Vor dem Floating steht schweißtreibende Arbeit: man muss in einen Ganzkörperanzug schlüpfen, dann folgt ein wasserdichter Neoprenanzug samt Stiefeln und Haube Foto: Ruka Adventures

Der finnische Winter ist die ideale Zeit, sich zu entspannen – ob im eiskalten Fluss, zwischen hunderten Rentieren, am Lagerfeuer oder in einer heißen Eis-Sauna.

Ruhige Atemzüge, 25-mal. Gut eine Minute lang. Timo Lampila taucht seit vielen Jahren jeden Morgen bei Myllykoski, der alten Mühle, kurz hinter den Stromschnellen ins Wasser des Kitkajoki, der den oberen mit dem unteren Kitkajärvi verbindet. „Das gibt mir Kraft für den ganzen Tag“, sagt der drahtige 43-Jährige.

 

Joki bedeutet Fluss, Järvä See. Sag niemand, finnisch sei eine schwere Sprache. Kippis sagt man beim Zuprosten, wobei: Eigentlich sagt man Hyödyksi. Und da wird es doch schwierig bei einer Sprache, in der Eingang Sisäänkäynti und Guten Appetit Hyvää ruokahalua heißt.

Die Steigerung von Polarlicht heißt „Elfentanz“

Zurück zu Timo Lampila. Seit zehn Jahren ist der ausgebildete „international wilderness guide“ im Oulanka-Nationalpark 20 Kilometer von der Grenze zu Russland entfernt unterwegs. Im Winter führt er Wanderer in der Dunkelheit auf schmalen tief verschneiten Pfaden des Kleinen Bären-Trails zu reißenden Stromschnellen und über schmale Hängebrücken, zeigt ihnen an guten Tagen das Polarlicht und an besonders guten den „Elfentanz“, bei der bunte Lichtvorhänge mit unglaublicher Geschwindigkeit direkt aus dem Zenit von allen Seiten auf einen herabstürzen.

„Die Samen nennen das Feuer-Fuchs. Diese Aurora-Corona ist ein Feuerwerk ohne Getöse“, sagt Lampila und reicht bei eine Pausen-Tasse mit heißem Johannisbeer-Glögi, einer Art Glühwein. Schließlich steht das Thermometer bei minus 19 Grad Celsius. „Manchmal geht’s bis auf minus 35 Grad“, sagt Lampila. Peanuts für die Einheimischen.

Die Finnen gehen gerne in die Sauna Foto: Ruka Tourismus/Pyhäpiilo

Dass es da in Finnland mehr Saunen als Autos gibt, leuchtet ein. Seit Ende 2020 steht die finnische Saunakultur auf der Liste des immateriellen Unesco-Kulturerbes. Löyly, der Aufguss, und zarte Schläge mit dem Birkenreisig inklusive. Rund 3,5 Millionen Saunen soll es in Finnland geben. Bei rund 5,5 Millionen Einwohnern. Ob die typische Rauchsauna mit Blick auf Gondeln, Lifte und Pisten auf dem 493 Meter hohen Gipfel des gut ausgeleuchteten Skigebiets in Rukatunturi oder die aus 600 Kilogramm schweren und 60 Zentimeter dicken Eisblöcken gebaute Eis-Sauna mit Abkühlung in einem Avanto, dem gut 50 Meter entfernten Eisloch am Ufer des Pyhajärvi – die Sauna kommt aus Finnland. „Yes!!!“, sagt Tourismus-Expertin Vilma Helimäki. Von nirgendwo anders. Keine Diskussion!

Schwerer Schnee auf schlanken Fichten

So sieht es auch Theresa Rauma. Die 34-Jährige lädt in ihre frisch renovierte Hütte, die Kota, ums offene Feuer zu typischen finnischen Speisen und Getränken ein. Fisch aus dem Kitka-See bei dem Flecken Vasaraperä, Fleisch aus den dunklen Wäldern drumherum, fermentierter Kohl und Gemüse, rote Beete, Kartoffeln („Finnland ist ein Kartoffelland“), Gerstenkuchen und vieles mehr. Ihr polnischer Mann Tomasz Bogacz, ein gelernter Koch, legt derweil Holz nach und bereitet das Essen vor.

