Auch auf der Ostalb zieht jetzt ein Wolf durch die Wälder. Foto: picture alliance / dpa

Auf der Ostalb streift ein weiterer Wolf umher, im Nordwesten Baden-Württembergs hält sich ein weiterer Luchs auf. Die Rückkehr der Wildtiere setzt sich damit fort – Schäfer und Jäger betrachten die Entwicklung mit sehr gemischten Gefühlen.

Stuttgart - Ein neuer Wolf ist Ende April nach Baden-Württemberg gekommen, genauer gesagt auf die Ostalb. Das Tier ist am 22. April bei Steinheim am Albuch (Landkreis Heidenheim) und einen Tag später zehn Kilometer weiter bei Bartholomä (Ostalbkreis) in Fotofallen getappt – das Umweltministerium hat jetzt bestätigt, dass es sich sicher um einen Wolf handele. Woher das Tier kommt, ob es ein Männchen oder ein Weibchen ist und wo es sich derzeit aufhält, all das wissen die Experten noch nicht. Damit leben derzeit nachweislich zwei Wölfe in Baden-Württemberg.

 

Der andere streift zwischen Bad Rippoldsau und Bad Wildbad im Nordschwarzwald umher und scheint sich dort wohl zu fühlen. Denn seit November 2017 kann das Tier mit dem amtlichen Namen „GW 852“ dort immer wieder nachgewiesen werden, zuletzt im Januar dieses Jahres. Er ist damit der erste sesshafte Wolf im Südwesten seit 150 Jahren; er kam aus Niedersachsen. Dieser Wolf war es auch, der vor etwa einem Jahr in Bad Wildbach 40 Schafe gerissen und deshalb bundesweit Aufmerksamkeit erregt hatte. Davor und danach brach er drei weitere Male in Herden ein und tötete Nutztiere.

400 000 Euro wurden bisher für den Herdenschutz bewilligt

Mittlerweile haben viele Schäfer und Ziegenhalter Zäune angeschafft, die der Wolf nicht mehr so leicht überwinden kann. Das Umweltministerium hat vor einem Jahr eine „Förderkulisse“ im Nordschwarzwald eingerichtet – innerhalb eines bestimmten Gebietes erhalten Nutztierhalter 90 Prozent der Aufwendungen zum Schutz ihrer Herden vom Land erstattet. Insgesamt seien bisher 150 Anträge bewilligt und 400 000 Euro an Zuschüssen ausbezahlt worden, sagt Frank Lorho vom Ministerium – Wolfsmanagement ist also nicht gerade günstig.

Anette Wohlfahrt, die Geschäftsführerin des Landesschafzuchtverbandes, schätzt, dass damit die meisten Schäfer im betroffenen Gebiet bessere Zäune besitzen. „Mit dem Wolf zu leben, fällt uns trotzdem schwer“, sagt sie: „Denn der Schutz kann nie hundertprozentig sein, und der erhöhte Aufwand bleibt immer.“ Zudem können die Schäfer auf der Ostalb bisher gar keine Fördergelder erhalten.

Dem Verband ist zugesagt worden, dass die Kosten in einer „Förderkulisse“ bald sogar ganz übernommen werden. An anderer Stelle wird das Land aber ab dem 1. Juni nicht mehr ganz so großzügig sein. Bisher erhielten Nutztierhalter bei Rissen den Schaden ersetzt, auch wenn es noch keine höheren Zäune gab. Das ändert sich.

Bisher gab es keine Angriffe auf Menschen in Deutschland

Neben den Nutztierhaltern sehen auch die Jäger den Wolf weiter skeptisch. Im brandneuen Wildtierbericht des Agrarministeriums ist der Wolf zwar aufgeführt, aber es gibt keine Empfehlung, ihn ins Jagd- und Wildtiermanagementgesetz des Landes aufzunehmen, wie es die Jäger und auch Agrarminister Peter Hauk (CDU) gerne gehabt hätten. So unterliegt der Wolf weiter dem Naturschutzgesetz und damit Umweltminister Franz Untersteller (Grüne). Für ihn gibt es nach wie vor keine Notwendigkeit, daran etwas zu ändern. Ein Problemwolf, der etwa sehr häufig Schafe reiße oder sich gar Menschen nähere, könne auch heute schon „entnommen“, also getötet werden. Das Ministerium hat dafür vorsichtshalber schon erfahrene Männer benannt. Landesjägermeister Jörg Friedmann kritisiert Untersteller: „Die Wolfsromantik scheint im grünen Umweltministerium immer noch den Blick auf die Realität zu verklären.“ Für Management und Entnahme gebe es im Jagdrecht bereits erprobte Verfahren.

