Der Winterdienst war am Montag in den frühen Morgenstunden im Rems-Murr-Kreis stark gefordert. Auch Bahnfahrer brauchten gute Nerven. Foto: Kevin Lermer, Eva Schäfer

Über Nacht versinkt der Rems-Murr-Kreis im Schnee: Dutzende Unfälle, ausgefallene S-Bahnen und Schulen. In Backnang wird ein OB-Einsatz zum Symbol des Morgens.

Der Winter kam in der Nacht auf Montag mit voller Wucht in den Rems-Murr-Kreis. Mehr als 20 Zentimeter Schnee verwandelte die Landschaft vielerorts in eine postkartenreife Schneelandschaft – mit fatalen Folgen für den Alltag: Stau, Blechschäden, Stillstand.

 

Wie das Polizeipräsidium Aalen in mehreren aufeinanderfolgenden Lagemeldungen am Montag mitteilt, kam es im gesamten Präsidiumsbereich zu massiven witterungsbedingten Behinderungen. Besonders hart traf es den Rems-Murr-Kreis. Bereits zwischen Sonntag, 17 Uhr, und Montag, 5 Uhr, zählte die Polizei 65 Verkehrsunfälle, davon 44 allein im Rems-Murr-Kreis – mit einem Gesamtschaden von rund 300.000 Euro. Drei Menschen wurden leicht verletzt, einer davon in Backnangs Umgebung.

Zweite Unfallwelle: Montagsfrüh noch einmal 25 Zusammenstöße

Und das war nur der Anfang. In einer zweiten Mitteilung um 10:28 Uhr meldete das Polizeipräsidium Aalen: Zwischen 5 Uhr und 10 Uhr kamen noch einmal 25 Unfälle im Zuständigkeitsbereich des Präsidium, zu dem auch der Ostalbkreis sowie der Landkreis Schwäbisch Hall gehören, hinzu und bis 15 Uhr weitere zehn.

Der Rems-Murr-Kreis blieb erneut trauriger Spitzenreiter: Insgesamt 17 zehn Unfälle wurden nachgemeldet, glücklicherweise ohne Verletzte, aber mit zum Teil erheblichen Blechschäden. Auch in den angrenzenden Landkreisen setzte sich das Winterchaos fort.

Die Rems-Murr-Welt war am frühen Montagmorgen im Schnee versunken. Foto: Frank Rodenhausen

Besonders auffällig: Trotz der intensiven Räumarbeiten und Vorwarnungen über Wetter-Apps und lokale Dienste schienen viele Verkehrsteilnehmende vom Ausmaß des Schneefalls überrascht – oder schlicht überfordert mit den winterlichen Fahrbedingungen. Die Polizei appellierte, nur notwendige Fahrten anzutreten und die Wetterlage ernst zu nehmen.

S-Bahnen lahmgelegt, Schule fällt aus – der Kreis im Ausnahmezustand

Der Winterdienst kam vielerorts an seine Grenzen. Auf den Straßen krochen Autos im Schneetempo durch die Städte – oder standen still. In Weinstadt schloss das Remstal-Gymnasium seine Sporthallen: Zu gefährlich sei die Schneelast auf dem Dach, teilte das Sekretariat mit. Der Unterricht fiel aus.

Auch an anderen Schulen im Rems-Murr-Kreis wurde flexibel reagiert. Wer wegen des Schnees zu spät oder gar nicht kam, galt in vielen Fällen als entschuldigt – „höhere Gewalt“ eben. Die Ausnahmeregelung sorgte bei betroffenen Eltern zumindest für ein wenig Entspannung.

Reisende nach Berlin: „Ich hoffe sehr, dass ich irgendwie weiterkomme“

Auch im ÖPNV brauchte man gute Nerven. Die S-Bahn zwischen Cannstatt und Waiblingen stellte zeitweise den Betrieb ein.Je nach Ziel brauchten die Fahrgäste gute Nerven. So auch Sonja Gärtner aus Aichwald: „So wie ich das jetzt sehe, fällt mein IC anscheinend aus“, sagte sie, als sie am späten Vormittag in der S2 in Richtung Stuttgart saß und auf dem Handy die Verbindung überprüfte. Sonja Gärtner wollte mit dem IC von Stuttgart nach Berlin. „Ich hoffe sehr, dass ich irgendwie weiterkomme“, sagte die Frau aus Aichwald. Mit dem Rollkoffer im Schnee war der Weg zur S-Bahn-Station auch beschwerlich. Mit dem Auto sei die Fahrt nach Berlin aber angesichts der Wetterlage für sie keine Option.

Auch die Bahn kämpfte mit den Schneemassen. Foto: Eva Schäfer

„Bloß nicht mit dem Auto“, das sagten auch die beiden Fahrgäste, die in Schorndorf-Weiler in die S2 stiegen. Sie wollten nach Stuttgart, die S-Bahn rollte am späten Vormittag im Halbstundentakt. „Die Bahn kommt sogar pünktlich“, sagten die beiden, sie hätten sich vorher nochmals versichert und geschaut, welche Bahn ausfalle und welche nicht. Dass zahlreiche Verbindungen am Montag wegfielen, das traf viele Fahrgäste.

„Wir nehmen lieber die Stadtbahn nach Bad Cannstatt“, sagte das Ehepaar, das am späteren Montagmorgen am Fellbacher Bahnhof stand. Die Anzeige verwies auf die ausgefallenen Züge – die S-Bahn rollte nur halbstündlich. Da sei die Stadtbahn für sie besser. Die beiden hatten sich von Neugereut am Montagmorgen zu Fuß nach Fellbach aufgemacht, um etwas zu erledigen, erzählen sie. „Es war ein wunderschöner Schneespaziergang, wir haben das richtig genossen“, sagen die beiden strahlend. „Wann hatte es denn schon mal so viel Schnee?“, sagten sie und schwärmten von dem Fußmarsch von Neugereut über Schmiden bis nach Fellbach.

Auf der Autobahn nachts nach Fellbach: „Es war gruselig“

Wer einen Termin hatte oder mit dem Auto oder der Bahn unterwegs sein musste, konnte die Schneepracht weniger genießen. „Es war gruselig“, sagte Julian Fanz. Er war am Sonntagnacht mit dem Auto von München nach Fellbach unterwegs. Er hatte bei einem Umzug von Freunden geholfen. „Wir sind um halb acht los und waren um 1 Uhr nachts in Fellbach“, sagt er. Manchmal seien sie von der Autobahn runter und auf Landstraßen ausgewichen. Aber es sei abenteuerlich gewesen. Auch auf der Autobahn seien sie teils weniger als 50 km/h gefahren. „Ich habe im stündlichen Takt meiner Mutter Bescheid gegeben, wo wir sind“, sagte der junge Mann. Man habe auch besonders auf die Fußgänger achten müssen, die auf der Straße liefen statt auf den zugeschneiten Gehwegen.

Hartgesotten zeigt sich ein Mann, der mit dem Rad aus dem Aufzug am Fellbacher Bahnhof aussteigt: „Klar geht das heute mit dem Rad“, sagt er. Auch auf dem Gleis hatte ein Fahrgast sein Rad dabei – aber das war die Ausnahme. Steve Blessing war eine der Fahrgäste am Fellbacher Bahnhof, die auf die S-Bahn nach Stuttgart wartete. „Ich nehme lieber die Bahn als den Bus“, sagte sie. Der Bus sei ihr derzeit zu unsicher.

OB im Räumdienst: Nah dran, früh unterwegs – und viral

Während die einen mit Bus und Bahn, die anderen mit dem Eiskratzer kämpften, war Backnangs OB Maximilian Friedrich schon unterwegs – nicht im Dienstwagen, sondern im Schneepflug. Gemeinsam mit dem Ersten Bürgermeister Stefan Setzer begleitete er in der Nacht und am frühen Morgen den Winterdienst des Baubetriebshofs. Ein kurzes Video auf Facebook zeigt ihn im orangefarbenen Räumfahrzeug – und schlug ein wie eine Schneeball-Lawine: Mehr als 1000 Likes, mehr als 100 Kommentare.

„Toll, dass sich ein OB nicht zu schade ist, mit anzupacken“, schrieb eine Nutzerin. Andere lobten die „Wertschätzung“ für die Bauhof-Mitarbeiter. Kritik? Vereinzelte Stimmen bemängelten Symbolpolitik. Der Tenor aber war eindeutig: Nahbarkeit kommt an.

Zwischen Dank, Frust und offenen Fragen

Doch nicht alle konnten das Schneechaos mit Humor oder Gelassenheit nehmen. In den Kommentaren mischten sich Dank und Anerkennung mit Ärger über ungeräumte Straßen, verspätete Einsätze und fehlende Planbarkeit. „Nach welchem Prinzip wird geräumt?“, fragte eine Nutzerin. „Und warum erst so spät?“ Der Frust saß tief – gerade bei jenen, die nicht im Homeoffice arbeiten können.

Trotzdem: Der Einsatz war enorm, die Belastung hoch. Und der Winter hat erst begonnen. Bleibt zu hoffen, dass die Lektionen aus diesem Morgen nicht im Tauwasser der nächsten Wetterlage verloren gehen.