Pierre-Enric Steiger, der Präsident der Björn-Steiger-Stiftung. Foto: dpa

Ein tragischer Unfall in Winnenden hat vor 50 Jahren dafür gesorgt, dass die Notrufnummern 110 und 112 eingeführt wurden. Der Bruder des damals verstorbenen Jungen leitet heute die Stiftung.

Winnenden - Pierre Steigers Leben ist geprägt von einem Unglück, das jetzt 50 Jahre zurückliegt. Er selbst war noch nicht auf der Welt - da passiert seinen Eltern, was für Mütter und Väter das wohl Schlimmste ist: Sie verlieren ihren achtjährigen Sohn Björn, der auf dem Nachhauseweg vom Schwimmbad durch ein Auto verletzt wird. Sein Vater findet den Sohn rasch, aber fast eine Stunde dauert es, bis der Rettungswagen anrückt. Während der Fahrt zur Klinik stirbt Björn vor den Augen seines Vaters Siegfried Steiger - nicht an seinen Verletzungen, sondern an einem Schock. Ein vermeidbarer Tod, wenn der Junge früh genug behandelt worden wäre.

Der tödliche Unfall vom 3. Mai 1969 lässt Siegfried Steiger und seine Frau Ute nicht in Schmerz verharren. Sie verwandeln ihre Verzweiflung in Energie und gründen nur zwei Monate später die Björn Steiger Stiftung, um die deutsche Notfallhilfe zu verbessern. Jahrzehntelang engagieren sich Vater und Mutter dafür. „Das Thema war 24 Stunden präsent“, erzählt Steiger junior. „Es gab auch Zeiten, da war’s mir zuviel.“

Der gelernte Bankkaufmann wollte ursprünglich auf dem Frankfurter Börsenparkett Karriere machen. Doch das sei nichts für ihn gewesen, erzählt der dreifache Vater. Es folgen Selbstständigkeit in der Werbe- und Versicherungsbranche, zwischendurch auch Arbeit für die Stiftung. Diese ist seit etwa einem Jahrzehnt dann doch sein Beruf und seine Berufung: Zum Jahresbeginn 2010 übergab Vater Steiger kurz nach seinem 80. Geburtstag den Stab an seinen jüngeren Sohn. Seitdem ist Pierre Steiger Präsident der Stiftung. „Es ist wie ein Virus“, meint der 47-Jährige beinahe schicksalsergeben.

Am kommenden Freitag jährt sich Björns Tod zum 50. Mal. Anlass für die Stiftung, einen Gedenkstein mit dem Konterfei des Jungen an der Unfallstelle feierlich zu enthüllen. Darüber hinaus haben ehemalige Klassenkameraden Björns einen Gedenkgottesdienst organisiert. Pierre Steiger hat diese Menschen erst vor kurzem zufällig kennengelernt. „Bis dahin habe ich nur die Sichtweise meiner Eltern auf Björn gekannt.“ Und die Erinnerungen der älteren Schwester, die Björn noch gekannt hat, seien nur schemenhaft. Dass sein unbekannter Bruder ein aktives aufgewecktes Kind mit vielen Freunden gewesen sein muss, war ihm nicht bewusst. Die Erzählungen der Zeitzeugen haben sein Bild von Björn komplettiert - „sie haben ihn nahbarer gemacht“.

DRK-Generalsekretär Christian Reuter würdigt das Engagement der Steigers

Pierre Steiger profitiert heute von der Aufbauarbeit seiner Eltern. Gleich das erste Projekt war ein großer Wurf: die Ausstattung der Straßen mit Notrufsäulen. Wegen der Handy-Verbreitung wurden die einst rund 8000 orangenen Lebensretter mittlerweile abgebaut - bis auf 1056 in Baden-Württemberg. Sie stehen insbesondere noch in Regionen mit schlechtem Handyempfang.

Weitere Meilensteine waren die Einführung der bundesweiten Notrufnummer 110/112 (1973), der erste Baby-Notarztwagen (1974), Einführung der Defibrillation durch Laienhelfer (2001) und die Handy-Ortung durch Rettungsleitstellen (2006) - um nur einige zu nenen. Das neueste Vorhaben der Stiftung mit ihren 200 000 Förderern sind die mobilen Retter - qualifizierte Ersthelfer wie Krankenschwestern oder Feuerwehrleute, die nach einem Training im Notfall vor Ort helfen.

DRK-Generalsekretär Christian Reuter würdigt das Engagement der Steigers: „Wir schätzen die Arbeit und die Bedeutung der Björn Steiger Stiftung, vor allem wenn es um die Rettung von Menschenleben und speziell um den Kampf gegen den Herztod geht.“

Pierre Steiger legt aber auch den Finger in die Wunden des deutschen Rettungswesens. So sei es noch nicht gelungen, die Hilfe den modernen Klinikstrukturen mit weniger Einheiten anzupassen. Fahrzeuge seien dadurch beim Patiententransport länger gebunden und bei einem weiteren Notfall dann zeitlich in Verzug. Auch die Personalsituation im Rettungswesen sei nicht befriedigend. „Der Zivildienst war das einfachste Rekrutierungsinstrument, viele sind dadurch in den Job reingeschlittert.“ Er fügt hinzu: „Der Zivildienst für alle könnte viele Probleme lösen.“

Überdies sei die Qualität der Hilfe im Notfall von Bundesland zu Bundesland sehr unterschiedlich. „Gute Versorgung ist reine Glücksache, je nach dem wo man gerade ist.“ Deshalb sei das größte Ziel der Stiftung noch lange nicht erfüllt: sich überflüssig zu machen. Der Präsident ist überzeugt: „Wir sind leider noch immer nötig.“

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