giftigsten sind die Herbstzeitlosen, bei denen fünf Gramm der Samen bereits tödlich wirken. Einen Bogen machen sollte man auch um Buschwindröschen, Hohen Lerchensporn, Haselwurz, Immergrün, Leberblümchen und den gefleckten Ahornstab. Wer sichergehen will, sollte sich ein Bestimmungsbuch zulegen.
Was muss man generell beim Sammeln ­beachten?
Man sollte auf keinen Fall Kräuter am Straßenrand sammeln, und es ergibt Sinn, einen Korb oder einen Stoffbeutel mitzunehmen. Wer sich an Brennnesseln wagt, sollte am besten auch Handschuhe dabeihaben. ­Ansonsten: Einfach trauen, wenn man sich davor mit der Bestimmung beschäftigt hat.
Und was ist mit dem Fuchsbandwurm?
Das ist eher ein Problem für die Landwirte oder wenn man Beeren sammelt. Bei Kräutern ist laut Franziska Kubisch von der Uni Hohenheim nicht bekannt, dass man sich anstecken kann. Aber natürlich sollte man die Pflanzen vor dem Verzehr immer leicht abwaschen, auch wenn dabei einige Vitamine verloren gehen.
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