Windkraft im Harthäuser Wald Fledermauskrimi vor versteckter Kamera

Von Eberhard Wein 

Der Windpark im Harthäuser Wald soll wieder der größte im Land werden. Doch leider gab es schon an den bestehenden Anlagen ein Fledermausmassaker, sagen Naturschützer. Oder sind die Kadaver nur untergeschoben?

Hardthausen - Der Titel ist futsch. Seit sich bei Lauterstein (Kreis Göppingen) 16 Windräder drehen und Strom für 34 000 Haushalte liefern, ist der Windpark im Harthäuser Wald (14 Räder, 32 000 Haushalte) nur noch auf Platz zwei im Land. Völlig geräuschlos gingen die Lautersteiner Windräder Mitte September im Beisein des Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann (Grüne) in Betrieb. Ganz anders war es ein knappes Jahr zuvor bei der Einweihung am Seehaus in Widdern (Kreis Heilbronn). Da wurde der grüne Landesvater von den Mitgliedern der Schutzgemeinschaft Harthäuser Wald niedergebrüllt. Bloß gut, dass Kretschmann noch unter dem Eindruck einer Chinareise stand. „Wie schön. Da merkt man gleich, dass man wieder daheim ist“, kommentierte der Ministerpräsident die Proteste.

Der Titel soll zurück

Jetzt soll der Titel des größten Windparks zurück ins Hohenlohische. Fünf weitere Anlagen hat der Betreiber beantragt, der Heilbronner Energieversorger Zeag. Doch die Gegner von damals lassen nicht locker. „Unsere Befürchtungen haben sich ja allesamt bestätigt“, sagt Holger Bauer, der Vorsitzende der Schutzgemeinschaft. Die Windräder hätten in den ersten elf Monaten ein regelrechtes Massaker unter den fliegenden Wildtieren des Waldes angerichtet, behauptet Bauer. Zwergfledermäuse, Mauersegler, zwei Wespenbussarde und ein Rotmilan seien zu Tode gekommen. „Das ist stark populationsgefährdend.“

Dass der Energieversorger Zeag zeitweise ein technisches Problem hatte, kann ihr für diesen Bereich zuständiger Geschäftsführer Harald Endreß nicht leugnen. Eigentlich schalten sich die Rotoren am Abend ab. Nur wenn die Fledermäuse bei starkem Wind in ihren Verstecken bleiben, dürfen die Anlagen durchlaufen. Doch das schwere Unwetter, das Ende Mai die Stadt Braunsbach (Kreis Schwäbisch Hall) überflutete, setzte auch ein Kabel für die Fernüberwachung am Harthäuser Wald unter Wasser. Zwei Wochen benötigte die Telekom, um den Schaden zu beheben. So blieb unbemerkt, dass bereits einen Tag nach dem Unwetter ein Blitzschlag die Datenübertragung für den Abschaltmechanismus außer Funktion gesetzt hatte.

Der Chef entdeckt selbst die Fehlfunktion

Endreß lebt selbst in der Nähe des Windparks. Als er eines Nachts mit seiner Frau von einer Freiluftveranstaltung nach Hause fuhr, entdeckte er, dass sich die Räder drehten, obwohl sie hätten still stehen müssen. Da hatte das Drama schon seinen Lauf genommen. 19 tote Fledermäuse hatten Mitglieder der Schutzgemeinschaft in den Tagen davor unter den Windmühlen aufgesammelt und zum Landratsamt getragen. „Die Dunkelziffer dürfte deutlich höher liegen“, sagt Bauer.

Der Staatsanwalt ermittelt

Sogar die Staatsanwaltschaft war bereits mit dem Fall befasst. Nur die Zeag hatte nichts erfahren. „Wenn der Schutzgemeinschaft wirklich etwas an den Fledermäusen liegt, verstehe ich nicht, warum sie uns nicht gleich Bescheid gab“, sagt Endreß. „Unser Ansprechpartner ist das Landratsamt“, verteidigt sich Bauer. Der Betreiber müsse sich nicht wundern. „Er will uns in jeder Situation an den Karren fahren.“

Im Wald geht es zu wie an der Obi-Kasse

Tatsächlich hat auch die Zeag inzwischen Anzeige erstattet – offiziell gegen unbekannt. Doch wo sie in ihrem Fall den Täter vermutet, liegt auf der Hand. Auch nach der Reparatur der Abschaltautomatik meldete die Schutzgemeinschaft nämlich tote Tiere. Weitere zehn Fledermäuse und etliche Greifvögel habe man gefunden, behauptet Bauer. Gewerbliche Anlagen wie die Windräder hätten in einem ökologisch wertvollen Wald einfach nichts zu suchen, schließt er daraus.

Allerdings ist der Harthäuser Wald keineswegs ein unberührtes Refugium. Samstags sei dort mehr los als an der Obi-Kasse, meinte ein ornithologischer Gutachter. Der Schluss der Zeag ist deshalb auch ein anderer: „Ich glaube, die toten Tiere wurden unter unseren Anlagen abgelegt“, sagt Endreß. Beweise hat er nicht für diese Theorie, allerdings ein paar Indizien. So will er im Internet auf einen Aktivisten gestoßen sein, der sich damit brüste, jährlich mehr als 70 tote Greifvögel zur Hand zu haben.

Eine Quelle dafür könnte die nahe gelegene Autobahn sein. Die A 81 führt mitten durch das Waldgebiet. Zwar identifizierte das Chemische und Veterinäruntersuchungsamt in Fellbach die toten Tiere tatsächlich als Windkraftopfer. Allerdings fuße diese Diagnose zum größten Teil auf dem angegebenen Fundort unter einem Windrad, räumten die Veterinäre auf Nachfrage ein. Anhand der Verletzungen seien sie von Unfallopfern eigentlich nicht zu unterscheiden.

Das Amt sitzt zwischen den Stühlen

Auf den Betriebsflächen rund um ihre Windanlagen hat die Zeag mittlerweile ein Betretungsverbot erlassen und Überwachungskameras versteckt. Das mache man nicht wegen der Kadaversammler, sondern wegen der Verkehrssicherungspflicht – allerdings sei es schon „eigenartig, dass nur Mitglieder der Schutzgemeinschaft, aber nie wir etwas finden“, sagt der Zeag-Sprecher Claus Flore. Bauer kontert mit einer Gegentheorie: „Die Zeag lässt die toten Tiere eben heimlich verschwinden“, vermutet er. Die Zeag-Vorwürfe seien absurd.

Dass das Verhältnis der beiden Kontrahenten schwierig ist, hat auch das Heilbronner Landratsamt bemerkt. „Der Konflikt läuft nicht mehr auf der Sachebene“, sagt Susanne Sperrfechter von der Projektleitung Windenergie. Als Vermittlerin aufzutreten, hat sie längst aufgegeben. Mit der Aufklärung des „Störfalls“ beauftragte sie einen Gutachter. Auch die Abschaltvorschriften würden neu geprüft. Allerdings würden zwei tote Fledermäuse pro Anlage und Jahr nach den Vorgaben des Umweltministeriums als verkraftbar gelten. „Und so weit sind wir ja noch gar nicht“, sagt Sperrfechter. Bis zum Jahresende werde die Entscheidung über die Erweiterung des Windparks vorliegen. Sie weiß, worauf es dabei ankommt: „Der Bescheid muss rechtssicher sein.“

Lesen Sie jetzt