Eier tauschen, vergrämen, jagen – mit einem Wildgänsemanagement will die Stadt Stuttgart den sich ausbreitenden Nilgänsen Herr werden. Das gefällt nicht jedem.
Eigentlich sind sich Dennis Landgraf und die Stuttgarter Stadtverwaltung in ihrem Ziel einig: „Nilgänse gehören nicht hierher und sollten sich nicht weiter fortpflanzen“, sagt Landgraf, der für die Partei Mensch, Umwelt, Tierschutz im Gemeinderat sitzt. Anders als die Stadt allerdings, die „jagdliche Maßnahmen“ gegen die grau-rostrot gefärbten Vögel als Teil ihres neuen Wildgänsemanagements nicht ausschließt, ist Landgraf dagegen, dass Tiere getötet werden.
Deshalb hat seine Fraktion Die Linke-SÖS-Plus zwei Anträge gestellt. Zum einen will sie wissen, wie die Stadtverwaltung „das Töten von Nilgänsen verhindern will“. Außerdem solle diese „Vergrämungsmöglichkeiten“ wie den Einsatz von Hunden, den Austausch von Eiern und ein Fütterungsverbot „ausführlich prüfen“ und im Umweltausschuss Fragen dazu beantworten. Etwa diese: Welche nennenswerten Schäden und Verunreinigungen entstehen durch Nilgänse, die andere Tiere nicht verursachen? Oder auch: Wird das Tierschutzgesetz bei den bisher geplanten Maßnahmen uneingeschränkt eingehalten?
Peta droht mit Klagen wegen des Vorgehens gegen die Wildgänse
Außerdem sieht das Linksbündnis Klagen von Tierschutzvereinen wie Peta auf die Stadt zukommen, sollten Gänse sterben. „Bei der aktuellen Finanzlage kann sich die Landeshauptstadt keine teuren Klagen erlauben, nur weil man mit ein wenig Kot nicht klarkommt“, heißt es im Antrag.
Tatsächlich hat die Stadt im vergangenen November zusammen mit dem Landwirtschaftsministerium das Pilotprojekt „Urbanes Wildgänsemanagement im Stadtgebiet Stuttgart“ gestartet und damit Empfehlungen des Wildtierberichts 2024 umgesetzt. Ziel sei „eine harmonische Koexistenz“ zwischen Mensch und Tier. Wildgänse, insbesondere die aus Afrika stammende Nilgans, breiteten sich im Land aus.
Laut Bericht stieg die Zahl der Gemeinden, in denen die Tiere brüten, zwischen 2009 und 2021 von 78 auf 677. Wie viele Exemplare es genau gibt, ist unklar. Der Wildtierbericht weist für 2021 insgesamt 1450 Nilgänse im ganzen Land aus. Die Zahl beruht auf einer landesweiten Wasservogelzählung der Ornithologischen Gesellschaft an ausgewählten Gewässern. „Eine vollständige Erfassung aller Gewässer ist nicht möglich“, heißt es vom Landwirtschaftsministerium dazu. Und: „Die angegebenen Zahlen stellen daher keine exakten Bestandszahlen, sondern Einschätzungen des Winterbestands dar.“ Wichtig für die Bewertung der Nilgans sei eher der sich abzeichnende Trend. Er zeige, dass sich die Winterbestände zwischen 2015 und 2021 verdoppelt hätten.
Dabei ist es vor allem der auf Freibad- und Parkwiesen hinterlassene Kot der robusten Gans, der in Gemeinden wie Stuttgart zu Konflikten führt. 2023 wurde der Geschäftsführer eines Fellbacher Bads von seinen Aufgaben entbunden, als er aus Wut über eine auf seinem Gelände sesshaft gewordene Gänsefamilie Tiere verletzte. Oberbürgermeister Frank Nopper sagte zum Start des Pilotprojektes, Nilgänse hinterließen am Eckensee im Schlossgarten, am Max-Eyth-See und in den Stuttgarter Freibädern „große Schäden und Verunreinigungen“. Man müsse deshalb „im Rahmen unserer Möglichkeiten alles unternehmen, um die invasive Nilgans-Population zu reduzieren“.
Seit November würden die Gänse gemonitort, also erfasst, wo wie viele leben, heißt es auf Anfrage von der Stadt. Geplant seien außerdem ab März 2026 „gezielte Öffentlichkeitsarbeit, Fütterungsverbote, lebensraumverändernde Maßnahmen, die Vergrämung der Gänse sowie jagdliche Maßnahmen und eine Behandlung der Gelege“. Detaillierter will man sich noch nicht äußern. Zur Befürchtung Landgrafs, Nilgänse könnten nun zur leichten Jagdbeute werden, heißt es: „Das Erlegen von einzelnen Individuen kommt erst dann in Betracht, wenn vorherige Maßnahmen nicht zielführend waren oder andere Maßnahmen aufgrund der Gegebenheiten vor Ort nicht durchführbar sind.“
Verdrängt die Nilgans heimische Vogelarten in Stuttgart?
Grundsätzlich stört Landgraf, dass die Nilgans bei der EU als „invasive gebietsfremde Art“ geführt wird, dass also ihr Ausbreiten andere heimische Arten bedrohen soll. Dafür fehle es an Belegen, sagt der Gemeinderat. Ähnlich argumentieren auch Naturschutzverbände. Die Autoren des Wildtierberichts 2024 hingegen äußern den „Verdacht“, dass die Nilgans „heimische Vogelarten aus ihren Brutrevieren verdrängt“. Es gebe entsprechende Beobachtungen. Inwieweit die Gans aus Afrika, die erstmals 1993 im Land gesichtet wurde, tatsächlich andere Vogelbestände reduziere, sei allerdings „kaum erforscht und nur sehr schwer zu überprüfen“. Schäden auf landwirtschaftlichen Feldern seien hingegen in afrikanischen Ländern dokumentiert.
Um ihre Ausbreitung einzudämmen und Konflikte zwischen Mensch und Tier zu befrieden, empfiehlt der Wildtierbericht neben milderen Mitteln deshalb auch die regelmäßige Bejagung, „insbesondere entlang der Ausbreitungsgrenzen“. 2022/23 wurden in Baden-Württemberg gut 2000 getötete Nilgänse verzeichnet – und damit so viele Exemplare wie keiner anderen Gänseart.
Nilgans (Alopochen aegyptiaca)
Herkunft
Die Nilgans ist eine sogenannte Halbgans, also näher mit den Enten und Sägern verwandt ist als mit der heimischen Graugans. Sie gilt als anspruchslos und winterhart. Ihr natürliches Verbreitungsgebiet liegt in der Subsahara Afrikas und entlang des Niltals. Als Ursprung der europäischen Populationen gelten einige Ziervögel, die 1967 in den Niederlanden entflohen. In Baden-Württemberg ist die Nilgans seit 1993 dokumentiert und mittlerweile fast überall im Land heimisch. Besonders große Vorkommen gibt es in größeren Städten wie Freiburg, Heilbronn, Mannheim und Stuttgart.
Jagd
Ein Runder Tisch Wildgänse berät regelmäßig über das Gänsemanagement in der Landeshauptstadt. Vertreten sind unter anderem das Landwirtschaftsministerium, Vermögen und Bau Baden-Württemberg, die Stuttgarter Bäder, die Ämter für Umweltschutz sowie Sport und Bewegung, der Stadtjäger und der Wildtierbeauftragte. Nilgänse dürfen von August bis Mitte Februar gejagt werden, Jungtiere ganzjährig außerhalb der Schonzeit (von 16. Februar bis 15. April).