Rehe auf der Flucht: Die Wildtiere springen dann auch auf die Straße. Foto: dpa

238.000 Wildunfälle haben die Versicherer in Deutschland im vergangenen Jahr registriert. 18 Menschen wurden dabei getötet, fast 3000 schwer verletzt. Der Schaden lag bei 575 Millionen Euro. Was kann man dagegen tun?

Stuttgart - Die Unfallforschung ist beim Thema Wildunfälle hellwach. Nach einer Forsa-Studie sind 47 Prozent aller Autofahrer bereits mit Wild kollidiert oder mussten einem Wildtier ausweichen. Mittlerweile gibt es eine Vielzahl von Erkenntnissen und Versuchen zur Vermeidung von Wildunfällen. Einige Initiativen sind zwar erfolgreich, doch kaum flächendeckend zu realisieren. Wichtig ist deshalb, dass jeder Kfz-Lenker selbst über die Risiken Bescheid weiß.

Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) hat in einem mehrjährigen Projekt mehr als 5000 Unfälle mit Wildtieren untersuchen lassen. Erste Erkenntnis: Die meisten Wildunfälle gibt es morgens zwischen 5 und 8 Uhr sowie abends zwischen 17 Uhr und Mitternacht. Dennoch erwies sich auch die Zeit zwischen 1 und 4 Uhr nachts als besonders gefährlich, weil es dann wenig Verkehr gibt und die Tiere weniger vorsichtig sind. Die Monate Oktober und November, aber auch der Mai sind laut Studie Spitzenreiter in der Wildunfall-Statistik.

Am häufigsten sind Kollisionen mit Rehen: Sie machen rund 80 Prozent aller Wildunfälle aus. Nach Angaben des Landesjagdverbands sterben in Baden-Württemberg rund 17 500 Rehe jährlich im Straßenverkehr. Das entspreche etwa elf Prozent der gesamten Jahresstrecke, also des gesamten innerhalb eines Jahres erlegten Wildes. Schwarzwild ist im Südwesten mit 2500 Fällen pro Jahr betroffen. Ganz selten kommt es hier dagegen zu Unfällen mit Rotwild, weil diese Tiere in Baden-Württemberg nur in fünf Waldgebieten leben und teilweise im Gatter, wie im Schönbuch.

Duftbarrieren helfen nicht

Rehe nutzen die Dämmerung, um aus dem Wald herauszukommen und sich auf Wiesen und Äckern Nahrung zu beschaffen. Dabei überqueren sie dann teilweise unvorsichtig auch Straßen. So wird die Kombination von Berufsverkehr und Dämmerung für die Tiere zur Todesfalle. Laut Landesjagdverband haben Jäger bereits mehr als 4000 Kilometer besonders unfallträchtiger Straßen im Südwesten mit Warnreflektoren ausgestattet. Dies habe die Wildunfallzahlen an diesen Stellen deutlich gesenkt, stellen die Jagdpächter fest.

Diese Erkenntnis deckt sich allerdings nicht unbedingt mit den Erfahrungen der deutschen Versicherer: Deren Unfallforscher haben verschiedene Methoden zur Wildunfallprävention ausprobiert. Ernüchternd war allerdings das Ergebnis: Weder akustische noch optische Reflektoren konnten die Zahl der Wildtierunfälle senken.

Das gilt auch für Duftbarrieren, in die hohe Erwartungen gesetzt worden waren. Auch der Rückschnitt von Hecken und Sträuchern am Straßenrand änderte nichts, ebenso wenig hatten Schilder mit Hinweisen auf Wildwechsel Erfolg.

Jagdverband: Keine Ausweichmanöver

Autofahrer sollten deshalb beherzigen: Ein Reh kommt selten allein. Steht also eines am Fahrbahnrand, sind garantiert weitere auf dem Sprung. Wer aber langsam fährt, hat kurze Anhaltewege.

Wenn unvermittelt Wildtiere auf der Straße auftauchen, sollte man abblenden und hupen, sagen die Fachleute. Aufblenden irritiert die Tiere, sie laufen auf die Lichtquelle zu. Experten raten dazu, kontrolliert zu bremsen. Umstritten ist, ob man, falls der Anhalteweg zu lang ist, auf das Tier zufahren oder ihm ausweichen sollte.

Es gibt dazu unterschiedliche Gerichtsurteile. Der Landesjagdverband rät von Ausweichmanövern ab, da diese oft folgenschwerer seien als der Zusammenstoß mit dem Tier. Es kommt auf die Situation an. Bei einem Tempo von 60 km/h entspricht der Aufprall auf ein Reh 0,8 Tonnen, wie der ADAC feststellt. Bei einem Damhirsch sind es 2,5 Tonnen, bei einem Wildschwein gar 3,5 Tonnen – so viel wiegt ein Elefant.