VDA-Präsident Wissmann (re.) forderte einen Kulturwandel in den Autokonzernen – dass er sich zum Ankläger erhob, verübelte ihm Daimler-Chef Zetsche. Das Foto zeigt die beiden bei einer Pressekonferenz in Berlin im Januar 2015. Foto: dpa

Der Auto-Branchenverband VDA ist einer der einflussreichsten Lobby-Verbände in Deutschland. An der Spitze steht seit 2007 Ex-Minister Wissmann. Ausgerechnet kurz vor der größten Show der Industrie, der IAA, machen Gerüchte über Spannungen mit dem Verband die Runde.

Berlin - Matthias Wissmann strahlt wie immer. In einer Internetkonferenz erzählt der Präsident des Verbandes der deutschen Automobilindustrie, welches Großereignis für die Branche in zwei Wochen bevorsteht. Die Digitalisierung sei das beherrschende Thema der 67. Internationalen Automobilausstellung IAA, die am 14. September in Frankfurt ihre Tore öffnet. Mehr als 800000 Besucher erwarte man und mehr als 300 Neugikeiten würden zu sehen sein. Kein Wort zu möglichen Dissonanzen zwischen ihm und den Herstellern, kein Wort dazu, dass der Verbandspräsident in Sachen Dieselskandal und Kartellabsprachen möglicherweise nicht ganz glücklich agiert hat. Das Thema klammert der Verbandschef gänzlich aus, er versichert nur, dass Bundeskanzlerin Angela Merkel zur Eröffnung der IAA sicher wieder ein Bekenntniss zum Verbrennungsmotor abgeben werde, neben den modernen alternativen Antrieben natürlich.

Für einen Perfektionisten wie Matthias Wissmann zählt es zu den schwierigsten Momenten, wenn sich die Dinge nicht so entwickeln, wie das der 68-Jährige Expolitiker und Verbandschef geplant und vorhergesehen hat. Dass es nicht rund läuft, weiß der Präsident des Verbands der Automobilindustrie. Wenn nun auch noch über seine vorzeitige Ablösung spekuliert wird, muss das Wissmann besonders schmerzen. Eitelkeit ist ihm nicht fremd. Penibel verfolgt er, welche Schlagzeilen über ihn gemacht werden. Die tiefe Vertrauenskrise der Automobilindustrie hinterlässt auch beim obersten Repräsentanten der Autoindustrie Spuren. Doch damit weiß Wissmann mit seiner jahrzehntelangen Erfahrung umzugehen. Den Gerüchten zum Trotz muss er nicht befürchten, in schwierigen Zeiten vom Hof gejagt zu werden. Kaum ein anderer VDA-Präsident hat so viel für die Autobauer und Zulieferer in Deutschland erreicht. Das wissen auch die Konzernchefs, weshalb ein baldiger Rausschmiss wenig plausibel erscheint. Daimler und BMW erklärten jedenfalls umgehend, dass eine Abberufung Wissmanns kein Thema sei. „Da ist nichts dran“, hieß es auch beim VDA. Dennoch beschäftigen sich die VDA-Mitgliedsunternehmen mit der Frage, wer das angekratzte Bild der Automobilindustrie auf mittlere Sicht aufpolieren soll.

Wissmann hinterlässt große Fußstapfen

Wissmann selbst hat intern klargemacht, dass dies seine letzte Amtszeit sein wird. Seit 2007 steht er an der Spitze des VDA. Schon vor einem Jahr stellte sich der gebürtige Ludwigsburger die Frage, ob er aufhört. Damals stand seine Wiederwahl an. Die Bosse aus Konzernen und mittelständischen Zulieferfirmen überredeten ihn, ein weiteres Mal zu verlängern. Wissmann war dazu gern bereit. „Wenn es stürmt, gehe ich nicht von Bord“, soll er gesagt haben. Schon damals war klar, dass der Abgasskandal die Industrie auf Jahre hin beschäftigen wird. Bis Herbst 2018 läuft Wissmanns Vertrag. Dann wird er 69 Jahre alt sein. Nach der jüngsten Entwicklung ist nicht auszuschließen, dass er einige Monate früher aufhört, falls er und die Vorstandschefs zu dieser Auffassung gelangen sollten. Die Suche nah einem Nachfolger sei also natürlich und auf keinen Fall ein Misstrauensvotum, heißt es. Doch die Autoindustrie muss erst einmal einen adäquaten Nachfolger finden. Er hinterlässt schließlich große Fußstapfen.

