Auf dem rechten Oberarm hat Alexander Esswein seine Oma Hildegard samt Geburtsdatum verewigt. Foto: Baumann

Seine Verpflichtung hat keine Jubelstürme ausgelöst, wofür Alexander Esswein Verständnis hat. Doch in La Manga präsentiert der Winterzugang des VfB Stuttgart sich top – auf und neben dem Rasen.

La Manga - Oma Hildegard klebt ihm immer am Arm. Seit Teenagertagen trägt Alexander Esswein diesen Schriftzug und das Geburtsdatum 30.07.1921 als Tattoo rechts auf dem Oberarm. 97 Jahre alt ist die Großmutter des Winterzugangs vom Fußball-Bundesligisten VfB Stuttgart mittlerweile. Das Gehen fällt ihr schwer, doch im Kopf ist sie noch topfit, macht jeden Tag ihre Kreuzworträtsel. Sie hat auch ein Handy und ruft regelmäßig bei ihrem Enkelsohn an – allerdings mittlerweile mehr um zu fragen, wie es der knapp zwei Jahre alten Urenkelin Emilia Malea geht.

„Sie ist jetzt die Nummer eins, ich bin ins zweite Glied gerückt“, sagt Alexander Esswein und lacht. „Meine Oma ist etwas Besonderes für mich. Sie hat mich größtenteils großgezogen, weil meine Mutter und mein Vater hart gearbeitet haben – sie hat mir viel mit auf den Weg gegeben.“ Dank seines Wechsels von Hertha BSC zum VfB, mit dem er zurzeit im Trainingslager im spanischen La Manga ist, ist er künftig wieder näher dran an der Oma in seinem pfälzischen Heimatort Bobenheim-Roxheim bei Worms. Das ist ein netter Nebeneffekt.

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Der Hauptgrund für die Leihe bis zum Saisonende mit Kaufoption war jedoch seine sportliche Situation. Der 28-Jährige mit den auffällig tätowierten Armen kam bei Hertha BSC nicht mehr in der Bundesliga zum Zug. Budissa Bautzen, Optik Rathenow und VSG Altglienicke hießen die Gegner stattdessen für ihn in der Hinrunde – sechsmal mischte der Mann mit der Erfahrung von 172 Bundesliga-Spielen (14 Tore, 15 Vorlagen) in der zweiten Berliner Mannschaft in der Regionalliga mit, freiwillig.

Warum seine Dienste bei Hertha BSC davon abgesehen nicht mehr gefragt waren? „Da bin ich der falsche Ansprechpartner, das muss man den Trainer in Berlin fragen“, sagt Alexander Esswein. Der Hertha-Coach Pal Dardai wird ihm also – im Gegensatz zum Leben in der Hauptstadt und diversen Ex-Kollegen – kaum fehlen: „Werde ich Pal Dardai vermissen? Im Moment wahrscheinlich eher nicht.“

Der erste VfB-Wintertransfer hatte nach der Bekanntgabe kurz vor Weihnachten angesichts seiner jüngsten sportlichen Bilanz nicht gerade Jubelstürme bei den Fans ausgelöst. Das hat Alexander Esswein zur Kenntnis genommen, aber schnell abgehakt: „Ja, natürlich kann ich das verstehen. Die Fans haben Angst um den Verein.“

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Der VfB-Sportvorstand Michael Reschke verfolgt den Weg von Alexander Esswein bereits seit 2011, als er ihn in den Relegationsspielen von Dynamo Dresden um einen Platz in der zweiten Liga gegen den VfL Osnabrück gesehen hat. „Mir hat an dem Spieler immer gefallen, dass er Wucht hat“, sagt der 61-Jährige über den früheren U-21-Nationalspieler. „Er hat Mentalität, Einstellung, Durchsetzungsvermögen. Das sind Fähigkeiten, die uns in unserer Situation weiterhelfen können.“ Deshalb hat er ihn geholt.

Schon seit der ersten Einheit in La Manga zählt Alexander Esswein im Training zur A-Elf. Im ersten Testspiel des VfB gegen den FC Utrecht (2:3) wusste der Flügelflitzer auf der rechten Außenbahn mit Tempo und Durchsetzungsvermögen zu überzeugen. Er spielte von Anfang an und als einer von drei Stuttgartern durch, wobei am Ende die Kräfte etwas ausgingen.

Bis jetzt macht es den Eindruck, als ob Alexander Esswein sehr wohl ein Mann für die Stammformation sein könnte und er bald seine erste Bundesliga-Minute in dieser Saison absolvieren wird. „Er hat Fähigkeiten, die uns gefehlt haben mit seiner Robustheit, seiner Geradlinigkeit und seiner Schnelligkeit“, sagt der Trainer Markus Weinzierl, der den Neuling aus gemeinsamen Zeiten beim FC Augsburg gut kennt.

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Mit seiner etwas schiefen Interpretation des Liedes „Wonderwall“ von Oasis hat Alexander Esswein („Da war ich wie in einem Delirium, das habe ich gar nicht richtig wahrgenommen“) gleich zum Einstand beim Abendessen in La Manga für gute Stimmung bei seinen neuen Mitspielern gesorgt. Wobei einige alte Bekannte darunter sind von seinen früheren Profistationen in Kaiserslautern, Wolfsburg, Dresden, Nürnberg und Augsburg. Allen voran Daniel Didavi, mit dem er sich bei Zweierübungen im Training gerne einen Ball teilt. Sie sind seit ihrer Zeit beim 1. FC Nürnberg befreundet, waren danach auch mal zusammen im Urlaub auf Hawaii.

„Ich will unbedingt wieder spielen“, sagt Alexander Esswein. „Ich will dazu beitragen, dass wir schnell da unten rauskommen.“ Und dann nach dem Ablauf seiner Leihe in Stuttgart bleiben. Ehefrau Franziska schaut sich am Mittwoch Wohnungen an, sie soll zeitnah mit Emilia Malea nachkommen. „Wir versuchen, schnell etwas zu finden. Pendeln halte ich für keine gute Idee. Ich will meine Tochter öfter als zweimal in der Woche sehen“, sagt der 28-Jährige.

Auf Oma Hildegard muss er im Stadion dagegen trotz des Umzugs in den Süden weiter verzichten. „Das geht nicht mehr“, sagt er. „Die Autofahrt wäre zu lang für sie.“

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