Der letzte württembergische König Wilhelm II. gab sich bürgerlich und volksnah – dennoch führte er als Pferdeliebhaber und leidenschaftlicher Jäger weitgehend das Leben eines Hochadligen. Vor 100 Jahren ist Wilhelm gestorben.
Stuttgart - Was bleibt von diesem langen Leben als König? Am Ende scheint es nichts weiter zu sein als die Erinnerung an einen freundlichen älteren Herrn, der mit seinen Hunden, zwei weißen Spitzen, spazieren geht und auf der Straße selbst vor Dienstmägden „deckelt“, also den Hut lupft. Solche Anekdoten über den letzten württembergischen König Wilhelm II. (1848–1921), dessen 100. Todesjahr nun begangen wird, gehören hierzulande fast zum kollektiven Bewusstsein. Aber darüber hinaus weiß kaum jemand einen Erfolg oder eine Leistung zu nennen, die man mit Wilhelm verbindet. So armselig ist also die Bilanz?
Erschwerend kommt ja hinzu, dass sich oft gar nicht klären lässt, was von diesen vielen Begebenheiten rund um den angeblich so bescheidenen und demokratischen Bürgerkönig Wilhelm nun Wahrheit ist und was doch eher ins Reich der Legenden gehört. Albrecht Ernst vom Hauptstaatsarchiv in Stuttgart ist sicher einer der kundigsten Wilhelmisten Württembergs. Er kann verbürgen, dass sich solche Geschichten wirklich ereignet haben. Etwa diese: Ein Junge, der gerade aus einer Metzgerei kam und die gekaufte Wurst in die Hosentasche schob, wurde von Ali und Rubi, den Spitzen Wilhelms, in deren Gier nach der Wurst so heftig angegangen, dass die Hose zerriss. Wilhelm bereinigte den Vorfall mit zehn Mark, was viel Geld für eine neue Hose war. Aber grundsätzlich bleibt Albrecht Ernst vorsichtig: „Wilhelm war am Hof immer Teil einer Inszenierung. Schon zu Lebzeiten setzte bei ihm eine Art Heiligenverehrung ein.“
Selbst die Antimonarchisten verehrten Wilhelm
In der Tat errang Wilhelm im Laufe seiner 27 Regierungsjahre von 1891 bis 1918 höchstes Ansehen im Volk und im Landtag. Sogar der Abgeordnete Wilhelm Keil von den Sozialdemokraten, die damals noch als politische Parvenüs galten, verneigte sich vor Wilhelm und schrieb über ihn: „Wenn morgen in Württemberg an die Stelle der Monarchie die Republik treten würde, würde kein Zweiter mehr Aussicht haben, an die Spitze des Staates gestellt zu werden, als der jetzige König.“
Auch das Volk liebte und achtete ihn, weil er dem Pomp abgeneigt schien und nach dem Regierungsantritt lieber ins Wilhelmpalais als ins Neue Schloss zog und weil es bei Königs, wenn keine Gäste kamen, nur einfache Schützenwurst und selbst gemachten Wein vom ländlichen Refugium Marienwahl bei Ludwigsburg gegeben haben soll. Die Menschen hielten auch zu ihm, weil er Schicksalsschläge wie sie selbst erdulden musste: Sein kleiner Sohn Ulrich starb Ende 1880 mit wenigen Monaten, und gut ein Jahr später verlor er seine aufrichtig geliebte Frau Marie, als sie ein Mädchen tot gebar. Lange kämpfte er dagegen an, nicht am Leben zu verzweifeln. Er war Mensch und zeigte dies.
Er war für die Reichsgründung – das nahm man ihm übel
Dabei war es ein kleines Wunder, dass Wilhelm II. zum beliebtesten Monarchen Württembergs aufstieg. Denn zu Beginn mochte man ihn gar nicht: Er hatte in Göttingen studiert und galt als preußenfreundlich, was vor der Reichsgründung 1871 fast eine Todsünde war. Und er sprach Hochdeutsch, was man ihm übel nahm. Doch Wilhelm schaffte es, sich in die Herzen der Menschen zu regieren – darin besteht kein Zweifel. Anekdoten hin oder her. Paul Sauer, der 2010 verstorbene Leiter des Stuttgarter Stadtarchivs, hat vor nunmehr 27 Jahren die bisher einzige ernst zu nehmende Biografie Wilhelms verfasst – bis heute ist sie nicht überholt. Sauer malt das Bild eines Mannes, der charmant sein konnte und kontaktfreudig war, der keinen Dünkel kannte und zudem perfekte Manieren besaß.
