Knapp 1600 Kinder in Stuttgart besuchen eine Werkrealschule. Für sie sei diese Schulart wichtig und müsse erhalten werden, sagt ein Vater – und will kämpfen.
Mit 14 hat man Träume. Der Pflegesohn von Achim Adamietz träumt davon, Stadtbahnfahrer bei der SSB zu werden. Er sei ein riesiger Fan und habe sogar ein T-Shirt und eine Vesperdose mit dem Logo des Stuttgarter Nahverkehrsbetriebs. Als kleiner Junge habe er immer auf dem vordersten Sitz gekniet und dem Stadtbahnfahrer zugeschaut, erzählt der Siebtklässler. Er weiß, um sein Ziel zu erreichen, braucht er einen anerkannten Abschluss. „Dafür strenge ich mich an – und Mama und Papa helfen mir.“
Sein Vater ist stolz auf ihn: „Meistens schreibt er Einsen und Zweien oder auch mal eine Drei“, erzählt er. Der Junge besucht die Wilhelmsschule in Wangen. Er ist damit eines der 1578 Kinder in Stuttgart, die aktuell auf eine Werkrealschule gehen. Für ihn ist diese Schulform genau die richtige, ist sein Vater überzeugt. Den Vorstoß der Stuttgarter Verwaltungsspitze, die Werkrealschule komplett abzuschaffen, hält er für falsch. In einem Brief hat er sich an die Mitglieder des Jugendhilfeausschusses gewandt mit der Bitte, das Thema noch einmal zu überdenken, denn eine solche Entscheidung hätte seiner Meinung nach „fatale Auswirkungen“.
Achim Adamietz’ Pflegesohn besuchte bis zur sechsten Klasse ein Sonderpädagogisches Bildungs- und Beratungszentrum (SBBZ). Er gilt als entwicklungsverzögert. In der siebten Klasse bekam er dann die Chance auf die Werkrealschule in Wangen zu wechseln. „Dort wurde ich sehr gut aufgenommen. Ich habe eine nette Klassenlehrerin und nette Mitschüler“, erzählt der 14-Jährige. Das sein Schulweg nun sehr weit sei, sei zwar „doof“, aber er habe sich daran gewöhnt.
Den Kindern werden wichtige Werte vermittelt
Eine Stunde pro Richtung ist der Junge jeden Morgen unterwegs. Doch es lohne sich, ist auch sein Vater überzeugt: „Mein Junge bekommt dort genau die Unterstützung und engmaschige Betreuung durch Lehrkräfte und Sozialarbeit, die er braucht.“
In Schulen wie der Wilhelmsschule würden Menschen mit einer sehr hohen pädagogischen und sozialen Kompetenz arbeiten, die Kindern mit schwierigeren Startbedingungen wichtige Werte vermitteln können und auch wollen. „Diese motivierten Menschen mit einer verwaltungstechnischen Entscheidung abzuwickeln, ist meines Erachtens beschämend für unsere Gesellschaft und für die Zukunft dieser Kinder“, sagt Achim Adamietz.
Er selbst habe das Abitur auf dem zweiten Bildungsweg gemacht. Und er kenne viele, die nach ihrem Hauptschulabschluss den Weg weiter gegangen seien. Das baden-württembergische Bildungssystem biete genau diese Möglichkeit. Doch er könne sich nicht vorstellen, dass zum Beispiel sein Pflegesohn an einem der großen Realschulen in Stuttgart erfolgreich wäre. Mehr noch, die Rektoren und pädagogischen Fachkräfte hätten ihm genau das zurückgemeldet, als er einen Schulplatz für seinen Pflegesohn suchte. „Er würde bei uns untergehen“, habe es immer wieder geheißen. „Darum tue ich mich schwer damit, die Meinung der Verwaltung zur Abschaffung aller Werkrealschulen in Stuttgart zu respektieren“, sagt Achim Adamietz.
Gemeinderat fällt Entscheidung am 4. Dezember
Damit ist er nicht allein. Das hat unter anderem eine Demonstration von Kindern und Eltern der Wilhelmsschule gestern vor der Sitzung des Bezirksbeirats in Wangen gezeigt. Dort stand die geplante Abwicklung der Werkrealschulen in Stuttgart noch einmal auf der Tagesordnung. Der Wangener Bezirksbeirat lehnte den Vorschlag der Verwaltung ab.
Das Gremium beantragte die Einführung einer Gemeinschaftsschule am Standort Wilhelmsschule. „Für mich war es wieder einmal imposant, wie stark sich die Wangener Gemeinschaft für ihre Schule einsetzt“, sagte der Rektor Andreas Passauer im Nachgang der Sitzung im Gespräch mit unserer Zeitung. Der Wille eine Schule der Sekundarstufe I im Stadtbezirk zu haben, sei deutlich spürbar.
Was sich für die Werkrealschulen im Land ändert
Auslöser für die von der Verwaltung angestoßene „Weiterentwicklung des Schulangebots“ ist das neue Schulgesetz in Baden-Württemberg. Werkrealschulen bieten künftig nur noch den Hauptschulabschluss an, der Werkrealschulabschluss wird abgeschafft. Die Stuttgarter Verwaltung geht davon aus, dass diese Schulart damit nicht mehr überlebensfähig ist, weil sich zu wenige Familien für sie entscheiden werden.
Beschlossen ist die Abschaffung der Werkrealschulen in Stuttgart noch nicht. In einem Antrag fordern die Fraktionen SPD und Volt, CDU sowie Puls, dass in Stuttgart drei Werkrealschulen zunächst erhalten bleiben. Die Verwaltung soll dafür geeignete Standorte vorschlagen, und zwar auf Grundlage objektiver Kriterien, insbesondere:
- Anmeldezahlen
- Entwicklungsperspektiven
- sozialräumliche Bedeutung
Der Verwaltungsausschuss beschäftigt sich am 3. Dezember noch einmal mit dem Thema. Die Entscheidung fällt der Gemeinderat am 4. Dezember.
Zu den anstehenden schulpolitischen Entscheidungen hat Achim Adamietz eine klare Meinung, die er mit einem Appell verbindet: „In Stuttgart wird viel für unsere Kinder getan. Aber wenn es um Bildung geht, dreht sich das Blatt recht schnell. Da haben Kinder eben keine Lobby in diesem Land – und da ist auch die Schulart egal“, sagt er.