Gerhard Zastrow ist genervt: Seit einem halben Jahr stockt die Sanierung seiner Wohnung an der Forststraße im Schelmenholz. Foto: Gottfried Stoppel

Wegen eines nicht von ihm verursachten Wasserschadens musste Gerhard Zastrow vor acht Monaten seine Wohnung in Winnenden verlassen. Diese gleicht einer verlassenen Baustelle. Wer kommt für die Kosten auf?

Wann ist Gerhard Zastrows Heim wieder bewohnbar? Der Winnender wagt da keine Prognose. „Seit einem halben Jahr ist meine Wohnung eine Ruine, und ein Ende dieses Zustandes ist nicht absehbar“, sagt er. Sein Viereinhalb-Zimmer-Heim befindet sich in einem der drei Hochhäuser an der Forststraße im Gebiet Schelmenholz. Seine Wohnungstür im fünften Stock des Gebäudes schließt er derzeit ungern auf, denn der Anblick dahinter schmerzt ihn. Die Räume sind im Rohbau-Zustand. Alles bis auf die Deckenverkleidung wurde herausgerissen. Küche, WC und Bad existieren nicht mehr.

 

Der Grund: Wegen eines Lecks an einem Abwasserrohr zwei Stockwerke über seiner Wohnung musste er seine 1996 erworbene Immobilie am 8. August des vergangenen Jahres verlassen. Es hatten sich Wasserflecken und Schimmel gebildet. Feuchtigkeitsmessungen ergaben, dass die Wohnung saniert und für mindestens zwei Monate geräumt werden muss. Die Möbel hat Zastrow seitdem bei einer Spedition eingelagert. Es selbst ist mit nunmehr 58 Jahren wieder in sein früheres Kinderzimmer eingezogen: „Seit Anfang August 2022 wohne ich provisorisch wieder in meinem Elternhaus in Waldstetten bei Schwäbisch Gmünd“, sagt der Beamte.

Im Flur steht ein Sack mit Gipsspachtelmasse

Seine Wohnung in Winnenden gleicht einer verlassenen Baustelle. Im Flur steht ein 25-Kilo-Sack mit Gipsspachtelmasse. Vermutlich hat ihn ein Handwerker vergessen. Der Sack lehnt wie ein Mahnmal an der verputzten Wand. Als Symbol des Stillstandes. „Seit dem Abzug der Bautrockner Ende September 2022 ist in der Wohnung nichts mehr geschehen“, beteuert Zastrow. Die Geschichte, die er zu berichten hat, beginnt vergleichsweise harmlos. Eine einen Stock tiefer wohnende Nachbarin informiert ihn am 3. April 2021, dass sich Wasserflecken an ihrer Badezimmerdecke abzeichnen. Zastrow benachrichtigt die Hausverwaltung. Diese schickt eine Firma zur Ortung des Lecks. Ein Mitarbeiter schlägt ein Loch in die rückwärtige Wand von Zastrows Toilette: „Er stellte bei der Kontrolle fest, dass immer wieder Wasser außen an dem Fallrohr herunterlief“, erzählt er. Für eine Untersuchung des Rohrs mit einer TV-Kamera fehle ihm aber das Gerät, habe der Handwerker erklärt.

Die Hausverwaltung beauftragt einen zweiten Betrieb, der das Leck in den höher gelegenen Etagen finden sollte. Doch nach mehreren Anläufen sei diese Aktion abgebrochen worden, sagt Zastrow. Geblieben ist das Loch in seiner Toilettenwand. Wann es geschlossen wird, kann keiner so genau sagen. Manches an dem Fall erinnert an eine Satire. Nur ein Beispiel: Zastrow erkundigt sich neun Monate nach dem ersten Handwerkerbesuch bei der Hausverwaltung mal wieder nach dem Sachstand. Er erinnert sich mit einem Kopfschütteln an das folgende Telefongespräch mit einem Sachbearbeiter. „Er fragte mich, ob denn noch immer Wasser außen am Fallrohr herunterlaufe.“ Zastrow antwortete mit einem Anflug von Sarkasmus: „Ja, von allein wird das Loch sicher nicht zuwachsen.“ So vergeht Tag um Tag.

Zastrow fühlt sich gefangen in einer kafkaesken Situation: „Obwohl ich immer wieder durch E-Mails und Telefonate bei der Hausverwaltung vorstellig wurde, geschah über Monate nichts“, sagt er. So kommt wohl, was kommen musste. Am 27. Mai 2022 geht das Wasserschaden-Drama in seine finale Phase: „An meinem Heizungsrohr im Bad drückte seitlich Wasser aus dem Boden“, berichtet Zastrow. Er versucht tagelang das Wasser mit Badetüchern abzufangen. In dem herausgeschlagenen Guckloch in der Toilette verfolgt er, wie außen an dem Rohr immer mehr Wasser herunterläuft. Ende Juni 2022 ortet eine wiederum neu beauftragte Sanitärfirma endlich das Loch im siebten Stock des Gebäudes und repariert das Rohr.

Doch das Drama geht nahtlos weiter

Doch das Drama geht für Zastrow nahtlos weiter. Seit einem halben Jahr stockt die Sanierung seiner Wohnung. Es geht um die Übernahme der Kosten. Die Gebäudeversicherung will nur Teile bezahlen. Alles, was in Bad und Toilette zerstörungsfrei hätte entfernt werden können, müsse nun auch wieder eingebaut werden, argumentiert die Assekuranz. „Aber ich war in die Sanierung in keiner Phase eingebunden, das war Sache der Hausverwaltung“, erklärt Zastrow. Ob seine ausgebauten sanitären Anlagen noch existieren, wisse er überhaupt nicht.

Umso überraschter ist er, als ihm der Projektleiter der Sanierungsfirma im September 2022 eröffnet, er solle sich nun selbst um Rohre sowie um Bad und Toilette kümmern. Zastrow hat endgültig genug, er ist genervt vom Schadensmanagement der Verwalterfirma und lässt die Angelegenheit juristisch klären. Im Januar 2023 hat Zastrows Anwalt Klage beim Amtsgericht Waiblingen eingereicht. Der Fachanwalt für Baurecht hat die Wohneigentümergemeinschaft (WEG), vertreten durch die Hausverwaltung, auf Wiederherstellung der Bewohnbarkeit von Zastrows Wohnung verklagt. Der Streitwert liegt bei 50 000 Euro.

Die Hausverwaltung mit Sitz in Waiblingen will sich zu dem Fall nicht äußern. Der einzige Kommentar der Geschäftsführung der BvWv GmbH Hausverwaltungen auf unsere Nachfrage: „Aufgrund des laufenden Verfahrens können wir keine Stellungnahme abgeben.“