Wilhelma Politik entdeckt ihr Herz für Flusspferde

Von Michael Deufel 

Das  Flusspferdbecken ist zu klein, und für ein ­größeres ist in der Wilhelma kein Platz Foto: Lichtgut/Leif Piechowski
Das Flusspferdbecken ist zu klein, und für ein ­größeres ist in der Wilhelma kein Platz Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Die Debatte um eine Anlage für Flusspferde am Neckarufer gewinnt an Fahrt. Während die Stadtverwaltung bei der Idee noch nicht in Euphorie verfällt, setzen Teile des Stuttgarter Gemeinderats das Thema auf die kommunalpolitische Tagesordnung.

Stuttgart - Die Uhr zurückdrehen – geht nicht, auch wenn man das zuweilen gerne wollte. Eine in der Stuttgarter Wilhelma geborene Idee könnte sich aber als Kniff erweisen, doch eine solchen Zeitsprung in die Vergangenheit zu vollziehen, wenn auch nur mit symbolischem Charakter.

Vor etwa 120 000 Jahre, so erfahren derzeit Besucher der Mammut-Ausstellung im Museum am Löwentor, haben sich am Neckar Flusspferde getummelt. Womöglich wiederholt sich Geschichte in abgewandelter Form. Flusspferde, die in einem am Neckarufer gelegenen Bassin baden, hatte Georg Fundel vor über zwei Jahren erstmals als Zukunftsvision formuliert. Der Vorsitzende des Wilhelma-Fördervereins hatte dabei zuvorderst im Sinn, Erweiterungsmöglichkeiten für den unter Platzmangel leidenden Stuttgarter Zoo auszuloten. Von der geschichtlichen Komponente war damals noch keine Rede.

Dass sich Erdhistorie in Stuttgart wiederholt, wird in diesen Tagen konkreter. Das Thema Flusspferde am Neckar hat die Kommunalpolitik erreicht. Besonders die CDU im Gemeinderat hat ihr Herz für die Dickhäuter entdeckt. Eine Anlage am Neckarknie für die gemütlichen Riesen „wäre, sorgfältig eingebettet in die Flusslandschaft, einzigartig und ein innovativer Ansatz, Erholungssuchende mit der Tierwelt zwanglos zu verbinden“, schreibt die Fraktion in einem Antrag an die Verwaltung. Zoo-Chef Thomas Kölpin solle rasch eingeladen werden, um im Gemeinderatsausschuss für Umwelt und Technik darüber zu berichten, verlangen die Christdemokraten.

Hintergrund ist, dass es zwischen Wilhelma und Neckarufer in den nächsten Jahren viel zu tun gib. Nach der für 2020 geplanten Inbetriebnahme des Rosensteintunnel sind dort auf mehreren 1000 Quadratmeter städtischem Gelände Erholungsflächen zu gestalten. Bis dahin belegen noch Maschinen, Container und Baumaterial die Fläche, wo neben den Röhren für die B 10 im Zuge des Bahnprojekts Stuttgart 21 noch eine neue Eisenbahnbrücke samt angeschlossenem Tunnel entsteht.

Nach dem Verständnis von Planungslaien sollten fünf Jahre genügend Zeit sein, um sich über die Gestaltung eines Grünzugs an einer Flussbiegung klar zu werden. Die Wilhelma wird dennoch nicht müde, das Thema regelmäßig in Erinnerung zu rufen, auch weil nach den Standards der Flusspferdehaltung innerhalb des Zoos zu wenig Platz ist. Wenn Zoochef Kölpin vom „Leuchtturmprojekt für die Stadt am Fluss“ spricht und „eine einmalige Chance“ beschwört, dann schwingt auch die Sorge mit, dass die Behörden diese Chance für seinen Zoo womöglich verstreichen lassen.

Bisher kann man den Eindruck gewinnen, dass sich die Begeisterung für das Flusspferdbassin bei der Stadtverwaltung in Grenzen hält. Der scheidende Baubürgermeister Matthias Hahn spricht von einer „sympathischen Idee, die neugierig macht“. Ähnliches war bereits früher aus dem Rathaus zu hören. Man müsse die Vorschläge für das Gelände „im Gesamtzusammenhang sehen und dann gegeneinander abwägen“.

Tatsächlich gilt es vor einem Umzug der Flusspferde an den Neckar einige Hürden zu beseitigen. Zuvorderst müsste der Gemeinderat das Baurecht ändern. Derzeit sieht der Bebauungsplan am Neckarknie einen Grünzug vor, wofür das Stuttgarter Büro Luz Landschaftsarchitektur erste Skizzen gefertigt hat. Laut Hahn kommt für eine Flusspferdanlage nur eine etwa 1700 Quadratmeter großer Bereich gegenüber der Stadtbahnhaltestelle in Frage. Ferner befänden sich im Untergrund Leitungen aller Art, von denen manche wegen des Tunnelbaus eigens dorthin verlegt worden seien. Zudem müssen sich mit dem Land Baden-Württemberg als Träger der Wilhelma, der Stadt, den Stuttgarter Straßenbahnen, dem Wasser- und Schifffahrtsamt und nicht zuletzt der Bahn, die mit ihrer Schienentrasse das Areal streift, Beteiligte mit unterschiedlichsten Interessen verständigen. Ein Grünbereich und ein Flusspferdehaus würden sich nicht ausschließen, sagt Hahn. „Herr über das Verfahren ist der Gemeinderat.“ Heißt: Dem politischen Willen können sich die Stadtplaner im Rathaus nicht verweigern. Ein Knackpunkt dürfte die Finanzierung eines noch nicht bezifferbaren Millionenbetrags werden. Hahn: „Die Wilhelma ist ein Landesbetrieb, ich kann mir nicht vorstellen, dass die Stadt Stuttgart hier einen Beitrag leistet.“

Zunächst soll Direktor Kölpin im Gemeinderat referieren – laut Hahn voraussichtlich in einer Sitzung im Oktober.

Lesen Sie jetzt