Kaum einen Kanzler liebten die Deutschen so innig, kaum einer war so voller Geheimnisse: Willy Brandt. Foto: dpa

Am 18. Dezember wäre Willy Brandt 100 geworden. Von Kindheit an ein politischer Mensch, unterstützt er im Exil den deutschen Widerstand. Später wird Brandt erster SPD-Kanzler. Ein Aufbruch, ein Wandel durch Annäherung. Die SPD von heute vermisst ihn sehr.

Am 18. Dezember wäre Willy Brandt 100 geworden. Von Kindheit an ein politischer Mensch, unterstützt er im Exil den deutschen Widerstand. Später wird Brandt erster SPD-Kanzler. Ein Aufbruch, ein Wandel durch Annäherung. Die SPD von heute vermisst ihn sehr.

Berlin - Herbert Frahm liebt die Freiheit, und die sieht er nun in Gefahr. Eine eigene Meinung habe die Hitlerjugend nicht, schreibt der 16-jährige Schüler 1930 im "Lübecker Volksboten". "Nur immer feste gebrüllt, dann wird das "Dritte Reich" schon kommen. Deutsche Jugend! Das sind deine "geistigen Größen". Deutsches Volk! Das sind deine Beamten von morgen." Drei Jahre später flüchtet Frahm versteckt auf einem Kutter aus Deutschland. Zurück kommt er als Willy Brandt.

Brandt hat von 1969 bis 1974 eine Aufbruchstimmung im Land erzeugt wie wohl kein anderer Bundeskanzler. Angefeindet von den einen, bewundert von den anderen. Zum 100. Geburtstag des 1992 gestorbenen SPD-Politikers erfasst eine "Willy-Welle" das Land mit Briefmarken, Büchern und Feierlichkeiten. Während sein Kanzler-Nachfolger Helmut Schmidt sagte, wer Visionen hat, der solle zum Arzt gehen, hat Brandt Visionen gelebt.

Am 20. Dezember 1990 hält der 77-Jährige im Reichstag die Eröffnungsrede des ersten gesamtdeutschen Bundestages. Sie endet mit den Worten: "Ich möchte den Tag sehen, an dem Europa eins geworden sein wird." Das ist ihm nicht mehr vergönnt, anders als die deutsche Einheit.

Die Wende - sie war auch sein Verdienst

Am 10. November 1989 wird er, der zur Zeit des Mauerbaus 1961 Regierender Bürgermeister von Berlin war, am Schöneberger Rathaus mit "Willy Brandt lebe hoch"-Sprechchören gefeiert. Er hatte immer für die Einheit gekämpft, seine Deutschland- und Ostpolitik bereitete dafür den Weg. An jenem Novembertag sagt er den berühmten Satz: "Wir sind jetzt in der Situation, wo wieder zusammenwächst, was zusammengehört."

Egon Bahr, sein Wegbegleiter und Freund, meint, ohne Brandts Mut, trotz knapper Mehrheit 1969 die sozialliberale Koalition mit der FDP einzugehen, hätte es die Ostpolitik nicht gegeben. Bahr, von 1972 bis 1974 Minister für besondere Aufgaben, ist Wegbereiter des heftig umstrittenen Konzepts "Wandel durch Annäherung".

"Mehr Demokratie wagen" ist Brandts Devise in der Innenpolitik. Für Kritik sorgt aber der Radikalenerlass, mit dem jungen Leuten bei Zweifeln an der Verfassungstreue (etwa bei einer DKP-Mitgliedschaft) der Eintritt in den öffentlichen Dienst verweigert werden kann. Aber das gesellschaftliche Klima wird offener, freier und liberaler.

"Ich hatte plötzlich das Gefühl, Kranz niederlegen reicht nicht"

Die Verträge mit Polen, der damaligen Sowjetunion und der DDR ebnen den Weg zur Entspannungs- und Öffnungspolitik - und werden mit dem Friedensnobelpreis 1971 für Brandt belohnt. Bahr erinnert sich noch genau an den symbolträchtigen Kniefall des Kanzlers am Ehrenmal des Warschauer Ghettos 1970. "Nach der sorgfältigen Vorbereitung der Reise war das eine völlig unerwartete Geste", so Bahr. Brandt habe ihm das so erklärt: "Ich hatte plötzlich das Gefühl, Kranz niederlegen reicht nicht." Dabei hatte er anders als so viele Deutsche selbst keine Schuld an den Nazi-Gräueln auf sich geladen.

