William Gibson blickt in seinen Romanen so pessimistisch wie hellsichtig in die Zukunft der Menschheit Foto: Imago/Zuma

In seinem Roman „Agency“ erzählt der amerikanische Autor William Gibson mal wieder von Dingen, die es fast schon gibt. Diesmal stellt sich der Erfinder des Begriffs Cyberspace vor, wir könnten bald auch die Vergangenheit manipulieren.

Stuttgart - Vor der Zukunft die Augen zu verschließen, am Gestern und Vorgestern festzuhalten, Wandel nur in den kleinsten Dingen des Lebens zuzulassen, ein bisschen Komfort hie, eine Annehmlichkeit da, und dabei nicht an Zusammenhänge und Konsequenzen zu denken – das kann suchterregend bequem sein. Aber wer in so einer Blase stehen gebliebener Zeit aufwächst und nicht wirklich eingeschworen werden kann auf das Credo „Es wird schon im Kern alles so bleiben, wie es immer schon war“, dem wird irgendwann der Wahnsinn dieser Position in seiner ganzen Grellheit aufgehen. Der wird sich dann ganz besonders für die Zukunft interessieren, aus dem Begreifen heraus, dass nichts schon immer so war, wie es gerade mal ist, dass alle Dinge und Verhältnisse, alles Denken und Wissen, ja, die Natur selbst sich wandeln. Manchmal ganz radikal.

 

Der 1948 geborene amerikanische Autor William Gibson hat einen Teil seiner Kindheit und Jugend in einem der verschlafensten Hinterwäldlereckchen der USA zugebracht, in den Appalachen. Aber weil die Familie ein paarmal hin und her zog, lernte er auch die Hafen-, Militär- und Industriestadt Norfolk in Virginia gut kennen. Ihm drängte sich auf, was andere gut verdrängen können: dass es nicht eine Zukunft, eine Gegenwart, eine Vergangenheit für alle gibt, sondern dass Menschen am selben Tage dicht nebeneinander in ganz unterschiedlichen Welten leben. Gibson begriff, dass diese Unterschiede im Materiellen wie im Denken auch mit dem Zugang zu und Umgang mit neuen Technologien und Ideen zu tun haben.

Am Rand des Vorstellbaren

Als Gibson, dessen gerade auf Deutsch erschienener neuer Roman „Agency“ unter anderem von Zeitmanipulation erzählt, in den 70er Jahren zu schreiben begann, wählte er die Science-Fiction als Wirkungsfeld. Aber eben nicht, weil er deren Kulissenlager, Kostümschränke und Schminktöpfchen für dieselben alten Abenteuergeschichten nutzen wollte, die viele Kollegen zwischen den Sternen ansiedelten, sondern weil er tatsächlich vorauszudenken versuchte. Wenn man ganz an den Rand des Heute robben würde, dort, wo eine mehr erst gedachte als schon gebaute Technologie den ausfasernden Rand des Vorstellbaren bildete: Welcher Fahrtwind zwischen den Epochen würde einem da um die Ohren pfeifen? Welche Geräuschfetzen des Lebens von morgen würde er herantragen, und welche Bilder von der kommenden Welt konnte man sich daraus zusammenreimen?

Mit dem Roman „Neuromancer“ aus dem Jahr 1982 und einigen Kurzgeschichten wurde Gibson zum wichtigsten Autor des Cyberpunk. Diese SF-Richtung nahm erstmals Informationstechnologie, Miniaturisierung, Vernetzung, Informationsflüsse und Grenzauflösungen als die bestimmende Gewalten der Zukunft in den Blick. Zum Guten wie zum Bösen lösten sich da die körperliche Grenzen zwischen den Menschen und der Technik, mit der sie sich umgaben, auf. Und nicht mehr das Weltall war das neue Land, das man erobern musste, das Gefahren brütete, das Unzufriedene und Glücksritter lockte, aber auch Verfolgten Schutz, Waffen und Verbündete liefern konnte. Die neue Wildnis war die virtuelle Welt, hier auf der alten, unter immer mehr Problemen ächzenden Erde. William Gibson gilt als der Erfinder des Begriffs Cyberspace.

Die Historie wird knetbar

„Agency“ ist der zweite Teil einer Trilogie, einer Form, die Gibson gerne nutzt, und folgt auf „Die Peripherie“ aus dem Jahr 2014. Es ist eine Agentengeschichte, voller Intrigen und Machtkämpfe in einem Schattenreich zwischen Regierungen, Wirtschaftsmächten und mehr oder weniger kriminellen Dienstleistern. Angespornt von einer Realität, in der von allen Seiten an der Auflösung einer verbindlichen Wirklichkeit und an der Etablierung alternativer Fakten – also: Lügen zum eigenen Nutzen – gearbeitet wird, macht sich auch Gibson an eine in der Science-Fiction schon oft knetbar gemachte Größe: an die Historie selbst.

In „Peripherie“ und „Agency“ sind in begrenztem Umfang Kontaktaufnahmen mit der Vergangenheit möglich. Solche Kontakte führen zu alternativen Zeitlinien, in denen man durch heikle, letztlich nicht berechen- und steuerbare Impulse Einfluss auf politische und technologische Entwicklungen nehmen kann.

Kein Platz für Narren

Beide, „Peripherie“ wie „Agency“, sind spannend, gruselig, keinen Moment predigend. Es fällt nicht schwer zu empfehlen, den älteren Roman vor dem neueren zu lesen. Man muss den früheren aber nicht kennen. Das liegt daran, dass Gibson uns sowieso stets in bereits im Gang befindliche Welten führt. Er gibt keine erläuternden Überblicke, und der Autor führt keine Narren ein, die als Stellvertreter des Lesers alle Spielregeln, Gefahren und Möglichkeiten der Welt erst erklärt bekommen. Das meiste muss und kann man aus der Handlung erschließen, auch „Agency“ läss sich also gut für sich lesen.

Mit vielem, was Gibson vorhergesagt hat, leben wir so selbstverständlich, dass der Autor um den Ruf des Propheten geprellt wird. Nachträglich glauben viele von uns in völliger Verkennung unserer früheren Verstocktheit, die Entwicklungen seien auch uns immer schon ziemlich klar gewesen. Das macht Gibsons Bücher, in denen es nun um Überwachung und Zersetzung, Manipulation und Kontrolle geht, gerade für Cyberpunk-Veteranen so schaurig. Man will bei manchem abwinken und es für bloße fiese Erfindung halten. Bis einem einfällt, dass man das von diesem vorhergesagten, überall hinreichenden Internet auch mal dachte.