Im Stuttgarter Zoo leben derzeit 9406 Tiere in 932 Arten. Alle wollen Futter. Auch über die Weihnachtsfeiertage. Wie schafft die Futtermeisterin das?
„In diesem Jahr liegen die Feiertage arbeitnehmerfreundlich“, sagt Christina Winckler. Die 58-Jährige ist Futtermeisterin in der Wilhelma. Da die Weihnachtsfeiertage, Silvester und Neujahr, unter der Woche sind, ist es für den Stuttgarter Zoo eine besondere Herausforderung, ausreichend und durchgängig Futter für alle Tiere zu ordern. Aber keine Sorge, es klappt, wie beim Besuch deutlich wird.
Das Herz für die Futterversorgung befindet sich im Betriebshof der Wilhelma. Wer durch die schwere Sicherheitstür die Räume betritt, steht gleich direkt in der Küche bei der Leiterin des Reviers, Futtermeisterin Winckler. An den Wänden hängen historische Wilhelma-Plakate mit Tierporträts. Im Mittelpunkt darunter steht ein stählerner Kessel. Dort wird gerade Reis gekocht.
„Der Reis wird dann mit Weizenkeimen unters Vogelfutter gemischt“, sagt Winckler. Im großen Kessel kann auch etwa 50 Kilo Fleisch gekocht werden und er dient auch für Kartoffeln und Gemüse. Das wird hier portionsweise gekocht. Chefin Winckler ist hier mit fünf Mitarbeitenden tätig, alles Tierpfleger, die hier auch am Wochenende und Spätdienst arbeiten. „Wir sind ein tolles Team“, sagt sie.
Ab 6 Uhr hat der Frühdienst die Arbeit aufgenommen: Hackfleisch durch den Fleischwolf treiben, Futter aus der Kühlkammer holen und zu den Revieren fahren. Auch samstags und sonntags wird gearbeitet und im Sommer gibt es einen Spätdienst.
Vor den Feiertagen wird gemeinsam alles vorbereitet
Kurz vor den Feiertagen herrscht Hochbetrieb. Es wird noch alles gemeinsam vorbereitet, damit dann der Kollege, der über die Feiertage Dienst hat, seine Aufgaben bewältigen kann. Längst ist vieles organisiert und bestellt. Und einiges schon geliefert. An diesem Tag sind beispielsweise Süß- und Salzwasserfisch aus Bremerhaven gekommen, zudem Holzwolle und Getreide. Je nach Sorte wird das Futter unterschiedlich kühl gelagert: Der Fisch wird im Kühlraum bei minus 20 Grad. Fleisch, Gemüse, Salat und Joghurt stehen kistenweise auf Paletten im sechs Grad kühlen Raum, ähnlich einem normalen Kühlschrank. Die Portionen auf Paletten sind nach Tagen und Revieren beschriftet und sortiert. In einem weiteren Raum, der etwa 20 Grad warm ist, lagert spezielles Trockenfutter, Pellets, in Säcken in meterhohen Regalen. Längst gibt es nicht mehr Einheits-Pellets, sondern spezielles, etwa für Heufresser und Vögel, für Tapire, Nashorn, Bären, Quokkas oder Affen.
Sämereien, Salzlecksteine und Futter aus Insekten
Große Säcke mit Sämereien liegen für die Vögel bereit. Und überall muss bei Anlieferung kontrolliert werden, ob es in Ordnung ist, kein Schimmel und keine Schädlinge drin sind. „Wir haben sehr gute langjährige Lieferanten und kaum Reklamationen“, sagt Winckler.
Auch Salzlecksteine für die Huftiere gibt es. Und Insektivoren-Futter wird hier gelagert. Dabei handelt es sich um verarbeitete Insekten in Form von kleinen braunen, etwa erbsengroßen Kügelchen für insektenfressende Tiere vom Erdmännchen bis zu den kleinen Affen im Amazonienhaus.
Wilhelma-Futterlisten kommen vom Tierarzt
Futterlisten bekommt Winckler jeweils vom Tierarzt der Wilhelma oder, wenn Tiere neu da sind, von den Zoos, aus denen sie herkommen. Im Winter bezieht die Wilhelma das Obst und Gemüse vom Großmarkt, im Sommer frisch von Landwirten aus der Region. Die Pellets werden drei Monate im Voraus bestellt, Fisch ein Jahr vorher beim Händler reserviert. „Er kommt aus dem Atlantik, Norwegen und Polen.“ Kleine Rotaugen für die fischfressenden Vögel bekommt die Wilhelma vom Bodensee. Im Frühjahr bestellt der Stuttgarter Zoo schon jeweils saisonales Gemüse wie Kürbisse. Auch die Kartoffelbestellung gibt Winckler im Frühjahr ab. Obst und Gemüse hingegen werden jede Woche neu geordert.
Elefanten fressen 100 Kilo Heu am Tag
In der Gemüsezelle ist gerade Susi Häcke am Arbeiten und Verteilen von Sellerie, Gurken, Mangold, Kürbis, Äpfeln, Birnen und Lauch. Im Ausstellungsraum davor sind Knochenschädel verschiedenster Tiere zu sehen, um beim Tag der offenen Tür den Besuchenden anschaulich die verschiedenen Futterverwerter nahe zu bringen. Die größten Futterverwerter sind die Elefanten. Sie fressen 100 Kilo Heu am Tag - pro Tier. Zur Zahnpflege bekommen sie Äste zum Kauen. Die Elefantendamen Pama und Zella und das Nashorn bekommen Schilfheu, welches mehr Zellulose erhält. Die Krokodile erhalten einmal pro Woche ein ganzes Huhn, ausgediente Legehennen aus Baden-Württemberg. „Ganzkörperfütterung ist das A & O“, sagt Winckler. Die größten Tiere der Wilhelma, die Giraffen, fressen etwa zehn Kilo Luzerne am Tag, dazu Pellets. Im Sommer zupfen sie sich frisches Laub, im Winter gibt es Silagelaub und Petersilie, Sellerie und Mangold. Der Speiseplan bei den Menschenaffen hat sich schon vor zehn Jahren geändert: Es gibt keinen Zucker mehr. „Außerdem bekommen sie möglichst wenig tierisches Eiweiß, nur Pflanzliches.“ Und, entgegen mancher Vorurteile, fressen die Affen nur 17 Bananen pro Woche.
