Wildkatzen sind äußerst scheu und nur selten zu sehen. Foto: Thomas Stephan

Ein BUND-Projekt soll Wildkatzen und anderen Tieren ermöglichen, zwischen zwei Naturparks zu wandern. Das könnte Jahre dauern, bei der Realisierung gibt es gleich mehrere Knackpunkte.

Kreis Ludwigsburg - Im Kreis Ludwigsburg sieht man sie so gut wie nie – wenn dann tot am Straßenrand liegend: die europäische Wildkatze. Zwischenzeitlich war sie fast verschwunden, nun erobert sie sich ihren Lebensraum zurück. Ein neues Projekt des Bunds für Umwelt und Naturschutz (BUND) soll nun dabei helfen, ihre Wanderungen zwischen Waldgebieten zu erleichtern. Konkret geht es um die beiden Naturparks Stromberg-Heuchelberg und Schwäbisch-Fränkischer Wald. Dazwischen liegt der Landkreis Ludwigsburg – einer der am dichtesten besiedelten Landkreise Deutschlands, mit zahlreichen Straßen, die für die Katzen auf Wanderschaft eine Gefahr bedeuten können.

Der BUND, konkret ist es der Bezirksverband Marbach-Bottwartal, unterstützt durch den Ortsverband Ingersheim, den Bezirksverband Stromberg-Neckartal und die Ortsgruppe Bietigheim-Bissingen, verspricht sich von dem Projekt einen „Austausch zwischen den Waldinseln“, wie es Axel Wieland, der Leiter des Projekts Rettungsnetz Wildkatze beim BUND Baden-Württemberg, beschreibt. Dabei gehe es nicht nur um die Wildkatze, auch andere Tiere wie Iltis, Marder, Luchs oder Hermelin würden von dem Korridor profitieren. Denn ohne Wanderungsbewegungen der Tiere drohe eine „genetische Verarmung“ und möglicherweise auch ein Rückgang der Artenvielfalt, wie Wieland sagt. Die Wildkatze sei für das Projekt quasi der „Botschafter für waldlebende Tiere“. Weil sie sich dort besonders wohlfühle, sei sie auch ein Indikator für einen naturnahen Lebensraum. Und wo Wildkatzen sich wohl fühlen, tun das auch viele andere Tierarten.

Der Korridor ist eine Art Wegweiser für die Tiere

Konkret geht es bei dem Wildtierkorridor darum, den Tieren mit Hilfe von Bäumen, Sträuchern oder Büschen leichter zu ermöglichen, besiedelte Gebiete zu queren. Man könne den Tieren keinen eigenen Weg bauen, sondern ihnen nur mit Hilfe der Vegetation eine Richtung empfehlen, erklärt Wieland.

Der Wildtierkorridor im Norden des Landkreises ist der zweite in Baden-Württemberg. Am Montag war der Startschuss in Oberstenfeld. Der Landrat Rainer Haas hat die Schirmherrschaft über das Projekt übernommen. „Ich würde mir wünschen, dass weitere Kommunen dem Vorbild der Gemeinde Oberstenfeld folgen“, sagte er. Haas weiß, wovon er spricht: Es wird nicht einfach sein, die betroffenen Kommunen davon zu überzeugen, Flächen für das Projekt zur Verfügung zu stellen – der Siedlungsdruck ist überall groß, hinzu kommt der Bedarf der Landwirtschaft. Insgesamt müssen 16 Kommunen mitmachen, um eine lückenlose Verbindung zwischen den beiden Naturparks zu ermöglichen. 13 Kommunen davon liegen im Landkreis Ludwigsburg.

Für den Korridor können Kommunen Ökopunkte bekommen

Oberstenfeld will mit gutem Beispiel vorangehen. „Wir haben uns gerne eingebracht“, sagt der Bürgermeister Markus Kleemann. Doch auch er klagt über den Siedlungsdruck: „Die Nachfrage nach Wohnraum ist unglaublich groß. Wir müssen etwas dagegen tun, dass jüngere Familien wegziehen.“ Seit über 20 Jahren habe man kein Baugebiet mehr ausgewiesen. Die 2,3 Hektar für knapp 100 neue Wohneinheiten im Wohngebiet Dürren IV waren schon lange geplant. Ebenso die grüne Umrandung des Gebiets, in die jetzt der Korridor gelegt werden soll. Kommunen können sich dafür Ökopunkte für Bauprojekte gutschreiben lassen. „Unser Beispiel zeigt, dass beides möglich ist“, sagt Markus Kleemann.

Doch auch andere Kommunen haben Neubaugebiete, die sich mit dem Korridor überschneiden, beispielweise Mundelsheim. Wieland rechnet damit, dass sich die Realisierung des Projekts noch Jahre hinziehen wird. In diesem Jahr wolle man erst einmal mit allen Kommunen ins Gespräch kommen. Zum Vergleich: der erste Wildtierkorridor Baden-Württembergs zwischen Herrenberg und Nufringen im Kreis Böblingen war seit 2011 in Planung, der Spatenstich fand 2014 statt, eingeweiht wurde er Mitte 2016 – und damals ging es nur um einen Weg von drei Kilometern. Dieses Mal sind es knapp 20 Kilometer. Wieland schätzt, dass der Korridor im Kreis Ludwigsburg den BUND bis zu sechs Jahre beschäftigen könnte. Und selbst wenn er eines Tages fertig ist: „Der Korridor muss auch danach freigehalten werden. Er wird sich nicht von selbst erhalten.“

Ein weiterer Knackpunkt im Kreis Ludwigsburg sind die großen Verkehrsachsen, die die Route zwischen den Naturparks durchschneiden: die Autobahn 81, die Bundesstraße 27 sowie der Neckar. „Das ist ein großes Problem, das wir im Rahmen unserer Möglichkeiten nicht lösen können“, sagt Wieland. Beim Bau von Grünbrücken sei der Bund gefragt.

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