Bisher hat es aber seit der Rückkehr des Wolfes nach Deutschland im Jahr 1990 keinerlei Angriffe auf Menschen gegeben. Durch Baden-Württemberg zogen seit 2015 mindestens sieben Tiere; da nicht alle klar identifiziert werden konnten, waren es eher mehr. Sie kamen aus der Schweiz und aus Niedersachsen. Ein Tier war illegal erschossen und im Juli 2017 im Schluchsee gefunden worden. Von einigen verlor sich die Spur und niemand weiß, was aus ihnen geworden ist.

Derzeit leben mindestens drei Luchse im Südwesten

Im Land gehört die große Aufmerksamkeit noch immer dem Wolf – dabei tut sich auch beim Luchs einiges. Derzeit gebe es mindestens drei Luchse in Baden-Württemberg, sagt Johannes Erretkamps von der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt in Freiburg. Dort laufen alle Fäden – für Luchs und Wolf – zusammen. Alle drei Luchse sind wohl sogenannte Kuder, also Männchen, denn Weibchen wandern nicht gerne und sind vermutlich auch nicht so mutig, etwa von der Schweiz aus die offene Landschaft des Rheintals zu überwinden.

So leben im Südwesten derzeit nur „Wilhelm“ im Südschwarzwald, „Lias“ im Donautal und seit wenigen Monaten ein noch unbekannter Luchs, der bisher bei Philippsburg (Landkreis Karlsruhe) und bei Sachsenheim (Landkreis Ludwigsburg) fotografiert wurde. Das Besondere: Dieses Tier scheint aus dem Harz zugewandert zu sein. Das wäre das erste Mal – die bisherigen Luchse kamen alle aus der Schweiz. Womöglich streifen noch zwei weitere Luchse durchs Land – aber von „Friedl“, der Anfang 2015 einwanderte, und „Tello“, der Anfang 2016 in den Südwesten kam und im September 2016 mit einem Auto zusammenprallte, aber überlebte, fehlt seit zwei Jahren jegliche Spur. Jäger auf der Ostalb wollen „Tello“ aber in jüngster Zeit gesehen und aufgrund der Fellzeichnung identifiziert haben. Insgesamt haben seit 2004 mindestens neun Tiere den Südwesten zumindest besucht.

Luchse streifen auf der Suche nach Futter und Partnerin weit umher. Lias ist derzeit der einzige Luchs im Südwesten, der einen Sender trägt. Erretkamps berichtet, dass Lias zwar im Donautal seinen Fixpunkt hat, aber auch schon einen Ausflug bis in die nördliche Schweiz unternommen hat. Ein Kerngebiet kann 140 Quadratkilometer groß sein.

Im Pfälzerwald läuft ein großes Auswilderungsprojekt

Luchse sind für den Menschen ungefährlich, aber sie reißen durchaus auch Schafe, wenngleich ihre Nahrung ganz überwiegend aus Rehen und anderen Wildtieren besteht. Für Anette Wohlfahrt vom Landesschaftzuchtverband gilt dennoch für den Luchs das Gleiche wie für den Wolf: Man will ihn eigentlich nicht haben im Land, akzeptiert aber, wenn er von selbst kommt. Das ist insgesamt im Land die Sprachregelung, bisher auch im Agrarministerium – der Luchs als ganzjährig geschützte Art des Jagdrechts „untersteht“ dieser Behörde und nicht dem Umweltministerium wie der Wolf. Auch Erhard Jauch vom Landesjagdverband ist gegen eine aktive Auswilderung von Luchsen, wie sie derzeit im angrenzenden Pfälzerwald läuft. Dort wurden seit Juli 2016 insgesamt 16 in der Schweiz und der Slowakei gefangene Luchse freigelassen; gleich im ersten Jahr gab es Nachwuchs. Ihm sei aber bekannt, so Jauch, dass im Land das Projekt in Rheinland-Pfalz interessiert verfolgt werde.

Der neue Wildtierbericht plädiert in der Tat indirekt für eine aktive Wiederansiedlung. Alle Populationen im Harz, den Vogesen, der Schweiz, im Pfälzerwald und im Bayerischen Wald seien zu klein, um eine ausreichende „genetische Variabilität“ zu gewährleisten. Baden-Württemberg komme eine zentrale Rolle zu als Scharnier zwischen den genannten Populationen, heißt es im Bericht. Da aber im Südwesten wegen der geringen Wanderlust der Weibchen kaum von selbst eine Population entstehen werde, wäre die Auswilderung die logische Konsequenz. Das sagt der Wildtierbericht aber nicht explizit. Johannes Erretkamps betont: „Mittlerweile liegen alle relevanten Fakten auf dem Tisch.“ Aber man wolle eine gemeinsame Strategie haben und Nutztierhalter und Jäger auf jeden Fall mitnehmen. Deren Position hat sich jedoch durch den Wildtierbericht nicht verändert.

Theoretisch gäbe es laut Bericht im Südwesten Lebensraum für bis zu 100 Luchse. So viele gibt es derzeit in ganz Deutschland nicht.