Um sechs Uhr schon sind die ersten Wilhelma-Mitarbeiter im Einsatz
In der Futterküche werden alle drei Tage Kartoffeln in einer speziellen Maschine gewaschen und im Kessel in der Futterküche gekocht und dann kalt den Tieren verfüttert. Die Kartoffeln kommen von einem Landwirt aus Stammheim. Während vor Jahrzehnten noch 29 Tonnen im Jahr in der Wilhelma verfüttert wurden, sind es jetzt nur noch sieben Tonnen Kartoffeln, weiß Winckler.
Tierpfleger-Auszubildende helfen in der Futterküche mit
Das Rindfleisch stammt von einem Milchviehbetrieb aus Eichstätten und einem Pferdemetzger aus Vaihingen an der Enz. Es wird für die Verteilung im Zoo geviertelt, ohne Kopf, Innereien und Füße. „Die Auszubildenden zerlegen es, denn es ist prüfungsrelevant“, sagt Winckler. Männliche Zicklein aus einem Milchbetrieb aus Bad Wurzach lagern gerade bei minus 20 Grad im Kühlraum, auch Mäuse und Ratten und Tauben von einem Kleintierzüchter. Weil in Deutschland Töten von Küken verboten ist, werden männliche Küken für die Greifvögel aus Dänemark bestellt und auch aus Holland geliefert. „Sie sind leicht verdaulich.“
Gefüttert wird stets zu unterschiedlichen Zeiten
Gefüttert wird in der Wilhelma stets zu unterschiedlichen Zeiten den ganzen Tag über, damit sich die Tiere nicht daran gewöhnen und Abwechslung haben. „Die Affen werden bis zu sieben Mal gefüttert.“ In den 36 Jahren ihrer Tätigkeit hat sich immer wieder einiges verändert: „Seit die Amurtiger da sind, hat sich der Fleischverbrauch pro Woche verdoppelt und liegt jetzt bei 220 Kilo Rind- und Pferdefleisch.“ Anspruchsvoll ist es auch, für die Koala-Familie immer frischen Eukalyptus zu haben. Dieser wird im Winter neben Leipzig auch aus Florida geliefert. Genauso herausfordernd sind die Seepferdchen: Sie brauchen lebende Mysis, Schwebegarnelen, aus der Nordsee. Obst und Gemüse müssen acht Tage halten, sagt die Revierleiterin. Sie schaut, dass möglichst viel regional herkommt. Bio-Eier stammen aus Mühlhausen und beim Fleisch weiß Winckler, wo die Tiere herkommen.
Wilhelma nimmt keine gebrauchten Weihnachtsbäume als Futter an
Jetzt, wenige Tage vor Weihnachten, wird genau geschaut, nur das wichtige Futter in die Reviere auszugegeben, damit der Mitarbeiter, der alleine Dienst hat, über ausreichend Futter verfügt und die Verteilung gut schafft. Winckler hat an Silvester Dienst. Die Revierleiterin hat zuerst den Gärtner-, dann den Tierpflegerberuf erlernt und hat seit 2016 nichts mehr mit lebenden Tieren zu tun. Ihr Job gefällt ihr sehr gut, weil er so abwechslungsreich ist. Seit 2022 ist sie Futtermeisterin, seit 2016 Einkäuferin. Für heute ist alles geregelt. Morgen geht die Planung weiter. Und die Verteilung. Vor dem Fest ist nach dem Fest: Übrigens Weihnachtsbäume nimmt die Wilhelma keine an, sie verfüttert nur frische Nadelbäume vom Züchter an die Tiere, die nicht verkauft wurden und kein Weihnachtsbaum geworden sind.
Futter, Mengen und Kosten in der Wilhelma
Im Jahr 2005
zählte die Wilhelma eigenen Angaben zufolge 8000 Tiere in 1070 Arten und verbrauchte unter anderem 300 Tonnen Heu, 80 Tonnen Pellets und 45 Tonnen Rind- und Pferdefleisch sowie 12 Tonnen Fische. Im Jahr 2022 hat die Wilhelma für 11000 Tiere in 1200 Arten 550 000 Euro ausgegeben, 1507 Euro am Tag.
Im Jahr 2023, nach Auflösung des Schaubauernhofs, wurde für 9406 Individuen in 932 Arten 385,5 Tonnen Futter benötigt, das sind 1,06 Tonnen am Tag. Zu den größten Mengen zählen 146 Tonnen Gemüse, 113 Tonnen Heu sowie acht Tonnen Fleisch, 39 Tonnen Pellets und 33 Tonnen Stroh. Außerdem wurden 13 Tonnen Futterfische, 14 Tonnen Getreide und Sämereien verfüttert.
Aktuell
beträgt das Futterbudget für die 9406 Tiere in 932 Arten 755000 Euro, 2070 Euro am Tag für die 9406 Tiere in 932 Arten und 2070 Euro pro Tag. (if)