Auf der Suche nach Nahrung verlassen Wildschweine auch die angestammten Waldgebiete Foto: dpa

Der Chef des städtischen Forstamts will aktiv gegensteuern, damit Stuttgart eine ähnliche Wildschwein-Plage wie in der Bundeshauptstadt erspart bleibt. Aber die Vorfälle haben zuletzt zugenommen.

Stuttgart - Die Aktion war generalstabsmäßig vorbereitet und hätte auch als Jahrestreff der Jägervereinigung durchgehen können. Doch die 80 Mann, die sich an einem Samstagmorgen trafen, waren nicht mit sich selbst beschäftigt. Ihr Weg führte in die Waldgebiete rund um Botnang, Weilimdorf und Feuerbach. 20 Treiber scheuchten die gesuchte Beute aus ihrem Tagesschlaf heraus auf die Beine – und vor die Flinten der 60 schussbereiten Jäger. Die Ausbeute der zweieinhalbstündigen Drückjagd: 40 erlegte Wildschweine und einige weitere Wildtiere, die später lokalen Metzgereien zur Weiterverwertung zugekommen sind.

„So etwas ist aufgrund des hohen Aufwands nur ein- oder zweimal im Jahr möglich. Aber es hat sich gelohnt“, sagt Organisator Hagen Dilling. Der Stuttgarter Forstamtsleiter führt in seiner Revierstatistik zum aktuellen Jagdjahr, das von April 2015 bis Ende März 2016 verläuft, 269 geschossene Wildschweine. Das ist eine deutlich gesteigerte Ausbeute gegenüber den Jahren zuvor mit 59 und 95 geschossenen Tieren. „Eine starke, intensive Bejagung zur Reduzierung der Population“, so viel steht für Dilling fest, sei „das geeignetste Mittel“, die Wildschweine weitgehend von bewohnten Stadtgebieten fernzuhalten. Ein Vorgehen, das selbst von Naturschutzverbänden nicht abgelehnt wird. „Aus Gründen der Bestandsregulation sind wir nicht grundsätzlich gegen die Wildschweinjagd“, sagt ­Nabu-Sprecherin Anke Beisswänger.

In Berlin sind mindestens 6000 Wildschweine heimisch

Um Zustände zu verhindern, wie sie in Berlin zur Gewohnheit wurden. In der Hauptstadt sind geschätzt mindestens 6000 dieser borstigen Säugetiere mehr oder weniger heimisch. Die Wildschweinrotten verkehren in öffentlichen Grünanlagen oder privaten Schrebergärten. An Nahrungsquellen mangelt es ihnen nicht. Neben Fallobst sind es oft genug auch die Angebote, die der Mensch unbewusst oder sogar aktiv macht: Gartenabfall, Biomüll, Speisereste, Futterstände. Beobachter meinen, in Berlin habe längst eine geduldete Koexistenz ­zwischen Mensch und Wildschwein Einzug gehalten.

„In Berlin kann man die Situation tatsächlich kaum mehr ändern, weil das Jagen im besiedelten Gebiet nicht gestattet ist“, sagt Hagen Dilling. Wie viele Wildschweine im Raum Stuttgart genau verkehren, kann er nicht sagen. „Man kann sie nicht zählen. Jeder ­Versuch wäre zum Scheitern ­verurteilt“, beteuert der stellvertretende Leiter des Garten-, Friedhofs- und Forstamtes. Aber Dilling und seine Mitarbeiter merken schon, wenn es einen starken Anstieg der Population bei Wildschweinen gegeben hat, wie das 2015 der Fall war. Ausreichend Eicheln und Bucheckern im Wald („Wenn sie das finden, bleiben sie auch dort“), der sehr milde Winter 2014/15 und ein mageres Jagdergebnis des Vorjahres benennt Dilling als die wesentlichen Gründe. Und weil das ­natürliche Nahrungsangebot im Wald im aktuellen Winter offenbar nicht mehr für die größer gewordene Schar reicht, drängen die Wildtiere verstärkt in die Ortslagen.

Waren vor drei Jahren hauptsächlich Uhlbach am Ostrand von Stuttgart und Gerlingen im Westen betroffen, so sind Botnang, Weilimdorf und Feuerbach „aktuell unser Brennpunkt“, sagt Hagen Dilling. Anwohner können ein Lied davon singen. „Erst ­waren es acht, jetzt schon 13 Tiere, die nachts regelmäßig ums Haus schleichen“, erzählte eine Frau bei einer eigens zu diesem Thema anberaumten Bürgerveranstaltung in Botnang von unliebsamen nächtlichen Wildschwein-Besuchen. Und sie war nicht die einzige Betroffene. Oft bleiben durchwühlte Gärten und zerzauste Grundstücke zurück. Ob sie auf dem entstandenen finanziellen Schaden sitzenbleiben, wollten viele Bürger bei dem gut besuchten Treff wissen. Hoffnung auf einen Regressanspruch konnte der Forstamtsleiter nicht verbreiten. Im Gegenteil. „Wildschweine sind herrenlose, frei ­lebende Tiere. Schadenersatz kann es deshalb nicht geben“, sagt Dilling unmissverständlich über die gesetzlichen Regelungen.

Futterangebot reduzieren und stabilen Zaun errichten

Des Fachmanns Ratschlag an die Bevölkerung: die Attraktivität des menschlichen ­Lebensraums für die Wildschweine senken, indem das Futterangebot konsequent reduziert wird. Und dazu eine stabile Umzäunung von gefährdetem Areal errichten. Von weiteren Mitteln zur Schadensabwehr wie Duftstoffe oder Bewegungsmelder mit Licht- oder Geräuschquellen hält Dilling wenig: „Der Gewöhnungseffekt tritt bei den intelligenten Tieren schnell ein. Und dann ist der Abschreckungseffekt dahin. Nur für einen Zaun gilt das nicht.“

Fuchs, Dachs, Waschbär, Reh – andere Wildtiere zeigen in waldnahen Wohngegenden auch in Stuttgart durchaus Präsenz. Doch bis auf die Infektionsgefahr, die vom Fuchskot auch auf den Menschen ausgeht (Stichwort Fuchsbandwurm), stellen diese Tiere für die Bevölkerung keine nennenswerte Bedrohung dar. „Aktuell ist die Diskussion eindeutig vom Wildschwein beherrscht. Das ist ein bundesweiter Trend“, sagt Hagen Dilling. In den sieben Jahren, in denen er für die Landeshauptstadt tätig ist, sei das Thema noch nie so groß gewesen wie jetzt. „Wir haben uns hier in Stuttgart nichts vorzuwerfen“, beteuert der Forstamtsleiter. „Aber die Jagd ist harte Arbeit, kein Zuckerschlecken und erst recht keine Zauberei.“

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