Winfried Kretschmann wirbt bei seinen Wählern um Verständnis Foto: dpa

Winfried Kretschmann hat sich seit der Volksabstimmung zum Projekt Stuttgart 21 in zwei langen Briefen an alle Baden-Württemberger gewandt. Vor allem an jene, die den Grünen und ihrem Vormann Verrat vorwerfen.

Stuttgart - Ministerpräsidenten wenden sich äußerst selten per offenem Brief an die Bürger, seltener, als amerikanische Präsidenten zur Lage der Nation sprechen. Winfried Kretschmann hat sich seit der Volksabstimmung zum Projekt Stuttgart 21 in zwei langen Briefen an alle Baden-Württemberger gewandt. Vor allem an jene, die den Grünen und ihrem Vormann Verrat vorwerfen. Die Lage ist ernst. Weniger für die Bürger, mehr für die Grünen, die auch im Stadtparlament der Landeshauptstadt so etwas wie Regierungspartei sind. Stuttgart 21 ist für sie plötzlich ein wunder Punkt.

Seitenlang führte Kretschmann schon im Februar 2012 aus, warum er sich an die aus seiner Sicht verlorene Volksabstimmung vom September 2011 über das Kündigungsgesetz zur Finanzierung des Bahnprojekts halten müsse. Am 27. März 2014 griff der Ministerpräsident erneut zum Füller. Die Argumente haben sich auf den sechs Seiten seit 2012 nicht verändert. Das Werben um Verständnis klingt aber sieben Wochen vor der Kommunalwahl dringlicher durch.

Die Grünen können in ihren Reihen etliche Kopfbahnhof-Protagonisten vorweisen. Dazu zählen neben Winfried Kretschmann Stuttgarts OB Fritz Kuhn, Tübingens telegener OB Boris Palmer oder der Stuttgarter Verwaltungsbürgermeister Werner Wölfe. Diese Männer haben auch wegen ihres Widerstandes gegen das Milliardenprojekt S 21 Karriere gemacht. So wie es Mandatsträger in der CDU die Karriere kostete.

Den Protest auf der Straße haben die Grünen im Januar 2014 verlassen. Sie traten aus dem Aktionsbündnis Kopfbahnhof 21 aus. Der Rückzug war nicht übereilt, sondern überlegt. Im Kreisverband der Öko-Partei und bei den führenden Köpfen im Rathaus gab es schon im Frühjahr 2013 die Einschätzung, dass man in der kleiner werdenden Protestmenge vor dem Hauptbahnhof und den anschließenden Straßenblockaden keine neuen Freunde grüner Politik gewinnen, aber Wähler aus dem bürgerlichen Milieu verlieren könnte. Fachlich und „aktionstechnisch“ wolle man den Protest dennoch stützen, sagte die Grünen-Kreisvorsitzende Petra Rühle nach dem Ausstieg aus dem Aktionsbündnis.

Der Rückzug kam bei den Mitstreitern schlecht an, auch wenn SÖS und Linke die Profilierung als einzig aufrechte und harte Gegner nun leichter fällt. Der Rückzug der Grünen ist noch immer Thema, auch bei den Demonstrationen gegen das Bahnprojekt.

Ihre Gegnerschaft zum Tiefbahnhof plakatieren die Grünen bei der Kommunalwahl erstmals bewusst nicht. Das Thema werde selbst bei privaten Treffen mit wichtigen Öko-Protagonisten gemieden, man spreche, peinlich berührt, stattdessen über bessere Busverbindungen, schildern Vertraute. Am 25. Mai wird man sehen, ob diese Strategie aufgeht.