Rückblick: Am 18. Dezember 1913 in Lübeck geboren, schreibt Brandt schon in seiner Jugend für Zeitungen. Nach dem Krieg soll er Chefredakteur des Vorläufers der Deutschen Presse-Agentur werden - was daran scheitert, dass er nur die norwegische Staatsbürgerschaft hat. Erst 1948 bekommt Willy Brandt die entzogene deutsche zurück.

Sozialist von Kindesbeinen an

Brandts Geburtsjahr ist das Todesjahr des anderen SPD-Übervaters August Bebel, der die Partei einte und zur Massenbewegung aufbaute. Brandt schreibt schon seinen Abituraufsatz über "Arbeiterkaiser" Bebel. Vom Großvater, einem SPD-Mitglied, der als Knecht auf einem Hof noch die körperliche Züchtigung von Landarbeitern erlebte, lernt Brandt die Bedeutung von Klassengesellschaft und Sozialismus.

Der uneheliche Sohn einer Verkäuferin - seinen 1958 im Hamburg gestorbenen Vater, den Lehrer John Heinrich Möller, hat er nie kennengelernt - ist oft allein. Seine von Montag bis Samstag arbeitende Mutter lässt ihn von einer Nachbarin versorgen. Früh findet er in die sozialdemokratische Lebenswelt hinein, sie wird sein Familienersatz: Er ist bei den Falken, dem Arbeiter-Turnverein, dem Arbeiter-Mandolinenklub. Schon mit 15 wird er Chef der Ortsgruppe "Karl Marx" der Sozialistischen Arbeiter-Jugend, 1930 SPD-Mitglied.

"Wir sind dem Erbe des deutschen Widerstandes verpflichtet"

Der Chefredakteur des sozialdemokratischen "Volksboten" und Reichstagsabgeordnete Julius Leber, einer der später hingerichteten Verschwörer des 20. Juli 1944, wird sein politischer Ziehvater. In der Rede 1990 im Bundestag schließt sich der Kreis, Brandt appelliert an den Geist der Freiheit: "Wir sind dem Erbe des deutschen Widerstandes verpflichtet. In dieser Stunde denke ich an Julius Leber und an den Grafen Stauffenberg."

Im Herbst 1931 wechselt er zur linken SPD-Absplitterung, der Sozialistischen Arbeiterpartei (SAP). Die SAP warf der SPD eine zu passive Haltung gegenüber dem aufkommenden Nationalsozialismus vor. Am 2. April 1933 flüchtet er mit einer Aktentasche, darin "Das Kapital" von Karl Marx, von Travemünde nach Dänemark, von dort nach Norwegen. Aus Tarnungsgründen, und um seine Familie in Deutschland nicht zu gefährden, nimmt er im Exil den Namen Willy Brandt an.

1936 wagt er sich noch einmal in das nun von Adolf Hitler beherrschte Land. Brandts Warnungen sind bittere Realität geworden. Getarnt mit dem norwegischen Namen Gunnar Gaasland reist er angeblich zu historischen Forschungszwecken nach Berlin, bezieht ein Zimmer am Kudamm. Er kommt sich, so beschreibt es Hans-Joachim Noack in einer neuen Biografie, "wie ein Aussätziger" vor. Der sozialistische Widerstand, zu dem er Kontakte knüpfen will, ist quasi eliminiert. Brandt erkennt, dass die Nationalsozialisten fest im Sattel sitzen. "Vor allem hält er jetzt auch einen Zweiten Weltkrieg für unvermeidbar", umschreibt Noack das Fazit der Reise.