Die Region Ruka im Norden Finnlands Foto: STZN/Lange

Meistens arbeitet dass Ehepaar sommers wie winters als Führer durch die Natur, baut mit Gästen Vogelhäuschen und wandert stundenlang durch den dichten Tann. Seit acht Jahren haben sich die beiden für die Natur entschieden. Sie wohnen im Ferienhaus von Theresas Eltern direkt an Finnlands einzigem Quellsee.

Auch Marco hat es zu Finnlands Wäldern gezogen. Der junge Italiener aus der Gegend von Mailand arbeitet im Winter als Abenteuer-Guide. Dieses Jahr will er auch den Sommer über bleiben. Mit ihm geht es irgendwo zum Ufer des Kitka-Flusses. Auf dem Programm steht „River Floating“.

Es soll tiefenentspannt wirken, langsam einige hundert Meter auf dem Wasser zu treiben, den schweren Schnee auf den Ästen der schlanken Fichten zu betrachten und ansonsten zu wissen, dass der eiskalte Fluss an dieser Stelle keine anderthalb Meter tief ist.

Bis es aber soweit ist, hat Marco seinen Gästen schweißtreibende Arbeit verordnet. Erst schlüpfen sie in einen Ganzkörperanzug und streifen sich Wollsocken über. Es folgen ein wasserdichter Neoprenanzug mit integrierten Stiefeln, Handschuhe, eine hautenge Gummihaube, darüber der Schutzhelm, zum Schluss die Schwimmweste. Da ist man gut verpackt. Nach 200 Metern Fußmarsch kostet der Einstieg ins Wasser doch etwas Überwindung. Aber Marco hält sein Versprechen.

Eiskaltes Vergnügen Foto: Rukasafaris/Harri Tarvainen

Still gleiten die menschlichen Thermo-Pakete auf dem ruhig fließenden Wasser dahin, über sich nur den Himmel. Nach einer Viertelstunde dann der vorher geprobte Ausstieg – und die Vorfreude auf die anschließende zweite Tour. Der heiße Früchtetee danach tut gut.

Den gibt es auch auf Kujalans großer Rentier-Farm, seit 1860 und in fünfter Generation in Familienbesitz. Hier überwintern ab Oktober hunderte Rentiere, die erst im April wieder in die Wälder entlassen werden, damit die Rentier-Babys nach der Geburt in der Wildnis groß werden und überlebensfähig sind. Das schaffen sie in zwei Tagen. „Jedes Rentier in Finnland ist halbwild und hat einen Besitzer“, sagt Elina Juhani, „es ist mit GPS zu orten und gezählt.“

Für Rentiere gibt es nur zwei Dinge: essen und schlafen

Längst sind die Samen keine Nomaden mehr. Verliebt streichelt Elina Juhani ein kleines sanftes Rentier an der Leine namens Vesku. „Sie weiß, dass sie der Star der Farm ist!“ Ein Schneemobil rauscht durchs Gehege und verteilt Silo-Futter in langen Reihen. „Eigentlich gibt es für die Tiere nur zwei Dinge“, sagt Elina, „essen und schlafen.“ In kurzem Abstand.

Dass Rentiere nach dem Polarbären das dichteste Fell haben, durch meterhohen Schnee Gräser riechen, jedes Jahr ihr Gehörn verlieren, über zehn Jahre alt werden und im Sommer einen Aktionsradius von bis zu 200 Kilometern haben – Elina weiß eine Menge zu erzählen. Wie Piritta Liikka, die im Gehege Rentier-Yoga anbietet. Was wohl die Rentiere neben einem darüber denken?

Elina Juhani Foto: Molitor

Die Finnen sind eben ein besonderes Völkchen. Angeblich das glücklichste der Welt. „Die Entfernung macht uns happy“, glaubt Jari Karjalsainen vom Service- und Kulturzentrum in Kuusamo lächelnd. Sein Nachbar wohne 400 Meter von ihm entfernt, die Türen seien immer unverschlossen. Dass er 195 Kilometer zum nächsten Kaufhaus fahren muss, um einen Anzug zu finden, was soll’s: „Entfernung ist für uns kein Problem.“

So war es schon, als die Region Ruka 1937 nur 1000 Einwohner zählte. Heute sind es 15 000, „aber vor Jahren waren es noch 19 000“, sagt der 56-Jährige. Viele Junge ziehe es nach Helsinki. Nicht zu ändern. Aber warum solle man weg? Bei diesen Mittsommer- und Polarlichtnächten. Von diesen herrlichen Seen und tiefen Wäldern. Jari schüttelt den Kopf. Wie sagt ein finnischen Sprichwort: „,Wie ist die Welt doch so groß und weit‘, sprach die Alte, als sie einen Stock zur Saunatür hinausstreckte.“

Info

Anreise
 Mit Lufthansa von Frankfurt nach Ruka/Kuusamo, www.lufthansa.com , oder von Stuttgart mit Eurowings nach Rovaniemi, www.eurowings.com . Weiter mit dem Zug PYO 265 nach Kuusamo, www.vr.fi/en.

