Die Schlagzeilen gehörten den Stars, die bei Weltmeisterschaften oder im Weltcup abgeräumt haben – doch der Wintersport hatte in dieser Saison viel mehr zu bieten. Die Menschen hinter sechs interessanten Geschichten sind auch in unserer Bilderstrecke zu sehen.
Stuttgart - Die Eisschnell-Läuferin Anna Seidel, die Skispringerin Carina Vogt, der Alpinstar Ted Ligety, der Kombinierer Johannes Rydzek, der Biathlet Simon Eder oder der Bob-Pilot Benjamin Maier – sie alle werden die zurückliegende Wintersaison als eine Besondere in ihrer Erinnerung behalten.
Gehhilfe statt Gold: Anna Seidel
Sie hatte sich so viel vorgenommen für die WM. Doch anstatt in der niederländischen Stadt Dordrecht vom 5. bis zum 7. März um die Titel im Shorttrack zu kämpfen, lag Anna Seidel im Krankenhaus in ihrer Heimatstadt Dresden. Am 2. März hatte sich die 22-Jährige in der Vorbereitung im Training in Dordrecht einen Schien- und Wadenbeinbruch zugezogen. Gehhilfe statt Gold. „Anna war in absoluter Topform. Sie hätte Medaillenchancen gehabt“, sagte Nadine Seidenglanz von der Deutschen Eisschnelllauf- und Shorttrack Gemeinschaft (DESG).
Die durch Corona verkürzte Saison war bis dahin fabelhaft gelaufen für Anna Seidel. Im Januar sorgte sie für ein dickes Ausrufezeichen bei der EM in Danzig – sie eroberte die Silbermedaille im Mehrkampf, was davor noch keiner deutschen Shorttrackerin gelungen war. Aber es durfte noch ein wenig mehr sein: Die Sächsin holte eine weitere Silbermedaille über 1500 Meter und Bronze über 1000 Meter. Doch kurz vor der WM war der Traum von weiteren Ehren vorbei. Mittlerweile hat Anna Seidel die Klinik wieder verlassen. „Es waren harte Tage für mich“, teilte sie mit, „jetzt schaue ich nach vorn und arbeite für mein Comeback.“ Das wird sie garantiert mit großer Leidenschaft tun, denn ihr Motto lautet: „Der Augenblick, wenn du aufgeben willst, ist der Augenblick, an dem du noch härter kämpfen musst.“
Ein bitterer Moment: Carina Vogt
Es gibt keinen Zweifel daran, dass Carina Vogt eine große Skispringerin ist. Nun, bei der Heim-WM in Oberstdorf, hat die Olympiasiegerin und fünfmalige Weltmeisterin die Chance genutzt, allen ihre wahre Größe zu zeigen – in einem der bittersten Momente ihrer Karriere. Im Springen von der Normalschanze war die 29-Jährige völlig aus der Spur geraten, der Konkurrenz weit hinterhergeflogen. Sie hätte nun alle möglichen Gründe für ihren Absturz anführen können: den Kreuzbandriss im Sommer 2019, die schwierige Rehaphase, die viel zu kurze Vorbereitungszeit, die rasante Entwicklung der Gegnerinnen. Stattdessen gewährte Carina Vogt einen Einblick in ihr Seelenleben („Ich habe das Gefühl komplett verloren, das tut schon richtig weh“) und nahm Bundestrainer Andreas Bauer in ihrer schonungslosen Ehrlichkeit gleich noch die Entscheidung ab, wen er denn im Mannschaftsspringen außen vor lassen sollte: „Ich muss realistisch sein. In der Situation, in der ich gerade stecke, bin ich dem Team keine Hilfe.“
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Wer den Ehrgeiz, den Willen und die Stärke von Carina Vogt kennt, der konnte erahnen, wie hart dieser Augenblick für sie gewesen sein musste – zu realisieren, dass sie es zwar trotz aller Widrigkeiten zur WM geschafft hatte, dort aber nach nur zwei Sprüngen schon wieder alles vorbei war. Mittlerweile hat Carina Vogt die nächste Knie-OP gut überstanden und ihre sportliche Perspektive fest im Blick. „Ich habe in den vergangenen beiden Jahren so viel investiert, dass ich weitermachen werde.“ Bis zu den Olympischen Spielen 2022 in Peking. Mindestens.
Der stille Abschied: Ted Ligety
Vor ein paar Tagen hat Ted Ligety in den sozialen Medien mal wieder ein Video vom Skifahren gepostet – was nicht überraschend war. Schließlich ging in der Schweiz das Weltcup-Finale über die Bühne. Ligety, 36-jähriger US-Amerikaner, allerdings hielt sich in seiner Heimat auf und filmte seinen dreijährigen Sohn Jax – und kündigte für sich selbst eine Rücken-Operation an. Ein Bandscheibenvorfall hatte schon Ligetys Start bei der WM in Cortina verhindert – und somit auch einen Abschied auf der großen Bühne, den der Skirennläufer durchaus verdient gehabt hätte. „Es ist eine schwere Entscheidung“, sagte Ligety zu seinem Rücktritt und berichtete von „gemischten Gefühlen“. Zweimal Gold bei Olympischen Spielen, fünf WM-Titel, 25 Weltcup-Siege, dazu fünfmal der Gewinn der Riesenslalom-Wertung. Keine Frage: Der alpine Skisport verliert einen weiteren seiner größten Stars. Und einen, der vor allem die Fahrweise im Riesenslalom einst auf ein neues Level gehoben hat. Dem Skisport bleibt er immerhin über seine eigene Firma (Skihelme und -brillen) erhalten – und der Kontakt zu Felix Neureuther wird wohl auch nicht abreißen. Ligety und der deutsche Ex-Skistar sind seit Jahren gute Freunde, weshalb eine von Neureuthers Lieblingsgeschichten weiterhin erzählt werden wird. Jene, wie dessen Mutter Rosi Mittermaier einst Ligetys Unterhosen wusch – immer dann, wenn der US-Boy im Hause Neureuther in Garmisch-Partenkirchen zu Gast war.
