Mitte Oktober starb das Panzernashorn Sani (rechts). Das Tier war einst als Staatsgeschenk des damaligen Königreichs Nepal nach Stuttgart gekommen. Foto: Wilhelma Stuttgart / Harald Knitter

Das jüngst verstorbene Panzernashorn Sani war einst als Staatsgeschenk aus Nepal in die Wilhelma gekommen. Heute ist das nicht mehr üblich. Bei der Tierbeschaffung unterliegt die Stuttgarter Wilhelma strengen Regeln.

Stuttgart - Als Mitte Oktober die Panzernashorn-Kuh Sani starb, endete nicht nur nach 26 Jahren das Leben eines Wilhelma-Stars, sondern auch eine heute nahezu unübliche Form der Tierbeschaffung. Sani war ein Staatsgeschenk des damaligen Königreichs Nepal. Das Kalb kam 1993 zum Amtsantritt von Ann-Katrin Bauknecht als Honorarkonsulin für Südwestdeutschland nach Stuttgart. Tiere als Staatsgeschenke sind heute nicht mehr üblich, auch in der Wilhelma nicht, was schon daran liegt dass sich Stuttgarts Zoo auch als eine Institution für den Arterhalt sieht.

 

Anrufe bei Tierhändlern sind Geschichte

„90 Prozent aller Säugetiere im Zoo sind heute auch in einem Tierpark geboren“, erklärt Marianne Holtkötter, die stellvertretende Wilhelma-Chefin. Wildfänge gäbe es kaum noch. Die Wilhelma ist Mitglied im Europäischen Zoo- und Aquarienverband EAZA und unterwirft sich somit strengen Regeln. „Früher haben die Zoos noch bei Tierhändlern angerufen, aber das ist vorbei“, sagt Marianne Holtkötter. Die Mitglieder der EAZA wollen die Tiere nicht nur den Besuchern präsentieren sondern auch vor allem bedrohte Tierarten züchten, um so eine Art Reservepopulation zu haben. Und damit die möglicht gesund ist, versucht man Inzucht so weit wie möglich zu vermeiden.

Im Prinzip funktioniert die Beschaffung der Zoobewohner heute in einem europaweiten Austausch von Tieren. Der Transfer erfolgt mit Ausnahme der Kosten für den Transport unter den EAZA-Mitgliedern unentgeltlich. Als Basis dient das Europäische Erhaltungszuchtprogramm (EEP) das Zuchtbücher über 300 Tierarten führt. Panzernashorn Sani war übrigens eines der „Gründungsmitglieder“ des EEP. Die Kuh hat in der Wilhelma sechsmal Nachwuchs bekommen, die heute in Zoos in Spanien, Portugal, Polen, Schottland, der Türkei und in den Niederlanden leben und teilweise selbst schon wieder Nachwuchs haben. Über das EEP kam zum Beispiel auch der Flusspferd Bulle Mike im Jhar 2017 von Stuttgart ins tschechische Dvur Kralove, wo er zwischenzeitlich Vater geworden ist, was in Stuttgart mangels Partnerin unmöglich war. Für Mike kamen dann ebenfalls über das EEP Schabrackentapire nach Stuttgart.

Zorba musste das Affenleben lernen

EEP bedeutet für die Besucher des Zoos aber auch, dass sie sich daran gewöhnen müssen, dass Jungtiere eines Tages zu Zuchtzwecken in einen anderen Zoo verlegt werden. Wie die drei jungen Schneeleoparden aus dem ersten Wurf von Kailash und Ladakh. Auch die im Frühjahr geborenen Schneeleoparden-Zwillinge werden irgendwann eine andere Heimat finden. Genau wie einst Wilhelmastar Wilbär, der 2009 als nicht mal zweijähriger Wonneproppen von seiner Mutter Corinna getrennt werden musste und heute mit einer Bärin namens Hope in Schweden lebt. Trotz des hoffnungsvollen Namens seiner bereits zweiten Partnerin bisher allerdings ohne Nachwuchs. Darüber hinaus beteiligt sich die Wilhelma auch an Auswilderungsprogrammen und hat schon Seeadler nach Irland und Steinböcke nach Österreich gebracht.

Manchmal finden auch beschlagnahmte Tiere den Weg in den Stuttgarter Zoo. Zumindest eines davon hatte eine außergewöhnliche Biografie: Im Mai 1994 kam der Bonobo Zorba in die Wilhelma. Der damals ungefähr zwölfjährige Affe war ohne jeglichen Kontakt mit Artgenossen bei Menschen aufgewachsen und wurde aus einer Privathaltung heraus beschlagnahmt. Zorba hatte große Schwierigkeiten sich mit seinen Artgenossen zu arrangieren, suchte eher die Nähe der Pfleger. „Mit den Tüchern, die wir den Bonobos zum Spielen oder zum Nestbau gaben, begann Zorba die Fenster zu putzen“, erinnert sich Marianne Holtkötter. Nach dem Umzug ins neue Menschenaffenhaus 2013 gelang es dann doch noch, dass aus Zorba noch ein halbwegs in die Gruppe integrierter Affe wurde. Er starb schließlich 2015 mit stolzen 35 Jahren.

Zukunft der Eisbären in der Wilhelma offen

Tiere in der Wilhelma werden also nicht nur aus Gründen der Präsentation ausgesucht, es geht auch um Arterhaltung, Zucht und manchmal eben auch Therapie. Deshalb liegt es nicht an der Wilhelma allein, ob zum Beispiel jemals wieder Eisbären einziehen. Die aktuelle Anlage, in der einst fünf Eisbären lebten, entspricht nicht mehr den Ansprüchen für die Zucht. Selbst wenn sich der Zoo dazu entschließen würde, die Anlage nach dem Auszug der aktuell dort „geparkten“ Seelöwen dem heutigen Standard anzupassen, wäre offen, ob die Kuratoren für diese Tierart in der EAZA, den Daumen nach oben recken würden.

Und wenn ja und wenn alles gut ginge und ein Wilbär 2 die Besucher verzücken würde – auch der müsste dann im Interesse der Zucht Stuttgart nach einer gewissen Zeit wieder verlassen, oder seine Eltern. Das Leben ist eben auch im Zoo kein Ponyhof.