Willem Dafoe mag Tiere, schwärmt vom „Nosferatu“-Regisseur Robert Eggers, weiß, warum Vampirgeschichten so beliebt sind, und kennt Murnaus Stummfilm-Klassiker in- und auswendig.
In dem Film „Nosferatu – Der Untote“ spielt Willem Dafoe einen Okkultimus-Experten, der Mitte des 19. Jahrhundert in der deutschen Hafenstadt Wisborg eine junge Frau (Lily-Rose Depp) behandeln soll, die alptraumhaft mit dem transsylvanischen Vampir Nosferatu (Bill Skarsgård) verbunden ist. Wir haben den 69-Jährigen, der bereits viermal für einen Oscar nominiert war, zum Interview in Berlin getroffen.
Mr. Dafoe, es ist nicht das erste Mal, dass sie mit Friedrich Wilhelm Murnaus „Nosferatu“ zu tun haben . . .
Stimmt. Vor 14 Jahren habe ich den Film „Shadow of the Vampire“ gedreht. Das ist eine Art schwarze Komödie, in der ich Max Schreck spiele, der wiederum in Murnaus „Nosferatu“ Graf Orlok spielt. Um mich darauf vorzubereiten, habe ich „Nosferatu“ ziemlich oft gesehen, weil es in dem Film um die Entstehung des Films ging und wir tatsächlich Sequenzen aus dem Original kopiert haben.
Nachdem Sie damals Max Schreck gespielt haben: Hätten Sie sich auch jetzt vorstellen können, wieder den Vampir Graf Orlok darzustellen?
Ich hasse eigentlich die Geschichten von Schauspielern, die sagen, dies oder jenes hätte sein, wenn dies oder jenes passiert wäre. Aber als ich Robert Eggers Film „The Witch“ gesehen habe, dachte ich: Wow, was für ein Filmemacher. Er erschafft so detailliert gestaltete Welten und man hat nicht den Eindruck, dass er dabei versucht, frühere Zeiten abzubilden. Alles fühlt sich bei ihm so zeitgemäß, so greifbar an. Deswegen habe ich den Typen getroffen, um mit ihm zusammen zu arbeiten. Wir haben ein paar Mal über Projekte gesprochen, und eines davon war „Nosferatu“. Das war vielleicht vor zehn Jahren. Da hat er sich schon Gedanken über das Casting gemacht und gesagt: „Ich weiß, dass du ihn schon einmal gespielt hast. Was glaubst du? Interessiert dich das? Wäre das eine gute Idee?“ Wir haben diese Idee eine Weile umkreist, aber zum Glück kam es damals nicht dazu. Die einfache Antwort lautet also: Ja! Aber: Nein!
Was ist überhaupt so faszinierend an Vampirgeschichten?
Ich glaube die grundlegende Sache ist: Kaum sind wir geboren, wird uns bewusst, wie kurz das Leben sein kann – und wir beginnen über den Tod nachzudenken, über diese andere, dunkle Seite, von der wir nichts wissen. Die Vorstellung, dass ein Untoter in die Welt der Lebenden kommt, ist also ziemlich aufregend. Und dann gibt es natürlich noch eine Fülle an Dingen, die mit dem Vampirmythos verbunden sind: Obsessionen, Sex, Romantik, spirituelle Ideen, der Kampf des Dunklen gegen das Licht.
Sie haben mit Regisseuren wie Martin Scorsese, Oliver Stone, Michael Cimino, Lars von Trier oder Wes Anderson gedreht. Was zeichnet Robert Eggers als Filmemacher aus?
Ich weiß nicht, wo ich da anfangen soll. Vielleicht bei seiner Leidenschaft fürs Kino. Damit, dass er am Set eine eigene Welt erschafft, in die du als Schauspieler eintauchen kannst. Dass er jede Einstellung akribisch plant und choreografiert. Oder dass er auch bei allem anderen sehr genau und gründlich ist. Bei „Nosferatu“ waren ihm die folkloristischen Wurzeln der Vampir-Mythologie sehr wichtig, er hat viel recherchiert, weil er das ausklammern wollte, war nur eine Erfindung des Kinos ist, um sich auf das zu konzentrieren, was auf Volksglauben beruht. Er hat mir viel Forschungsmaterial zu Okkultismus und Alchemie gegeben, damit ich verstehen konnte, was ich sage. Die Figur, die sich spiele, ist ja ein bisschen eine Van-Helsing-Figur.
Und stimmt es wirklich, dass Sie eine Szene inmitten von 2000 Ratten gespielt haben?
Ich habe sie nicht gezählt. Aber es waren viele. Sehr viele. Und es hat Spaß gemacht. Ich mag Tiere. Das Schwierigste in der Szene war, nicht auf die Ratten zu treten. So eine Idee, wie die mit den Ratten, ist großartig, weil man damit die Intensität der Szene verstärkt. Rein praktisch betrachtet, war es nicht einfach, die Szene umzusetzen, aber während zu spielst, weißt du schon, dass das eine Szene sein wird, die in Erinnerung bleiben wird, weil sie mit den Phobien der Menschen spielt.
Nosferatu – Der Untote. USA 2024. Von Robert Eggers. Mit Lily-Rose Depp, Bill Skarsgård, Nicholas Hoult, Willem Dafoe. 132 Minuten. Ab 16 Jahren.