In Norwegen gerät Brandt während der deutschen Besatzung kurzzeitig in Kriegsgefangenschaft, er flüchtet nach Stockholm und arbeitet als Korrespondent für skandinavische Zeitungen. Auch vom Nürnberger Kriegsverbrecherprozess berichtet er. Brandt tritt wieder in die SPD ein, 1947 wird er Presseattaché der norwegischen Mission in Berlin.

"Herr Brandt alias Frahm"

Er macht in der Partei Karriere. Von 1957 bis 1966 ist der Norddeutsche Bürgermeister in Berlin. 1961 unterliegt er als Kanzlerkandidat Konrad Adenauer, 1965 Ludwig Erhard. Brandt leidet unter Anfeindungen wegen seines Exils. Adenauer spricht vom "Herrn Brandt alias Frahm".

In der großen Koalition wird er 1966 Außenminister, 1969 dann Kanzler. 1972 inszeniert er sich als deutscher Kennedy und erringt den bisher größten SPD-Erfolg nach dem Krieg. "Herbert Wehner haben wir respektiert und auch gefürchtet. Helmut Schmidt haben wir hoch geachtet. Doch Willy Brandt haben wir verehrt und gelegentlich sogar geliebt", sagt der frühere SPD-Vorsitzende Björn Engholm. Aber jenseits seines Charismas galt Brandt vielen als einsamer Kerl.

"Mystiker und Melancholiker"

Bahr betont, Brandt habe nicht durch Intrigen und Verletzungen seinen Weg gemacht, sondern durch Argumente zu überzeugen versucht. Und zu Schwächen gestanden. Es betrübt ihn bis heute, dass er Brandt nicht überzeugt hat, den Machtkampf mit SPD-Fraktionschef Wehner zu wagen - dieser gilt als eine treibende Kraft hinter Brandts Rücktritt 1974, nachdem mit Günther Guillaume ein DDR-Spion im Kanzleramt enttarnt worden war. Zudem wuchsen die Sorgen wegen Brandts Depressionen und der Gerüchte um Frauengeschichten. Seine dritte Frau, Brigitte Seebacher, beschrieb Brandt später als "Mystiker und Melancholiker".

Bahr erinnert sich noch genau an den Tag des Rücktritts im Mai 1974: "Wehner schrie in der Fraktion: "Willy, Du weißt, wir alle lieben Dich". Ich habe das Wort Liebe aus diesem Mund bei dieser Gelegenheit für eine solche Heuchelei gehalten, dass ich meine Tränen nicht mehr zurückhalten konnte." Brandt, seit 1964 SPD-Chef, bleibt bis 1987 Vorsitzender. Ein Rekord bis heute.

Zweite Heimat in der Sozialistischen Internationalen

Nach der Kanzlerschaft rückt er als Chef der Nord-Süd-Kommission die Belange der Entwicklungsländer in den Fokus, zudem stärkt er als Chef der Sozialistischen Internationalen (1976-1992) die Kooperation sozialdemokratischer Parteien.

Was bleibt? Eine tiefe Prägung der SPD. Viele Bürger halten ihn neben Adenauer für den Kanzler mit dem stärksten Einfluss. Im Foyer des Willy-Brandt-Hauses zeigt die 3,40 Meter hohe Bronzeskulptur des Künstlers Rainer Fetting Brandt in einer für ihn typischen Pose: Eine Hand in der Hosentasche, den Kopf leicht vorgeneigt, eine geöffnete Hand zur Rednergeste erhoben.

Gleich achtmal hat der heutige SPD-Chef Sigmar Gabriel Brandt zuletzt in seiner Rede beim Bundesparteitag in Leipzig erwähnt. Obwohl Brandt selbst die große Koalition eher zuwider war, wirbt Gabriel heute mit dessen Worten für ein Bündnis mit der Union. "Von Willy Brandt stammt der Satz: "Das Wesen der Politik ist der Kompromiss, aber Kompromisse mit Sozialdemokraten sind die besseren Kompromisse." Der Subtext lautet: "Willy, hilf." Heute hat die SPD keinen Brandt mehr, daher nimmt sie in diesen Tagen besonders eifrig Bezug auf ihn.

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