Ein Physiker hat den Wandelgang des Maurischen Gartens als Flüstergalerie ausgemacht.
Stuttgart - Schon gehört? In der Wilhelma lassen sich Gespräche in normaler Lautstärke über 40 Meter hinweg belauschen. Der Physiker Uwe Laun hat den Wandelgang des Maurischen Gartens als Flüstergalerie ausgemacht - ein akustische Phänomen.
Der Brunnen des Seerosenteichs plätschert vor sich hin. Der Autoverkehr der Stadt hat als fernes Summen dagegen trotzdem keine Chance. Im Gegensatz zu ein paar Vögeln. Animiert von der Februarsonne stimmen sie ein erstes kleines Frühlingskonzert an, allenfalls unterbrochen von gelegentlichen Seufzern der Seelöwen. Menschen trifft man nur wenige.
Was für ein Idyll. Um diese Jahreszeit ist die Wilhelma wie gemacht für Romantiker, der Wandelgang um den Maurischen Garten also ideal, um etwa der Angebeteten seine Liebe zu gestehen. Aber Vorsicht, ungebetene Mithörer könnten die Ohren spitzen. Willkommen in der Flüstergalerie der Stuttgarter Wilhelma.
"Als Herr Laun mich angerufen und von dieser Flüstergalerie erzählt hat, habe ich erst gestutzt", berichtet Zoodirektor Dieter Jauch. Uwe Laun ist Physiker mit den Spezialgebieten Akustik und Optik. Bei einem Besuch in der Wilhelma ist ihm dieses unter Fachleuten bekannte, aber seltene Phänomen Flüstergalerie aufgefallen. An jenem Tag im Herbst 2010 setzt er sich auf eine Bank im an dieser Stelle bogenförmigen Wandelgang, der den Maurischen Garten samt Seerosenteich und den vielen Magnolienbäumen malerisch einrahmt. "Ich wollte den Blick in den stillen Garten genießen, dann war es laut, obwohl niemand zu sehen war", erinnert sich Uwe Laun. Seine "berufliche Neugier" lässt ihm keine Ruhe. Beim nächsten Besuch begleitet ihn seine Mutter. Mit ihr startet der Akustikexperte einen Versuch: Er postiert sich am Durchgang zum Garten nahe dem Eingang des Aquariums, seine Mutter am Durchgang zu den Affenhäusern. Entfernung: etwa 40 Meter. Hier ist die Wand abgesehen von den Fugen zwischen den Ziegeln nahezu plan. Und tatsächlich, die beiden können sich über die komplette Distanz hinweg in normaler Lautstärke unterhalten, rufen ist nicht nötig. Laun hat eine Flüstergalerie entdeckt.
Die Oberfläche muss vollkommen eben sein
Der 50-jährige Physiker nennt zwei Theorien, wie dieses akustische Phänomen entsteht: In einer Flüstergalerie kann sich der Schall - einfach ausgedrückt - nur sehr eingeschränkt ausbreiten. Das gilt zwar auch für normale Räume, doch im Fall des Wandelgangs in der Wilhelma "fängt die Wölbung der Wand den Schall ein", erklärt Laun. Der Schall schmiegt sich gewissermaßen an und "breitet sich entlang der Wand nur in einer Linie aus". Erklärung zwei geht zurück auf den englischen Physiker John William Strutt. Der spätere Baron Rayleigh hat vor rund hundert Jahren eine spezielle Schallwellenform entdeckt, die sich nur unmittelbar auf festen Oberflächen ausbreitet und dabei ellipsenförmig verwirbelt. Dabei ist es unerheblich, ob die Oberfläche gerade oder gekrümmt ist, sie muss nur vollkommen eben sein. Auch an Litfaßsäulen breiten sich leise Geräusche auf die Weise aus und sind auf der gegenüberliegenden Seite hörbar.
Uwe Laun tippt auf die erste Erklärung. Ob er recht hat, könnte man im Rahmen einer Forschungsarbeit herausfinden. "Vielleicht fühlen sich Schulklassen oder Studenten von dem Phänomen angesprochen", sagt Laun. Er ist selbstständiger Wissenschaftler, der für Firmen aus physikalischen Gesetzen heraus praktische Anwendungen entwickelt und dafür staatliche Fördergelder akquiriert. Gegen die Bezeichnung Erfinder oder Tüftler hat der Absolvent der Universität Stuttgart nichts einzuwenden. Laun selbst ist in der Wilhelma zum ersten Mal auf eine Flüstergalerie gestoßen. Andere Beispiele dafür sind in Fachkreisen nur wenige bekannt, "da es keine direkte praktische Anwendung dafür gibt". Die bekannteste Flüstergalerie ist in London in einem Umgang der Kuppel der Saint Paul's Cathedral zu finden. "Wahrscheinlich existieren mehr Flüstergalerien, als wir gemeinhin denken."
Mithin auch viel mehr Örtlichkeiten, an denen Dinge besprochen werden, die nicht für fremde Ohren bestimmt sind. Dabei muss es nicht immer so romantisch zugehen wie im Wandelgang der Wilhelma.