Ikone der Befreiung oder ungeliebte Querulantin? Winnie Mandela bei einer Demonstration gegen die Apartheid im Jahr 1987. Foto: AFP

Winnie Mandela wird am Samstag öffentlich beerdigt. Um ihr Erbe streiten sich Parteien und Weggefährten. Der skurril wirkende Kampf spiegelt die Zerrissenheit des Landes.

Johannesburg - Es war weder eine Welle noch ein Sturm, es war ein Tsunami. Kurz nachdem sich der Tod Winnie Mandelas herumgesprochen hatte, wurden Südafrikas Fernsehstationen von einer Flut an Sendungen mit nur noch einem Thema erfasst: der glorreiche Beitrag der „Mutter der Nation“ zur Befreiung des Landes. Zeitungen quellen seit fast zwei Wochen von verherrlichenden Nachrufen über. Der regierende Afrikanische Nationalkongress lädt täglich zu einer weiteren der über das Land verteilten Gedenkveranstaltungen ein.

Am Samstag wird das endlos erscheinende Requiem in einem Staatsbegräbnis gipfeln, zu dem sich Politprominenz aus aller Welt angekündigt hat: Nur der Tod von Winnies ehemaligem Ehemann hatte vor vier Jahren noch größere Aufmerksamkeit erregt. Doch während Nelson Mandelas Sterben monatelang von der Weltpresse begleitet worden war, tauchten Winnies postmortale Festspiele wie aus dem Nichts auf. Die Heldin des Befreiungskampfs war in den vergangenen Jahren in der Versenkung verschwunden.

Sie war umstritten wie keine andere

  Nicht ohne Grund. Vor ihrem Tod über Winnie Mandela zu sprechen konnte nur schiefgehen. Sie war so umstritten wie keine andere der südafrikanischen Heldenfiguren. Während der Glorienschein ihres ehemaligen Ehemanns täglich heller strahlte, waren über Winnie längst finstere Wolken aufgezogen. Winnie hatte den Hierarchen der zur Partei mutierten Befreiungsbewegung nur Ärger bereitet. Sie war, wie ein führendes ANC-Mitglied klagte, zu einer „Rakete“ geworden, die „ohne Fernsteuerung“ unterwegs war.

  Genaugenommen war der stolzen Schönheit gehorsame Unterordnung noch nie leicht gefallen. Bereits als Mädchen soll sie sich in ihrer Heimat, der ländlichen Transkei, wilde Stockkämpfe mit Jungen geliefert haben. Ihre Mutter starb, als Winnie gerade einmal acht Jahre alt war. Von ihrem Vater, einem Lehrer, lernte sie die Verachtung der weißen Kolonisatoren, aber auch die Wertschätzung ihres Bildungssystems. Sie ließ sich in Johannesburg zu einer der ersten schwarzen Sozialarbeiterinnen des Landes ausbilden und begegnete dort Nelson Mandela, dem attraktiven Star des sich unter seinem Einfluss radikalisierenden ANC. Eine Liebe zwischen zwei ungewöhnlich willensstarken Persönlichkeiten begann.  Sie stand unter keinem guten Stern.

Eingesperrt und gefoltert

Während Nelson auf der Gefängnisinsel Robben Island inhaftiert war, war sie einem gnadenlos brutalen Alltag ausgesetzt.   Denn schnell hatten die Apartheidherrscher ihre Visiere auf die knapp 30-jährige Rebellin gerichtet, die den Kampf gegen den Rassismus fortzusetzen suchte. Ein ums andere Mal wurde Winnie des Nachts von Sicherheitspolizisten heimgesucht, mit Auflagen schikaniert und schließlich für 491 Tage in Isolationshaft gesperrt und gefoltert (ihre beiden Kinder durfte sie bei ihrer Verhaftung nicht einmal in die Obhut einer Verwandten geben).

Ihre Tortur war mit der Freilassung längst nicht zu Ende. Nach dem Schüleraufstand in Soweto 1976 wurde Mama Winnie mit ihrer jüngsten Tochter in das gottverlassene Dorf Brandfort verbannt. Erst acht Jahre später kehrte Winnie aus ihrem „kleinen Sibirien“ nach Soweto zurück – direkt ins Kriegsgebiet. Radikalisierte Jugendliche suchten auf Geheiß des ANC das Land „unregierbar“ zu machen: In den Straßen des Schwarzen-Ghettos lieferten sich Steine werfende schwarze Demons­tranten ungleiche Schlachten mit scharf schießenden weißen Soldaten.  

Sie selbst legte sich zu ihrem Schutz eine Schlägertruppe, den Mandela United Fußballclub, zu, dessen gewalttätige Umtriebe bald auch ANC-Führer vor den Kopf stießen. Unter anderem fiel dem Club der 14-jährige Stompie Seipei zum Opfer, an dessen Ermordung Winnie beteiligt gewesen sein soll: Sie wurde Anfang der 90er Jahre zu sechs Monaten Haft wegen Entführung verurteilt. Das Monument der Mutter der Nation begann zu zerbrechen.