Einen hohen Sinn für Gerechtigkeit und viel Empathie soll Wilhelm zudem besessen haben. Als etwa der Ort Ilsfeld im Jahr 1904 fast komplett abbrannte und mehr als 700 Menschen obdachlos wurden, eilte er selbst zur Unglücksstelle. Später im Ersten Weltkrieg besuchte er viele Lazarette und spendete den württembergischen Soldaten Trost. Pflichtbewusst war Wilhelm obendrein: Selbst als am 20. Oktober 1889 ein arbeitsloser Sattlergeselle auf die Kutsche des damaligen Prinzen schoß, setzte dieser seinen Weg zum Sonntagsgottesdienst unbeirrt fort.
Mehr als 500 private Briefe wurden entdeckt
Aber schon Sauer hat das öffentliche Bild Wilhelms ein wenig relativiert, als er schrieb: Der König „war kein Volksmann, der Massen begeistern konnte oder wollte. Dazu war er zu scheu, zu gehemmt, auch zu vornehm.“ Und jetzt hat dieses Bild eines untadeligen Mannes und Monarchen doch deutliche Risse bekommen – und daran ist niemand anders schuld als Wilhelm selbst. Denn vor einigen Jahren entdeckte Albrecht Ernst im Laufe einer abenteuerlichen Recherche mehr als 500 Briefe Wilhelms in Koffern in einer Berliner Gartenlaube; sie waren alle gerichtet an einen Studienfreund aus Göttinger Zeiten, Detlev von Plato (1846–1917).
Wilhelm selbst hatte seine Briefe vernichtet, wohl wissend um die Brisanz des Inhalts – von Plato war ein so enger Freund, dass Wilhelm ihm alles beichtete und ihn sogar an den Hof nach Stuttgart holte, wo der aber angeblich „saugrobe“ von Plato einen Eklat verursachte und 1905 demissionieren musste. Der damalige Ministerpräsident Hermann von Mittnacht konnte gar nicht verstehen, was Wilhelm so sehr an diesen von Plato band: „Hier liegt etwas Unaufgeklärtes, Dunkles“, schrieb er. Eine homoerotische Beziehung scheint es aber trotz mancher Anspielungen nicht gewesen zu sein, denn Wilhelm berichtet von Plato auch immer von seinen Brautwerbungsfahrten.
Erst später fügte er sich darein, König zu sein
Derzeit bereitet Ernst eine Edition der Briefe vor, die noch im Herbst erscheinen soll. Der 100. Todestag Wilhelms ist der 2. Oktober. Dann wird auch eine große Ausstellung zum letzten König im Stuttgarter Stadtmuseum und im Hauptstaatsarchiv eröffnet. Das digitale Begleitprogramm läuft bereits; derzeit wird ausführlich darüber diskutiert, wo das berühmte Denkmal Wilhelms mit den Spitzen seinen neuen Standort erhalten soll.
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In diesen Briefen nun zeigt sich Wilhelm ganz ungeschminkt. Schon 1883, da war Wilhelm noch nicht König, seufzte er: „Kein Mensch ahnt ja, wie mich das Leben drückt! Von allen Leuten mit Ehrenbezeugungen, die mir widerlich sind, überhäuft, auch mit Kundgebungen wahrer Loyalität oder gar Popularität (um die ich nie gebuhlt habe) umgeben. All dies weiß ich nicht zu schätzen.“ Vor allem vor der Thronübernahme war ihm das Königwerden lästig – später fügte er sich darein.
Die vielen Termine blieben ihm aber ein Gräuel („Ich muss auch unzählige Male ausgehen, wo ich lieber zu Hause bliebe“), die Hofgesellschaft empfand er als engstirnig, er habe Anteil heucheln müssen, wo Gleichgültigkeit war, und selbst seine Schwaben, die er angeblich so sehr liebte, bezeichnete er als bieder und als nicht besser als andere Menschenschläge.