Unterkunft
Iisakki Village by Ruka Safaris: weitläufige schöne Anlage mit urigem Kontioluola Restaurant. Doppelzimmer mit Frühstück ab 200 Euro, Superior-Villa (Glas-Iglu) ab 450 Euro, Lodges am See mit Kamin, Küchenzeile, Sauna und Whirlpool Preis auf Anfrage, https://rukasafaris.fi . Arctic Lumo Resort: private, im Dezember 2025 eröffnete Anlage mit 20 Glas-Bungalows zwischen Fichten, sehr schöner Weitblick bis nach Ruka, Doppelzimmer mit Vollpension (zwei Tage Minimum) mit Aktionsprogramm 2000 Euro, www.lumoresort.com . Rukan Salonki Sky View Villa: Veskaranta-Holz-Doppelhaushälfte mit Frühstück, drei Tage 1800 Euro, zweistöckiges Appartement, Sauna-Blick auf den See, zwei Schlafzimmer und zwei Badezimmer, Kamin und moderne Küchenzeile, Haustiere erlaubt, www.rukansalonki.fi .

Aktivitäten
River Floating (Treibenlassen auf dem Fluss Kitkajoki), zweieinhalb Stunden mit Einführung und Transfer ab Hotel, inklusive wasserdichter und warmer Neoprenausrüstung samt Schwimmweste und Schutzhelm; pro Person 100 Euro; www.rukaadventures.fi .Wilderness Lunch in Vasaraperä village by Wild Out Finland, zweieinhalb Stunden, drei Gänge um ein Kota-Kaminfeuer, bis zu zehn Personen in einer Kota (Hütte) pro Person ab 129 Euro, www.wildout.fi .Kujala Rentier-Farm in Nissinvaara, seit fünf Generationen in Familienbesitz, von Oktober bis April morgendliche Fütterung von hunderten Rentieren, pro Person ab 27 Euro; Rentier-Yoga (eineinhalb Stunden) ab 42 Euro, www.kujalareindeerfarm.com .Geführte abendliche Schneeschuhwanderung, Treffpunkt im Base Camp des Oulanka-Nationalparks in der Region Juuma. Schuhe, Stöcke und Stirnlampe werden gestellt. Dauer zwei bis vier Stunden. Geführte Wanderung zu Stromschnellen und über den zwölf Kilometer langen Kleinen Bear-Trail (der ganze Weg ist 82 Kilometer lang), pro Person 79 Euro, www.beartrail.fi . Saunen: Pyhäpiilo by Rukan Salonki, Rauch- und Eissauna, Abkühlung im 50 Meter entfernten See Pyhäjärvi, zwei Stunden pro Person ab 65 Euro, www.rukansalonki.fi . Sauna Base Eat&Heat, rund 490 Meter hoch gelegen mit Blick auf Abfahrten im Skigebiet an der Ski-Gondelstation in Rukatunturi, zwei Stunden kosten 25 Euro, warmer Pool 33 Grad, kaltes Becken 8 Grad, www.baseeatheat.fi/en . Fotoausstellung und Geschichtliches im Tourismus-Service Karhuntassu Tourism und Culture Centre im Zentrum von Kuusamo, www.karhuntassu.fi/en/ .Das Ski Resort – 22 Lifte, rund 19 Kilometer Pisten – ist zwischen Mitte Oktober bis Anfang Mai geöffnet. Skipass für drei Tage: 160 Euro pro Erwachsener. Huskytouren, Rentierausflüge und Schneemobil-Safaris finden zwischen Dezember und April statt, www.lappland.ruka.fi .

Allgemeine Informationen
Infos zum Polarlicht unter Ruka Webcams unter www.ruka.fi , Finnland Tourismus, www.visitfinland.com