Ihre Ehe stand fast nur auf dem Papier

  Inzwischen werden allerdings Zweifel an Winnie Mandelas Verstrickung in die Ermordung Stompies laut. Sie sei zum Opfer einer Rufmordkampagne der Sicherheitspolizei geworden, erklärte deren ehemaliges Mitglied Paul Erasmus jetzt pünktlich zu den Winnie-Festspielen. Praktisch der gesamte Fußballclub habe aus Spitzeln bestanden. Dass er mit seiner Enthüllung bis zu Winnies Tod wartete, stärkt die fragwürdige Glaubwürdigkeit des ehemaligen Apartheid-Schergen allerdings nicht. Im Dickicht der einstigen Dämonisierungs- und heutigen Glorifizierungskampagne droht die Wahrheit für immer verloren zu gehen.  

Affären und Alkohol

Nicht weniger umstritten sind die Ereignisse um die Freilassung Nelson Mandelas, mit dem Winnie 38 Jahre lang verheiratet, aber nur sechs Jahre lang zusammen war. „Ich war die unverheiratetste Ehefrau der Welt.“ Dass sie mit ihrem freigelassenen Ehemann sogleich in Clinch geriet, werten ihre Kritiker als Insubordination einer vom rechten Pfad abgekommenen Diva, die Affären mit jungen „Comrades“ unterhielt und sich dem Alkohol zugewandt hatte. Demgegenüber sehen ihre Freunde darin einen emanzipatorischen Akt: Winnie habe gegen die sowohl von ihrem Mann wie von ihrer Organisation erwartete Unterordnung revoltiert und sei deshalb als mutige Feministin zu feiern.

  Winnie Mandelas Biografie spiegelt die ganze Zerrissenheit des Landes: Auch im neuen Südafrika ließ sie sich nicht unter Kontrolle bringen. Als eine der wenigen ANC-Größen brachte sie den Mut auf, die verheerende Aids-Politik von Mandelas Nachfolger, Thabo Mbeki, zu geißeln. Und dessen Nachfolger Jacob Zuma warf sie vor, den über 100-jährigen ANC mit seinen korrupten Machenschaften zu zerstören. Die Regierungspartei war sich ausnahmsweise mit den liberalen Medien einig, dass man die Querulantin links liegen lassen sollte: Auch ihre Nähe zur Partei der ANC-Abweichler, der Economic Freedom Fighter (EFF), machte sie unangenehm.  

Seit ihrem Tod ist diese Gefahr nun gebannt. Die ungesteuerte Rakete fliegt nicht mehr und kann sich auch nicht mehr gegen ihre Vereinnahmung wehren. Der ANC hat indessen erkannt, dass er zumindest das Gedenken an die widerspenstige Heldin unter seine Kontrolle bringen muss. Nicht zuletzt deshalb, weil sich die Freedom Fighter und ihr aus dem ANC ausgeschlossener „Oberbefehlshaber“ Julius Malema bereits das Vermächtnis der Verstorbenen unter den Nagel zu reißen suchen.

Mama Winnie sei von ihrer eigenen Partei um das Amt der Staatspräsidentin betrogen worden, tönt Chefpopulist Malema. Ihr Andenken sei bei den Ökonomischen Befreiungskämpfern besser aufgehoben. Dieser Kampf um das kollektive Erinnern zeigt: Die künftigen politischen Schlachten am Kap der Guten Hoffnung werden auf dem linken Flügel des Parteienspektrums geschlagen. Dort, wo sich Millionen von desillusionierten Jugendlichen und Arbeitslosen sammeln.

Menschliche Zwischentöne gehen unter

Soll Mama Winnies Zorn posthum nicht noch größeren Schaden anrichten, muss er vom ANC eingefangen werden.   Was dabei auf der Strecke bleibt, ist die Person Winnie Mandela mit allen ihren Widersprüchen – die leisen Töne, die von der dröhnenden Verherrlichung zugedeckt werden. Dazu gehört die Erzählung Herman Jouberts, eines weißen Redakteurs der konservativen, Afrikaans-sprachigen Zeitung „Beeld“, der einst in einer schlaflosen Nacht aus Versehen die Telefonnummer Winnies angewählt hatte und seiner Gesprächspartnerin auf deren Aufforderung sein Herz ausschüttete. Die legendäre Kämpferin hörte dem Vertreter der anderen Seite der Gesellschaft und Geschlechterbarriere lange zu, um ihm schließlich ihr Mitgefühl und Mut zuzusprechen. Danach habe er erstmals seit Monaten wieder ruhig schlafen können, berichtet Joubert.

  Solche Erzählungen sind nicht selten. Wer zuhört, kann im Glorifizierungsgetöse immer wieder auch Nachklänge von Winnies Menschlichkeit vernehmen. Von einer Person, die sich das Leiden anderer zu eigen machen konnte und der das Schicksal der in der politischen Wende vernachlässigten Bevölkerungsmehrheit nicht gleichgültig war. Dass diese Person auch Schwächen hatte, ist eine Selbstverständlichkeit, zu deren Verständnis man nicht einmal die ihr zugefügten Demütigungen heranziehen muss. Denn Menschsein geht bekanntlich mit Fehlbarkeit einher. Nur leblose Heroen machen keine Fehler. Mama Winnie war eine solche nicht.

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