Selten speiste der Monarch völlig allein
Sogar die Legende des einfachen und sparsamen Lebens wird allmählich enttarnt. Auf der Speisekarte standen bei Festen opulente Gerichte wie Austern, frische Trüffeln und Kapaunenbraten. Mittags und abends speiste er so gut wie nie allein, wie Edith Neumann, die Kuratorin der geplanten Ausstellung, herausgefunden hat. Es gab also wohl eher selten nur Käse. Zu 80 Prozent seien die geladenen Gäste adlig gewesen. Wilhelm war weiter ein leidenschaftlicher Jäger, der in seinem Leben 2715 Tiere erlegt hat. Und er frönte dem Pferderennen. Das alles war der typische Lebensstil des Hochadels. Immerhin: Wilhelm hatte 1914 nur das fünfthöchste Jahreseinkommen Württembergs. Robert Bosch verdiente ein Viertel mehr.
Die Frage sei also wiederholt: Was bleibt von Wilhelm II.? Politisch war er ja ein Leichtgewicht – Württemberg war eine konstitutionelle Monarchie, die dem König vorwiegend die Rolle des Repräsentanten zuwies. Abwertend könnte man von einem Grüß-Gott-Onkel sprechen, so wie auch heute der Bundespräsident wenig Macht besitzt. Albrecht Ernst setzt deshalb die rhetorische Frage entgegen: Was bleibt irgendwann von Joachim Gauck oder Frank-Walter Steinmeier?
Eine integrierende Person in Zeiten des Umbruchs
Unbestritten ist die große Förderung der Kunst durch Wilhelm – er hat teils Gehälter von Schauspielern des Hoftheaters aus der eigenen Tasche bezahlt. Vor allem aber bleibt die Kraft der Integration, deren Bedeutung nicht zu unterschätzen ist, gerade in der Zeit Wilhelms, da die Lunte der sozialen Frage stetig loderte und ein Weltkrieg vor der Tür stand. König Wilhelm II. war ein großer Moderator zwischen Volk, Parteien und Monarchie. Dass Wilhelm etwa bei der Schiller-Gedenkfeier im Jahr 1905 die Sozialisten auf die Plätze direkt neben sich gesetzt hatte, erregte Aufsehen – und führte zu Toleranz.
Am Ende hat er deshalb mit seiner Menschenfreundlichkeit und persönlichen Integrität Vertrauen geschaffen in einer brisanten Zeit des Umbruchs. Das ist sein unschätzbares politisches Verdienst.
Dabei ist es gar nicht so wichtig, ob Wilhelms Vorbildcharakter nun echt war oder inszeniert: Das Vorbild entfaltete jedenfalls Wirkung. Selbst beim Sturm der Revolutionäre auf das Wilhelmpalais im November 1918 hätte niemand gewagt, Hand an ihn zu legen. Am Ende musste Wilhelm zwar ebenso abdanken wie alle anderen deutschen Fürsten, übrigens mit einer geschickt herausgehandelten hohen Abfindung, aber die Menschen blieben ihm doch treu. Als Wilhelm II. starb und sein Leichnam nach Ludwigsburg überführt wurde, sollen weit mehr als 100 000 Menschen die Straßen gesäumt haben.
Begraben auf einem bürgerlichen Friedhof
Und selbst im Tod setzte Wilhelm noch Zeichen. Dass der Sarg nicht durch Stuttgart rollen durfte, könnte auch damit zu tun haben, mutmaßt Albrecht Ernst, dass die neuen demokratischen Machthaber zwei Jahre nach dem Ende der Monarchie nicht brüskiert werden sollten. Dass Wilhelm gebrochen habe mit Stuttgart nach den Vorkommnissen in den Revolutionstagen, daran glauben weder Paul Sauer noch Albrecht Ernst. Wilhelm fühlte sich in Stuttgart lediglich nicht mehr wohl.
Und dass sich Wilhelm auf dem bürgerlichen Alten Friedhof in Ludwigsburg beerdigen ließ, sollte ebenfalls eine letzte Botschaft sein. Er wollte am Ende ein Mensch unter Menschen sein und kein Adliger einer Ahnengalerie. Der Arzt Max Kohlhaas erinnerte sich an Begegnungen im Verein Alter Korpsstudenten, an denen auch Wilhelm teilnahm. Besonders gerne habe Wilhelm die Zeilen eines Liedes gesungen, die lauteten: „Möchte mich berauschen / Nicht mit Fürsten tauschen / Und im Wahne selbst nicht König sein.“
Vielleicht also hielten viele gerade deshalb Wilhelm II. für einen so guten König, weil er lange keiner hatte sein wollen.