Winterfreuden in Stuttgart Als der Schlossplatz tatsächlich im Schnee versank

Von Uwe Bogen 

Früher war mehr Schnee: Der Winter hat am Wochenende Stuttgart erreicht und in den nächsten Tagen kann es noch mehr schneien. Wir haben historische Schneebilder aus der Stadt.

Stuttgart - Der Winter hat mit Schnee, Eis und Kälte endlich auch Stuttgart erreicht - nach einem gefühlten Endlosherbst. Das erinnert etliche Leserinnen und Leser des Stuttgart-Albums an die Schlittenhänge und Eislaufbahnen ihrer Jugend.

War der Feuersee im 19. Jahrhundert größer als heute? Diesen Eindruck gewinnt, wer das Schwarz-Weiß-Foto von 1890 sieht, das aus der erst 14 Jahre davor fertiggestellten Johanneskirche im Westen gemacht worden ist. Die Aufnahme stammt aus dem Buch „Stuttgart – Eine Stadt verändert ihr Gesicht“, vom Stadtmedienzentrum herausgegeben. Der zugefrorene See ist übersät mit schwarzen Punkten. Die Eisläufer haben an der Rotebühlstraße viel Spaß, aber bei diesem Andrang wenig Platz für Pirouetten. Denn es stehen auch viele ohne Schlittschuhe auf dem See im Weg.

Schade, dass damals die Erfindung der Videokamera noch in weiter Ferne lag. Man würde gern sehen, wie geschickt oder unbeholfen die nichts als dunkel gekleideten Herrschaften über die Eisplatten gerutscht sind. Die Frauen trugen Kopfbedeckungen und weite Röcke für ihren Wintertraum, den man 1890, zu den Regierungszeiten von König Karl, noch nicht auf dem Schlossplatz angesiedelt hatte, wo heute keiner so genau weiß, was nun wichtiger ist: die Eisbahn oder der Glühweinausschank?

Schneechaos in Stuttgart in den 1960ern

Der Feuersee – der Name sagt es schon – war der See gegen das Feuer. Anfang des 18. Jahrhunderts ist der Teich als Speicher für Löschwasser angelegt worden. Die Menschen nutzten die Anlage schon früh zur Erholung. Die neugotische Johanneskirche, von 1865 bis 1876 erbaut, war Stuttgarts erster Kirchenneubau nach der Reformation.

Von der Johanneskirche fehlt inzwischen die Spitze, die nach der Zerstörung des Weltkrieges nicht wiederaufgebaut worden ist – und an der Königstraße fehlt der Kleine Schlossplatz, den wir auf dem Foto von einem schneereichen Winter Ende der ­1960er sehen. Thomas Mack hat uns diese Aufnahme geschickt, die zwei Polizisten in Weiß zeigt und überhaupt viel Weiß im Herzen der Stadt. Es fährt noch die Strampe, und der kleine Torbogen vor dem Kleinen Schlossplatz stammt vom Kronprinzenpalais, das nach heftigem Streit in der Stadt an dieser Stelle dem Verkehr weichen musste.

Thomas Mack erinnert sich an ein „Schneechaos“ in den 1960ern: „Leider fiel die Schule nicht aus, da wir uns noch keine Monatskarten leisten konnten und zu Fuß unterwegs waren – zum Teil fuhr die Strampe ohne Anhänger und war überfüllt.“

Daniela Weh hat auf unserer Facebook-Seite ein Foto aus den Weinbergen in Uhlbach geschickt, das aus dem Winter 1967/1968 stammt. Zu sehen sind Bambusstöcke und Schnürstiefel.

Rainer Müller schreibt über einen Februartag vor über 50 Jahren: „Innerhalb von 24 Stunden fielen im Stadtgebiet 40 bis 55 Zentimeter Schnee. Es war kein Auto und keine Straßenbahn zu sehen. Doch die Stuttgarter wussten sich helfen. Auf Skiern kamen sie die Gerokstraße oder die Neue Weinsteige herunter. Die Nichtskifahrer machten sich zu Fuß auf, um im Gänsemarsch auf Trampelpfaden an ihren Arbeitsplatz zu kommen.“

Wintersport in Stuttgart - Schlittenfahrt am Bismarckturm

Ski und Rodel gut – so hieß es damals oft im Wintersportort Stuttgart. Ein beliebter Schlittenhang war der Berg unterhalb des Bismarckturms, an denen sich etliche Internetnutzer des Stuttgart-Albums erinnern. „Da habe ich als Kind vor 45 Jahren mit meinem Vater Drachen steigen lassen und bin im Winter Schlitten fahren gegangen“, schreibt Marc Simianer, „jetzt fahre ich mit dem Motorrad im Sommer zum Bismarckturm und schaue mir den Ort meiner Jugend von oben an.“ Beliebt waren auch der Hang am Schloss Solitude und die Rodelbahn, die an der Doggenburg begann und heute noch durch die Bodenmulde erkennbar ist.

Unser 72-jähriger Leser Günther Mohr erinnert sich gern an den Schlittenspaß bei der Doggenburg. Hier der Auszug seines schwäbischen Gedichts, das er über seine Jugend im Winter geschrieben hat:

„Kommt d’r erschte Schnee em Wender,

freiat sich scho älle Kender.

Se holad ihre Schlitta raus

ond gangat schleunigscht aus em Haus.

En Stuagard gibt’s a Schlittabah,

wo a jeder rodla kah.

Droba uff d’r Doggaburg, am Kräherwald,

versammlat sich älle, Jong ond Alt.

Neb’ranander send zwoi Bahna,

bis na ens Däle, ma ko’s ahna.

Dia rechte isch für kloine Kender,

au dia wellat Schlitta fahra em Wender.

Dia lenke isch für alde Hasa,

dia mit em Schlitta nonder rasad.

Des send dia Rotzlöffel vom Weschta,

dia gäbat älles nur vom Beschta.“

Im Silberburg-Verlag sind zwei Bücher zum Stuttgart-Album erschienen.

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