Volker Müller liebt seine Stadt – und gestaltete sie 25 Jahre lang mit Foto:  

Volker Müller ist der dienstälteste Fraktionschef im Bietigheim-Bissingener Gemeinderat. „Seiner“ SPD traut der Mann, der jetzt die Willy-Brandt-Medaille erhält, noch vieles zu.

Bietigheim-Bissingen - Schon als Gymnasiallehrer für Geografie, Geschichte und Gemeinschaftskunde hat er dafür gebrannt: Junge Leute für Politik zu begeistern mit ihnen zu diskutieren. „Mehrere meiner ehemaligen Schüler sind später Gemeinderatskollegen geworden“, erzählt Volker Müller. Ihn freut das gehörig.

Der 72-Jährige hat den längsten Atem unter allen amtierenden Fraktionsvorsitzenden in Bietigheim-Bissingen: Seit 22 Jahren ist er primus inter pares bei den SPD-Räten. „Obwohl ich Reingeschmeckter bin“, merkt er schalkhaft an. Die Pfälzer Sprachmelodie scheint noch durch: Müller kommt aus Neckarbischofsheim. Bereits sein Großvater saß für die SPD im Gemeinderat, „politisch diskutiert wurde zuhause immer“, erinnert er sich. Nicht zuletzt war dort präsent, was den Neckarbischofsheimer Juden im Dritten Reich angetan worden war. Die Stadt hatte vorher eine große jüdische Gemeinde gehabt.

„Ich hab’ gewusst, wie die Arbeiter ticken“

Sein Vater war Werkmeister in einem Zementwerk; als Student jobbte Volker Müller in den Semesterferien. „Ich hab’ gewusst, wie die Arbeiter ticken. Und mir war klar, dass die Parolen, die der studentische Mainstream damals von sich gegeben hat, total an denen vorbeiging, die sie eigentlich erreichen sollten.“ Müller machte bei den Jusos mit, engagierte sich während seiner Referendarzeit in Heilbronn erstmals bei einem Wahlkampf.

Als er nach Bietigheim-Bissingen kam, dockte er bald im sehr aktiven SPD-Ortsverein an, dessen Mitglieder mitunter ihren eigenen Kopf hatten: Sie forderten in den 80-er Jahren zum Beispiel einen Baustopp für Atomkraftwerke, und in Sachen NATO-Doppelbeschluss gingen sie auf Distanz zur Bundesregierung unter ihrem eigenen Kanzler Helmut Schmidt. Auch der Klimawandel trieb sie früh um: Bereits 2002 gründeten sie einen Arbeitskreis zu den Auswirkungen der Erderwärmung. Volker Müller erinnert sich auch mit Wonne an die „legendären Dreikönigstagungen“, zu denen die Genossen mit Kind und Kegel in Naturfreundehäuser oder andere Locations fuhren und sich die Köpfe heiß redeten. Vor 25 Jahren wurde er dann in den Gemeinderat gewählt. Drei Jahre später war er Fraktionsvorsitzender.

Als glutleerer Intellektueller kommt man nicht weiter

In einer Stadt mit am Hebel zu sitzen, der es „seit ich mich erinnere an nichts gefehlt hat“, das sei ein Privileg, findet er. Ob Kleinkindversorgung, Schulen, kulturelles Leben, Unternehmensvielfalt: Bietigheim-Bissingen könne mit so vielem punkten. Herausforderungen, die bewältigt werden wollten, gebe es natürlich dennoch: der Wohnungsnot abzuhelfen etwa, oder des Verkehrs Herr zu werden.

Müllers Rezept, gute Kommunalpolitik zu machen: „Man muss die Menschen mögen und zu ihnen gehen. Auch in die Vereine. Als glutleerer Intellektueller die Leute beglücken zu wollen, damit kommt man nicht weiter.“ Stolz ist er darauf, dass der Ortsverein immer noch sehr aktiv ist, etwa mit regelmäßigen Bürgergesprächen. „Schade, dass der Negativtrend der Bundes-SPD sich so aufs Kommunale niedergeschlagen hat. Das hätte ich nie gedacht“, sagt Müller. Künftig sitzen nur noch sechs statt acht SPD-Vertreter im Gemeinderat.

„Wer heute noch Ecken und Kanten hat, hat es schwer“

Auch die bundesweite Lage treibt ihn um: Dass Andrea Nahles zu so einem Zeitpunkt hingeschmissen hat, goutiert er nicht. „Aber wer heute noch Ecken und Kanten hat, hat es auch schwer. Es ist ja Stromlinienförmigkeit gefragt.“ Eine problematische Entwicklung, findet er.

Auch die Doppelspitzen-Idee für den SPD-Vorsitz sieht er skeptisch. „Und wenn man auch noch zwei unterschiedliche Strömungen zusammenzuspannen versucht, ist das Scheitern doch schon angelegt.“ Er findet, die Bundes-SPD solleerfolgreiche Kommualpolitiker holen: „Erfahrene Leute, die Wahlen gewonnen haben und mit Menschen umzugehen wissen.“ Fähige SPD-Stadtoberhäupter gebe es landauf, landab – Bietigheim-Bissingen inklusive. „Die SPD ist jedenfalls noch lange nicht am Boden“, ist sich Müller sicher. „Wenn es darum ging, dem Land einen Dienst zu erweisen, war sie immer zur Stelle. Das ist im SPD-Gen angelegt.“

Für sein eigenes wirksames SPD-Gen zeichnen die Genossen Volker Müller an diesem Freitag mit der Willy-Brandt-Medaille aus. Es ist auch die Krönung seiner kommunalpolitischen Arbeit: Er hat nicht mehr für den Gemeinderat kandidiert.

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