Kaum ein anderer Verbandschef in Berlin ist so gut vernetzt wie der frühere Verkehrs- und Forschungsminister mit CDU-Parteibuch. Die Kanzlerin kennt Wissmann bereits aus den Zeiten am gemeinsamen Kabinettstisch. Bis heute ist der Lobbyist mit halbem Herzen Politiker geblieben. Über die Debatten in Parteien und Fraktionen ist er bestens informiert. Wissmann weiß, wie er die Dinge für die Industrie voranbringt. Die Öffentlichkeit bekommt davon wenig mit. Was er alles erreicht hat, kann sich sehen lassen. In der Finanz- und Wirtschaftskrise 2009 setzte er zusammen mit den Gewerkschaften die staatliche Abwrackprämie durch, die Unternehmen vor dem Absturz bewahrte. Wenn in Brüssel über strikte Umweltvorschriften nachgedacht worden ist, gelang es Wissmann, mit seinen Kontakten in Berlin überzogene Regeln abzuwenden. Zuletzt erreichte er, dass die Bundesregierung eine staatliche Prämie für Elektroautos auf den Weg brachte – gegen den heftigen Widerstand des Bundesfinanzministers und der Unionsfraktion. Das ist keine schlechte Bilanz.

Entfremdung war unüberhörbar

Und dennoch verließ den Strategen in den vergangenen Monaten die Fortüne. Dass die Ergebnisse des Dieselgipfels schnell zerredet worden sind, ist nicht allein ihm anzulasten. Doch schon zu Politikerzeiten haftete ihm der Ruf an, in schwierigen Phasen abzutauchen. Im Dieselskandal hielt sich Wissmann jedenfalls auffallend zurück. Dafür bewies er seinen Mut möglicherweise an der falschen Stelle. Als Kartellvorwürfe gegen deutsche Autohersteller bekannt wurden, ging er – für ihn ungewohnt – zu einem frühen Zeitpunkt in die Offensive. Den Automanagern schrieb er ins Stammbuch, sie müssten sich kritischen Fragen offener stellen und mehr Selbstreflexion üben. Er forderte eine „kulturelle Neudefinition“ in den Unternehmen. Dass er sich zum Ankläger erhob, verübelte ihm Daimler-Chef Dieter Zetsche. Er sei überrascht über diese Worte gewesen, sagte Zetsche danach. Die Entfremdung war unüberhörbar. Doch vorerst braucht die Industrie Wissmann noch.

Mit dem bei ihm gewohnten Lächeln wird Wissman daher auch auf der IAA in Frankfurt wieder Opitimismus versprühen. „Keine andere Automobilmesse setzt den Schwerpunkt Digitalisierung so stark wie die IAA“, sagte der VDA-Präsident. Dies werde durch die Beteiligung zahlreicher IT- und Techfirmen wie Facebook , Google oder SAP deutlich. Facebook-Chefin Sheryl Sandberg halte auf der IAA nicht nur eine Rede, sondern suche dort nach neuen Partnerschaften. Zum Ende der Vorab-Pressekonferenz streifte er dann doch noch kurz die Dieselkrise. Mit den neuen europäischen Verbrauchsnormen werde mehr Transparenz geschaffen. „Wir hoffen, damit verloren gegangenes Vertrauen zurückzugewinnen.“

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: