Mit einer Zeitbombe wollte Georg Elser Hitler stoppen. In Winterbach erinnert sein Neffe Rudolf Hangs an ihn – mit einem Nachbau, der jedes Jahr am 8. November „explodiert“.
Rudolf Hangs lehnt sich nach vorne. Er beugt sich über das hölzerne Gehäuse, in dem zwei Uhren übereinander montiert sind. Es klickt – und kurz darauf ertönt ein lauter Knall. So klingt sie, die Bombe und „Höllenmaschine“ seines Onkels Georg Elser, die am Abend des 8. November 1939 im Münchner Bürgerbräukeller explodierte. Mit dem Ziel, Adolf Hitler und seine engsten Gefolgsleute zu töten.
Hangs hat eben jenen Zündmechanismus in seinem Haus in Winterbach (Rems-Murr-Kreis) nachgebaut. Er ist präzise wie das Original – nur der Sprengstoff fehlt. Der Raum, in dem die Vorrichtung steht, ist ein warmer, heller Dachboden mit Holzbalken, Bücherregalen und einer kleinen Sitzecke. Zwei gegenüberliegende Fenster lassen Licht herein, an den Wänden hängen Bilder. Dazwischen: der Nachbau der Bombe. Der Kontrast könnte kaum größer sein zwischen der gemütlichen Atmosphäre und dem stillen Stück Geschichte, das Hangs hier aufbewahrt.
Der Anschlag auf Hitler scheiterte. Denn Hitler hatte seine Rede am 8. November 1939 ungewöhnlich früh beendet, weil dichter Nebel Flüge ab München verhinderte. Statt mit dem Flugzeug reiste er mit dem Zug zurück nach Berlin – und verließ den Saal 13 Minuten bevor die Bombe explodierte. Acht Menschen starben, Hitler überlebte.
Ein Knall als Erinnerung an den 8. November 1939
Jedes Jahr am 8. November um Punkt 21.20 Uhr ertönt der Knall in Rudolf Hangs’ Dachgeschoss im Remstal. Für Hangs ist dieser Moment kein Spektakel, sondern ein stilles Gedenken. „Mein Onkel wollte den Krieg verhindern“, sagt er. Seine Stimme ist ruhig, fast sachlich. „Wenn ich den Knall höre, erinnere ich mich dann daran, was passiert wäre, wenn das geklappt hätte.“
Viele Historiker rätselten bis heute darüber, was geschehen wäre, wenn die Bombe Hitler getötet hätte, sagt Hangs. Er ist überzeugt: Die Geschichte hätte einen anderen Verlauf genommen. Die Vernichtung der Juden, sagt er, hätte es „so sicher nicht gegeben“. Einen Krieg in diesem Ausmaß wohl auch nicht.
Das Schweigen in Rudolf Hangs Familie
Rudolf Hangs wurde 1942 geboren. Er hat seinen Onkel nie kennengelernt. „Da war er schon im KZ Sachsenhausen, später wurde er in Dachau ermordet, am 9. April 1945.“ Erst 1950 erhielt Hangs’ Großmutter den amtlichen Bescheid über den Tod ihres Sohnes. In seiner Familie wurde jahrzehntelang nicht über Georg Elser gesprochen: „Das war ein Tabuthema.“ Im Alter von 13 Jahren erfuhr Hangs in der Schule, dass Georg Elser sein Onkel ist. „Ich war völlig überrascht“, erinnert er sich.
In den 1960er Jahren tauchten schließlich Dokumente und Verhörprotokolle auf, die erstmals belegten, wie genau Elser das Attentat geplant hatte. „Da kam raus, wie das alles abgelaufen ist“, sagt Hangs: „Man hat ja damals nicht geglaubt, dass er das allein war.“ In den Protokollen war zu lesen, dass Elser die Bombe selbst gebaut, getestet und eingebaut hatte.
Die geduldige Arbeit des Kunstschreiners
Auf einem Tisch in Rudolf Hangs’ Dachgeschoss steht eine Uhr – Georg Elser hat sie einst Hangs Eltern Hangs geschenkt. „Er war ein Kunstschreiner, der Möbel und Uhren fertigte und meine Verwandten mit Holztabletts versorgte“, erzählt Hangs. Elser habe sich alles selbst beigebracht, präzise und geduldig gearbeitet, bis ins Detail. „Die Zündung der Bombe war das wichtigste Element. Eine patentfähige Meisterleistung.“
Über 30 Nächte verbrachte Georg Elser im Münchner Bürgerbräukeller, um die hohe Säule hinter dem Rednerpult auszuhöhlen und die Bombe hineinzulegen – unbemerkt und allein. „Immer mit der Gefahr, dass jemand hereinkommt, ein Nachtwächter vielleicht“, sagt Hangs leise. „Diese Nerven muss man erst mal haben. Wäre er entdeckt worden, wäre alles vorbei gewesen.“ Später baute Elser die Bombe im Konzentrationslager nach, um zu beweisen, dass er alleine gehandelt hatte. Die Nationalsozialisten nannten die Apparatur „Höllenmaschine“, so Hangs.
