Weil Revierkämpfe und Nahrungssuche die Tiere besonders aktiv werden lassen, gilt seit der Zeitumstellung erhöhte Vorsicht für Autofahrer. Im Kreis Ludwigsburg mit der geringsten Waldfläche im Land ballen sich Gefahrenstellen. Gibt es Abhilfe?
678 Wildunfälle gab es laut Polizeipräsidium Ludwigsburg im vergangenen Jahr im Kreis Ludwigsburg. Im Schnitt fast zwei pro Tag. Dabei gelten Herbst und Frühling als Hochzeit für Unfälle zwischen Tier und Auto. Die Zeitumstellung bringt den ein oder anderen aus seinem Schlafrhythmus, viel gefährlicher ist das Vordrehen des Stundenzeigers aber für Wildtiere. „Die meisten Wildunfälle passieren regelmäßig bei den Zeitumstellungen im Frühjahr und Herbst“, sagt Kim Kühn. Er ist Förster im Revier Neckar-Enz und damit für den Großteil des Staatswaldes im Kreis Ludwigsburg zuständig. Dieser Tage kann es durchaus passieren, dass die Polizei ihn nachts aus dem Bett klingelt, weil in seinem Zuständigkeitsbereich ein Reh von einem Auto erfasst wurde.
Durch Revierkämpfe auf die Straße getrieben
„Durch die Zeitumstellung fällt ein Teil des Berufsverkehrs für einige Wochen wieder in die Dämmerungsphase morgens“, sagt Kühn. Gerade in diesen Stunden sind Wildtiere, vor allem Rehe, schon besonders aktiv. Hinzu komme, dass derzeit Rehkitze flügge werden. „Junge Böcke suchen sich ein Revier, und werden oft von den älteren vertrieben“, sagt der Förster. Bei diesen Revierkämpfen lande dann ein Tier schon mal unvorsichtig auf der Fahrbahn.
Dem stimmt der Wildtierbeauftragte des Landkreises Michael Zerrweck zu. Auch er sieht derzeit vor allem wegen der Aktivität des jungen Rehwilds eine besondere Gefahr in den Morgen- und Abendstunden. Schwarzwild wie Wildschweine sei dagegen eher nachtaktiv, und von den Unfällen bei Dämmerung nicht so betroffen. Ein anderer Grund für die große Aktivität des Rehwilds derzeit liege in der Nahrungssuche. Der Wald gebe noch nicht so viel her, daher suchten sich die Tiere auf Wiesen ihr Futter, sagt Förster Kühn. An den Stellen, wo sie hierfür Straßen queren müssen, kommt es folglich häufiger zu gefährlichen Situationen.
Jäger sehen generell eine erhöhte Gefahr im Kreis
Sascha Neib, Pressereferent der Jägervereinigung Ludwigsburg, sieht im Gegensatz zu Zerrweck und Kühn derzeit keine erhöhte Gefahr für Wildunfälle. Die sei im Landkreis nämlich ohnehin hoch, „weil der Raum relativ verdichtet ist. Es gibt viele Straßen und wir haben den geringsten Waldanteil in ganz Baden-Württemberg“. Diese grundsätzliche Einschätzung teilen der Förster und der Wildtierbeauftragte, sie sehen aber dennoch derzeit eine erhöhte Gefahr und verweisen auf ihre Erfahrung.
Zwei besondere Gefahrenstellen im Kreis Ludwigsburg sind Kühn aus eben jener Erfahrung präsent. Eine sei die Strecke zwischen Kleinglattbach und Horrheim. Hier führt die Straße direkt durch den Wald. Die andere Strecke ist die Verbindungsstraße von Bietigheim nach Ingersheim. Dort gibt es auf der einen Seite Wald, und auf der anderen Straßenseite Felder. „Die meisten Rehe werden kurz vor dem Ortsschild von Bietigheim-Bissingen erwischt“, weiß Kühn. Ein Grund: Dort sei mancher Autofahrer mit fast 100 Stundenkilometern unterwegs.
Besondere Gefahrenstellen
Zwei Quellen liefern darüber hinaus noch weitere Hinweise auf besondere Gefahrenstellen im Kreis, an denen sich Wildunfälle häufen. Zum einen ist das die polizeiliche Statistik. Seit 2022 werden darin die Wildunfälle erfasst. Auf einer Karte sind die einzelnen Vorfälle der Jahre 2022 und 2023 eingezeichnet. Dabei stechen einige weitere Stellen heraus, an denen mehrere Unfälle passierten. Dazu gehören unter anderem die Landesstraße zwischen Ossweil und Remseck, die Straßen zwischen Affalterbach und Erdmannhausen, zwischen Affalterbach und Marbach, die B 27 zwischen Walheim und Kirchheim am Neckar, die Verbindung von Bietigheim nach Löchgau, die Königstraße nach Freudental, die Straße von Großsachsenheim nach Hohenhaslach sowie die Verbindung zwischen Aurich und Enzweihingen.
Eine weitere Quelle ist die Auswertung der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg, die Wildunfalldaten der vergangenen drei Jahre zusammenfasst, so weit diese vorhanden sind. Mit insgesamt 1544 Wildunfällen in dieser Zeit landet der Kreis Ludwigsburg in Baden-Württemberg im Mittelfeld, setzt man die Zahlen allerdings in Relation zur Fläche der Landkreise, ist Ludwigsburg an sechster Stelle. Eine über die Jahre hinweg stetige Wildunfallstrecke hat die Auswertung für den Kreis ergeben: Es ist die Verbindung von Bietigheim nach Löchgau. Hier wurden neun Wildunfälle registriert.
Bei der Frage, wie man die Zahl der Wildunfälle zukünftig senken kann, gibt es diverse Ideen und Versuche, die der Wildtierbeauftragte Zerrweck beobachtet. Derzeit werde in einem Pilotprojekt in zwei Kreisen eine zeitweise Geschwindigkeitsreduzierung auf Gefahrenstrecken getestet – mit den bekannten Smileys für das Einhalten der Höchstgeschwindigkeit. „Klar ist, dass eine reduzierte Geschwindigkeit viele Unfälle verhindern könnte“, sagt Zerrweck. Mit Tempo 60 könne man eher auf ein Reh reagieren als mit 100. Ob diese Lösung auch für den Kreis Ludwigsburg etwas wäre, müsse sich aber erst zeigen, so Zerrweck
Verhalten nach einem Wildunfall
Ruhe bewahren
Kommt es trotz vorsichtiger Fahrweise doch mal zu einem Wildunfall, rät der ADAC Autofahrern vor allem Ruhe zu bewahren. Man soll die Warnblinkanlage einschalten, eine Warnweste anziehen und die Unfallstelle absichern. Das gelte auch, wenn das angefahrene Tier verletzt geflüchtet ist.
Notruf
Sind Menschen verletzt worden, soll man die 112 anrufen, ansonsten die 110. Wichtig ist dabei, den genauen Standort durchzugeben. Zusätzlich muss noch ein Jäger informiert werden, das übernimmt aber in der Regel die Polizei. Vom Jäger soll man sich laut ADAC eine Wildschadenbescheinigung aushändigen lassen.
Handschuhe
Wenn möglich soll man das tote Tier an den Randstreifen ziehen, um weitere Unfälle zu vermeiden. Wegen Parasiten oder Krankheiten das Tier besser nur mit Handschuhen anfassen. Verletzte Tiere ganz in Ruhe lassen, da sie sich wehren könnten. Wer das Tier vom Unfallort entfernt, riskiert eine Wilderei-Anzeige.