Peking im Blick: Johannes Rydzek
Wer in seinem Sport alles gewonnen hat, was es zu gewinnen gibt, der kann danach eigentlich nur verlieren – oder? Auf den ersten Blick könnte man meinen, dass es Johannes Rydzek genau so ergangen ist.
Der Kombinierer ist Doppel-Olympiasieger und sechsmaliger Weltmeister (2017 in Lahti holte er alle vier WM-Titel), bei Großereignissen sicherte er sich 16 Medaillen. Und trotzdem hatte er ein großes Ziel: die Heim-WM 2021 in Oberstdorf, seinem Geburts- und Wohnort. Doch ausgerechnet dort lief nicht viel zusammen. Rydzek (29) belegte in den beiden Einzelrennen weit abgeschlagen die Plätze 28 und 17, für die zwei Teamwettbewerbe wurde er gar nicht erst nominiert. Das schmerzte, klar, wie ein Verlierer aber fühlte sich Rydzek nicht. Und er verhielt sich auch anders.
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Statt sich enttäuscht zurückzuziehen, feuerte er die Kollegen an, stand den TV-Sendern als Experte zur Verfügung, tauchte als Fotograf an der Strecke auf. Das Bild, das der studierte Wirtschaftsingenieur abgab, war trotz aller Negativerlebnisse äußerst positiv. Und zugleich hat sich Rydzek seinen Ehrgeiz bewahrt, sein neues Ziel sind die Olympischen Spiele 2022 in Peking. „Dieser Winter war sicher nicht ganz optimal“, sagt er, „aber ich habe noch Bock.“ Er hat zwar schon alles gewonnen, die eine oder andere Medaille mehr darf es aber gerne noch sein.
Der Schnellschütze: Simon Eder
Als Simon Eder aus Saalfelden 1995 die Liebe zum Biathlon entdeckte, war Sprint-Weltmeister Martin Ponsiluoma in Östersund gerade geboren worden – diesen Winter waren sie Gegner im Weltcup, und der 38 Jahre alte Österreicher landete nicht nur einmal vor dem 25 Jahre alten Schweden. Nun zählt Simon Eder auf der Strecke nicht mehr zu den Allerschnellsten, am Schießstand macht der Österreicher seinem Spitznamen „Lucky Luke“ aber alle Ehre. Eder benötigt selten mehr als 20 Sekunden, um alle fünf Scheiben abzuräumen – nur der Franzose Emilien Jacquelin hält da mit. Und der Oldie erzielt dabei eine Trefferquote von grandiosen 96 Prozent liegend und bärenstarken 91 Prozent stehend. „Wenn man ein Rennen fehlerfrei hinbekommt, ist es ein ähnliches Gefühl, wie wenn man im Fußball ein schönes Tor macht“, sagte er einmal. Der älteste Biathlet im Zirkus hat in all den Jahren zwei Olympia- und drei WM-Medaillen gesammelt, die letzte kam erst kürzlich dazu: Eder gewann mit der österreichischen Mixed-Staffel Silber in Pokljuka. „Mittlerweile weiß ich, dass ich nicht ewig Biathlet sein kann – dieser Umstand und dass ich immer noch Fortschritte mache, sind mir Motivation“, sagte er kürzlich. Lucky Luke will auch bei den Winterspielen in Peking 2022 noch schneller schießen als sein Schatten.
Fahrt ins Glück: Benjamin Maier
Der österreichische Bobfahrer Benjamin Maier hat in der Welt des Sports den ungewöhnlichsten Sponsor, den man sich nur vorstellen kann – es ist der deutsche Bobfahrer Francesco Friedrich. Richtig: Auf dem Bob des Österreichers Maier pappt ein „Team-Friedrich“-Aufkleber, das ist in etwa so, als würde Borussia Dortmund mit dem Emblem des FC Bayern auf dem Trikot auflaufen. „Ich studiere den Franz schon seit zwei, drei Jahren und schaue mir von seinem Team enorm viel ab. Wir tauschen uns auch beim Wallner-Material mal aus. Er inspiriert mich und hat mir schon enorm geholfen“, sagt Maier über Friedrich, der nicht nur sein Vorbild ist, sondern auch ein wichtiger Unterstützer. Nach Ansicht des Sachsen Friedrich müssten die Bobfahrer zusammenhalten wie eine Familie, folglich ist sein Engagement für Maier selbstverständlich. „In Österreich fehlt es an Unterstützung“, sagt Friedrich, dessen Hilfe für den Rivalen mit 500 Euro für ein Crowdfunding-Projekt begann.
Bei der WM in Altenberg holte Maier nun im Vierer Silber – hinter Friedrich! Es war Österreichs erste WM-Medaille seit 1995, damals wurde Hubert Schösser mit seinem Bob Zweiter. „Das ist für uns ein gewaltiger Erfolg und der bisher größte überhaupt“, sagte Maier ganz im Glück. Was aber ist, wenn er seinen Mäzen einmal schlagen sollte? Dann werde es eine Extraprämie geben, hat Friedrich schmunzelnd zu Protokoll gegeben.