Der Anschlag von Georg Elser
- Datum: 8. November 1939
- Ort: Bürgerbräukeller in München
- Ziel: Adolf Hitler und die NS-Führung töten, um den Krieg zu verhindern
- Vorbereitung: Elser baute die Bombe über mehr als 30 Nächte in eine Säule hinter dem Rednerpult ein
- Scheitern: Hitler beendete seine Rede früher – er verließ den Saal 13 Minuten vor der Explosion
- Folgen: Acht Tote, Hitler überlebte
Die geteilte Familie des Attentäters
In der Familie gingen die Meinungen auseinander. „Die eine Hälfte war strikt gegen das Attentat, die andere Hälfte hat gesagt: Hätte es doch nur geklappt.“ Hangs selbst stand früh auf der Seite der Befürworter. „Mein Vater ist 1944 im Krieg gefallen. Ich hatte einen Riesenhass auf Hitler.“
Hangs erinnert sich gut an das Schweigen während der Nachkriegszeit. „Wer Elser hieß, hatte keine guten Karten“, sagt er. Nach dem Tod seines Vaters zog seine Mutter mit ihm nach Königsbronn – den Ort, aus dem auch Georg Elser stammt. „Dort war das lange ein Makel“, sagt Hangs. „Viele wollten mit dem Namen Elser nichts zu tun haben.“
Wie Rudolf Hangs das Vermächtnis bewahrt
In den 1970er Jahren begann Hangs alles zu sammeln, was er über seinen Onkel finden konnte: Zeitungsausschnitte, Dokumente, Bücher. Im Jahr 2012 entschloss er sich, die Bombe seines Onkels nachzubauen. Ein Journalist brachte ihn auf die Idee: „Der Ulrich Renz, der Hefte über Georg Elser geschrieben hat, wollte immer wissen, wie das funktioniert hat“, erzählt Hangs. Drei Jahre lang arbeitete er an dem Modell, das heute in seinem Dachgeschoss steht. „Das Handwerk liegt wohl in der Familie“, sagt er und lächelt.
Wie sein Onkel ist auch Rudolf Hangs ein Mann, der gerne etwas mit den Händen schafft. Nach der Schule begann er eine Lehre bei Voith in Heidenheim. Die Ausbildung sei einmalig gewesen, so Hangs. Danach absolvierte er eine Weiterbildung zum Maschinenbautechniker und wechselte später zu Daimler nach Stuttgart. „Da war ich dann 38 Jahre lang, bis 2004.“ Er leitete 20 Jahre ein Elektroniklabor. „Das war ein sehr interessanter Job.“
Heute hält er Vorträge, zeigt Schulklassen die Funktionsweise der Bombe, und spricht über seinen Onkel. „Man muss den Kindern sagen, was damals alles passiert ist. Das ist schon wichtig.“ Acht Schulklassen habe er allein durch die jüngste Ausstellung in Winterbach, die Georg-Elser-Wander-Ausstellung, geführt.
Späte Anerkennung für Georg Elser
Lange hat es Rudolf Hangs geärgert, dass Georg Elser kaum Beachtung fand, während etwa die Widerstandskämpfer um Claus Graf von Stauffenberg für das Attentat vom 20. Juli 1944 gefeiert wurden. Heute ist er froh, dass sich das Bild von seinem Onkel gewandelt hat: „Der Elser wird inzwischen gewürdigt, sogar vom Bundespräsidenten“, sagt er. Frank Walter Steinmeiers Satz sei ihm im Gedächtnis geblieben: „Das Grundgesetz kennt das Widerstandsrecht, weil es Georg Elser kennt.“ Hangs nickt. „Das ist das Vermächtnis meines Onkels.“
Und doch bleibt das Gedenken für Rudolf Hangs etwas sehr Persönliches, jedes Jahr, in seinem eigenen Haus. Auch in diesem Jahr hallte der Knall am 8. November um Punkt 21.20 Uhr wieder durch das Dachgeschoss in Winterbach – 86 Jahre nach dem gescheiterten Attentat im Bürgerbräukeller. Es ist ein Geräusch gegen das Vergessen – ausgelöst von einem Mann, der die Geschichte seines Onkels am Leben hält.