Frauchen wechselt den Job, und er wird arbeitslos: Martina Huck mit ihrem Therapiehund Milou verlässt Wildwasser Esslingen zum Jahresende. Foto: Roberto Bulgrin

Martina Huck hat elf Jahre lang für Wildwasser Esslingen und die Opfer sexualisierter Gewalt gearbeitet. Nur bricht sie auf zu neuen beruflichen Ufern.

Esslingen - Milou ist traurig. Denn der Therapiehund ist arbeitslos geworden. Bisher hat der Goldendoodle-Rüde für Wildwasser Esslingen gearbeitet und sich zusammen mit den Mitarbeiterinnen um die Opfer sexualisierter Gewalt gekümmert. Doch nun hat sein Frauchen andere berufliche Pläne. Leiterin Martin Huck verlässt die Einrichtung zum Jahresende.

 

Milou nimmt sie mit

Milou nimmt sie mit. „Wir sind ja zusammen ausgebildet worden und funktionieren nur als Team“, erklärt Martina Huck. Milou aber behagt die viele Freizeit gar nicht: „Beim Gassigehen möchte er jeden Spaziergänger, dem wir begegnen, therapieren.“ Ein Arbeitsvertrag auch für Milou sei daher Einstellungsbedingung im neuen Job gewesen. Das ist natürlich nur ein Scherz, denn ein Beschäftigungsverhältnis für Milou war nicht drin. Für Martina Huck dagegen schon. Sie wird geschäftsführende Vorstandsfrau der neuen Landeskoordinierung der spezialisierten Fachberatungsstellen gegen sexualisierte Gewalt in Kindheit und Jugend in Baden-Württemberg (LKSF).

Sperriger Titel – dynamischer Job

Ein dynamischer Job

Hinter dem sperrigen Titel verbirgt sich ein dynamischer Job. Von ihren Geschäftsräumen in Stuttgarter aus wird sich die Einrichtung um Beratungsstellen in ganz Baden-Württemberg kümmern, erläutert Martina Huck. Sie ist ihre politische Interessenvertretung und für Vernetzung, Austausch, die Organisation von Fachtagungen oder konzeptionelle Zusammenarbeit zuständig. Weiße Flecken ohne Beratungsstellen sollen von der Landkarte verschwinden. Gerade in ländlichen Kreisen wie im Raum Freudenstadt fehlen laut Martina Huck wichtige Angebote, und hier soll Abhilfe geschaffen werden. Wildwasser Esslingen war Projektträgerin für den Aufbau der Koordinierungsstelle gewesen – so kam der Kontakt zustande. Ab 1. März tritt Martina Huck den neuen Job an, die Eröffnung der Einrichtung ist für den 16. März geplant.

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Corona erschwert Finanzierung

Milou kann sie zur Arbeit mitnehmen. In einer ehrenamtlichen Tätigkeit möchte Martina Huck seine besonderen Fähigkeiten weiter einsetzen. Für Hund und Frauchen ist die neue Tätigkeit eine Umstellung. Doch bis Ende Februar wird Martina Huck sich noch mit bis zu 20 Prozent ihrer Arbeitskraft für Wildwasser Esslingen einsetzen und etwa den Haushaltsplan erstellen. Finanziert wird die Einrichtung über Mittel von Kommunen, Landkreis und Land, Spenden, Veranstaltungen und Stiftungsgelder. 90 000 Euro müssen pro Jahr aus eigener Kraft erwirtschaftet werden. In Nicht-Corona-Jahren geschah das über Benefizevents wie einem Entenrennen oder Rock for One World im Jugend- und Kulturzentrum Komma. Doch die Pandemie hat alle Bemühungen zunichte gemacht. Im ersten Jahr halfen Rettungsschirme, nun müssen Rücklagen angetastet werden.

Ein Stück mehr Lebensqualität

Sie und Milou gehen nicht leichten Herzens. Aber sie freue sich auf die neue Aufgabe, sagt Martina Huck. Sie habe das Gefühl gehabt, nun etwas Neues machen zu müssen. Aber: „Ich bin mit Leib und Seele Therapeutin.“ 299 ratsuchende Kinder und Erwachsene hat Wildwasser Esslingen im Jahr 2020 betreut, 1119 Beratungskontakte wurden gezählt, 89 Personen erhielten weiterführende Sachinformationen zum Thema. Die Mitarbeiterinnen kümmern sich um die Opfer sexualisierter Gewalt. Doch keine von ihnen ist zu 100 Prozent bei Wildwasser angestellt. Bei der hohen Belastung, der Konfrontation mit schweren Schicksalen, dem großen Stressfaktor sei das nicht leistbar. Die meisten ihrer Kolleginnen würden noch in einer freien Praxis arbeiten und hätten privat einen Ausgleich wie Musik, Sport oder Kunst. Die Beraterinnen und Therapeutinnen müssten auch ihre Grenzen akzeptieren: „Ziel ist nicht immer die vollständige Heilung der Opfer. Oft vermitteln wir das Gefühl, dass Betroffene nicht allein sind und geben ihnen ein Stück Lebensqualität zurück.“

Hoher Stressfaktor

Milou als Eisbrecher

Milou konnte mit seinem tierischen Charme manches Eis bei Erstbegegnungen brechen. Doch eine Tätigkeit bei Wildwasser fordert den ganzen Menschen. In den ersten drei Jahren würde sich entscheiden, ob Mitarbeitende bei der Stange bleiben oder sich beruflich umorientieren, hat Martin Huck erfahren. Als einen Erfolg des Teams verbucht sie Aufbau und Eröffnung der Verfahrensunabhängigen Spurensicherung am Klinikum in Ostfildern-Ruit. Nach einer Vergewaltigung oder einem sexuellen Übergriff könnten Frauen hier die Nachweise der Tat so sichern lassen, dass sie bei Ermittlungen oder Gerichtsverhandlungen verwendet werden können. Diese Beweisspuren würden aufbewahrt und gesichert. Die Betroffenen könnten sich dann Gedanken darüber machen, ob sie Anzeige gegen den Täter erstatten wollen oder nicht. Eine wichtige Atempause nach dem Übergriff, meint Martin Huck. Wildwasser Esslingen möchte sie verbunden bleiben. Eine Nachfolgerin sei gefunden. Für Milou gilt das nicht. Er ist sowieso unersetzlich.

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Wildwasser Esslingen und Martina Huck

Zur Person
 Martina Huck wurde 1975 in Radolfzell am Bodensee geboren und wuchs im bayerischen Neu-Ulm auf. Sie studierte Soziale Arbeit an der Hochschule Esslingen, war danach als Diplom-Sozialarbeiterin in der Wohnungslosenhilfe und der Jugendarbeit tätig und bildete sich zur Kunsttherapeutin, Kinderschutzfachkraft und Traumatherapeutin weiter. Seit 2010 arbeitete die Mutter zweier Kinder für Wildwasser.

Wildwasser Esslingen
Die Einrichtung ist eine Fachberatungsstelle für Kinder, Jugendliche und Erwachsene bei sexualisierter Gewalt wie Missbrauch, Übergriffen oder Vergewaltigungen. Wildwasser ist auch für Prävention, Schulungen oder Weiterbildung von Fachkräften zuständig. Kontakte kommen über die Opfer selbst, Familienangehörige, das soziale Umfeld oder öffentliche Stellen zustande.

Kontakt: Wildwasser Esslingen in der Merkelstraße 16, Rufnummer 0711/35 55 89, E-Mail info@wildwasser-esslingen.de und Homepage www.wildwasser-esslingen.de