Geimpfte sollen wieder mehr Freiheiten bekommen. Doch ab wann greift der Impfschutz überhaupt? Sind Ansteckungen trotz Impfung noch möglich? Und sind Geimpfte besser geschützt als Genesene? Ein Überblick.
Stuttgart - Von Woche zu Woche werden mehr Menschen gegen das Coronavirus geimpft. Gleichzeitig fallen für vollständig Geimpfte coronabedingte Einschränkungen weg. Doch ist das Risiko, das von geimpften Menschen ausgeht, wirklich so gering, dass solche Schritte gerechtfertigt sind? Wir geben Antworten auf wichtige Fragen.
Wann tritt der volle Impfschutz ein?
Generell schützt jede Impfung nicht sofort nach der Injektion, sagt Markus Rose, der Leiter des Zentralen Impfzentrums des Klinikums Stuttgart. Ein gewisser Schutz vor einer Corona-Infektion besteht etwa zehn bis 21 Tage nach der ersten Impfdosis. Ein bis zwei Wochen nach der zweiten Impfung tritt dann der maximale Schutz ein. Vollständig Geimpfte haben im Vergleich zu nicht Geimpften ein mehr als 95 Prozent geringeres Risiko, schwer an Covid-19 zu erkranken.
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„Das ist für eine Schutzimpfung ein sehr hoher Wert“, sagt Rose, der als Ärztlicher Leiter der Pädiatrischen Pneumologie, Allergologie und dem Mukoviszidosezentrum am Klinikum Stuttgart arbeitet. Allerdings gilt auch hier: „Die prozentuale Schutzwirkung einzelner Impfstoffe ist vom Gesundheitszustand, dem Alter und vielen anderen Besonderheiten der geimpften Person abhängig.“ Die Durchschnittswerte treffen also unter Umständen nicht für jeden zu. Neben dem individuellen Schutz ist auch der sogenannte Herdenschutz wichtig: „Wenn möglichst viele geimpft sind, hat der Einzelne ein geringeres Risiko, sich anzustecken.“
Wie häufig sind Corona-Infektionen bei vollständig geimpften Personen, und wie sind diese Fälle zu bewerten?
Dass sich Geimpfte trotzdem infizieren können, ist nicht verwunderlich. Bereits in den Zulassungsstudien hatte sich gezeigt, dass die Coronavakzine keinen vollständigen Schutz vor einer Ansteckung bieten. So verringerten die mRNA-Impfstoffe von Biontech/Pfizer und Moderna in den Phase-III-Studien das Risiko einer symptomatischen Corona-Infektion um 95 Prozent im Vergleich zur ungeimpften Placebogruppe. Auch unter den knapp 22 000 Geimpften wurden acht Infektionen mit Sars-CoV-2 festgestellt – gegenüber 162 in der gleich großen Placebogruppe.
EineAnsteckung trotz Impfung sei auch möglich, „wenn eine Infektion in den ersten Tagen nach der Impfung erfolgt ist, bevor der Impfschutz vollständig ausgebildet werden konnte“, heißt es beim Robert-Koch-Institut (RKI). Allerdings zeigen Studien, dass Geimpfte, die sich erneut infizieren, in der Regel keine oder nur leichte Krankheitssymptome aufweisen. Sie sind also deutlich besser vor einem schweren Coronaverlauf geschützt als Ungeimpfte.
Wie hoch ist das Risiko, dass Geimpfte andere Menschen anstecken, die noch nicht immun gegen Sars-CoV-2 sind?
Genau sagen lässt sich das bislang nicht. Auf Basis der vorliegenden Daten geht das RKI jedoch davon aus, dass Personen, die sich trotz Impfung infizieren, deutlich weniger Viren in sich tragen. Hinzu komme ein stark verkürzter Zeitraum, in dem diese Personen Viren ausscheiden. „In der Summe ist daher das Risiko einer Virusübertragung stark vermindert“, so das RKI. Daher spielen Geimpfte aus epidemiologischer Sicht „keine wesentliche Rolle“ mehr .
Nicht auszuschließen ist, dass Infektionen bei Geimpften leichter übersehen werden, da es in dieser Gruppe oft zum symptomlosen Verlauf kommt. Die Ständige Impfkommission (Stiko) empfiehlt deshalb auch Geimpften, weiterhin die allgemeinen Schutz- und Hygienemaßnahmen einzuhalten.
Geimpfte sollen bald genauso behandelt werden wie Personen mit negativem Schnelltest. Ist das sinnvoll?
Auf jeden Fall. Die üblichen Antigenschnell- und -selbsttests übersehen vergleichsweise viele Infektionen – vor allem in den ersten Tagen, in denen die Viruslast noch gering ist. Bei vielen dieser Tests bekommt rund die Hälfte der Menschen, die ohne Symptome infiziert sind, trotzdem ein negatives Ergebnis. Dadurch können Infizierte durchs Raster fallen, die bereits andere anstecken könnten.
Zudem liefern die Tests nur eine Momentaufnahme. Sie tragen zwar zur Verringerung der Ansteckungsgefahr bei, aber mit einem vergleichsweise hohen Restrisiko. Im Vergleich dazu schätzt das RKI die Wahrscheinlichkeit, dass Geimpfte Gesunde infizieren, als deutlich niedriger ein.
Ist der Schutz durch eine Impfung besser als durch eine natürliche Infektion?
Der Schutz aufgrund einer Impfung ist immer besser als eine Immunität, die aufgrund einer Infektion entstanden ist, erläutert der Stuttgarter Impfexperte Rose. Es ist ohnehin keine gute Idee, sich einem Infektionsrisiko auszusetzen, um sich zu immunisieren. Schließlich kann eine Infektion mit dem Coronavirus unter Umständen lebensbedrohlich verlaufen und gravierende Folgeschäden mit sich bringen.
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Studien zufolge haben zweimal Geimpfte in der Regel höhere Antikörperspiegel als Menschen, die von einer Covid-19-Erkrankung genesen sind. Es gebe aber auch Viruserkrankungen, bei denen eine natürliche Infektion einen länger andauernden Schutz bietet als eine Impfung, sagt Rose.
Wann sollten Menschen geimpft werden, die bereits eine Corona-Infektion überstanden haben?
Die aktuelle Empfehlung ist, frühestens sechs Monate nach überstandener Covid-19-Erkrankung gegen Corona zu impfen, sagt der Arzt Markus Rose. Hier reicht bei Menschen mit einem gesunden Abwehrsystem dann eine Dosis, um die durch die natürliche Erkrankung erworbene Immunität aufzufrischen.
Wie lange hält die Schutzwirkung der aktuellen Corona-Impfstoffe voraussichtlich an?
Da die Impfungen erst vor wenigen Monaten begonnen haben, liegen noch keine Langzeiterfahrungen vor. Vorsichtige Experten gehen davon aus, dass der Impfschutz mindestens sechs Monate hält. Der Gießener Virologe Friedemann Weber kann sich dagegen auch vorstellen, dass es genügen könnte, alle zwei Jahre mit einem jeweils an neue Virusvarianten angepassten Vakzin zu impfen. Auch wenn sich das Coronavirus weiter verändert, bedeutet dies nicht, dass die bisherigen Impfstoffe überhaupt nicht mehr wirken. Eine gewisse Grundimmunität bleibt wohl erhalten.