Willi Achten hat einen neuen Roman vorgelegt. Foto: Lukas Jenkner

Vom Entwicklungs- zum Kriminalroman: Willi Achten legt mit „Die wir liebten“ ein beklemmendes Porträt der deutschen Provinz in den 1970er Jahren vor, das unter die Haut geht. Prädikat: Lesenswert.

Stuttgart - Die deutsche Provinz am Niederrhein in den frühen 1970er Jahren: Die Brüder Edgar und Roman stehen an der Schwelle zur Pubertät. Der Vater ist Bäcker und leidlich erfolgreich, die Mutter betreibt ein einträgliches Lotto-Geschäft. Zuhause haben die krebskranke Großmutter, die demente Großtante und ein epileptischer Vetter der Großmutter Unterschlupf gefunden. Es ist eine Familie, die in die Zukunft blickt, und in der der Zweite Weltkrieg nur noch als dumpfes Echo zu hören ist – bis sich für die Brüder plötzlich alles ändert.

Das Elend beginnt mit der Trennung der Eltern: Der Vater verliebt sich in eine andere, die Mutter verliert den Halt, die Söhne rebellieren, und durch eine Verkettung unglücklicher Umstände gerät die Familie ins Visier des Jugendamtes. Gemeinsam mit einem übereifrigen Dorfpolizisten, der den Übergang vom Dritten Reich ins demokratische Deutschland geschmeidig überstanden hat, schafft eine Vertreterin des Jugendamtes Edgar und Roman ins nahe gelegene Kinderheim Gnadenhof.

Im Kinderheim herrscht die Hölle

Bald müssen die Brüder feststellen, dass Dorfbulle Buhnke nicht der einzige ist, der in dem kleinen Ort zum dunklen deutschen Erbe gehört, das die Zeiten überdauert hat. Da warten auf den Leser beklemmende Passagen, von denen man nach Jahren der Aufklärung über die Jahrzehnte lang herrschenden Zustände in den Kinderheimen dieser Republik leider weiß: Sie sind näher an der Realität, als wir gerne glauben möchten.

Willi Achten legt mit „Die wir liebten“ ein authentisches, facettenreiches Panorama der 1970er Jahre in der deutschen Provinz vor, angefangen vom Schwof auf der Grillparty der am Ort niedergelassenen britischen Soldaten bis hin zur verlassenen Tuchfabrik, in denen die Jungs ihre ersten Mutproben bestehen. Achten schreibt konsequent aus der Sicht des jüngeren Bruders Edgar und fängt Sorgen, Nöte und Begierden eines pubertierenden Jungen in den frühen Siebzigern überzeugend ein.

Als es die beiden Brüder in die Hölle des Gnadenhofs verschlägt, wandelt sich der fast sortenreine Entwicklungsroman zu einem Krimi, in dem Edgar und Roman im Kampf gegen sadistische und fanatische Aufsichtskräfte den Geheimnissen des Kinderheims auf die Spur kommen und sich am Ende einen fast filmreifen Showdown liefern. Das ist zwar spannend zu lesen, aber der Leser muss sich darauf einstellen. Doch den Lesegenuss schmälert das nicht. Allen Kindern der 1970er sei „Die wir liebten“ ans Herz gelegt.

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