Stirbt der Einzelhandel in kleineren Städten aus? Rezepte für eine erfolgreiche Zukunft gibt es jedenfalls. Foto: dpa/Bernd Wüstneck

In einigen Orten im Landkreis wächst die Befürchtung, dass der Einzelhandel in kleineren Städten ausstirbt – und damit die Innenstädte. Ein genauerer Blick zeigt jedoch, dass bereits viele gute Ideen umgesetzt werden.

Seit 17 Jahren betreibt Luciano Adami ein Sportgeschäft in Asperg, ein mutiges Unterfangen. „Wir können uns nicht mehr darauf verlassen, dass Kunden zu uns reinkommen“, sagt er, sieht das aber nicht als Problem, sondern als Herausforderung. Er blickt optimistisch in die Zukunft, viele Kunden wünschen sich in Zeiten immer neuer Produkte und immer schnellerer Werbung eine Orientierung: „Ich nehme den Kunden im Dschungel an Angeboten an die Hand.“ Adami setzt aber auch auf Online-Präsenz und hat in den vergangenen Jahren seinen „Teamshop“ aufgebaut. Sportler der Region können auf seiner Webseite Trainingshosen, Jacken und Stutzen ihres Vereins ganz individuell kaufen.

 

Während der umtriebige Luciano Adami einen Weg gefunden hat, sein Geschäft auf die modernen Anforderungen anzupassen, bangen viele Einzelhändler in kleineren Städten um ihre Umsätze. In Besigheim, Marbach, Markgröningen und weiteren Orten gibt es ernsthafte Sorgen um ein schleichendes Sterben des Einzelhandels und verwaiste Innenstädte. Dabei gibt es genug Grund zur Hoffnung – vor allem der Zusammenhalt und die Emotionen sind entscheidend.

Kreis Ludwigsburg hat Standortvorteil

Seit einigen Jahrzehnten muss der stationäre Einzelhandel in Städten von 10 0000 bis 20 000 Einwohnern mit immer schneller wandelnden Rahmenbedingungen zurechtkommen. Beispielsweise verlegte sich der Handel vielerorts aus den Ortskernen an den Ortsrand – und verdichtete sich dort in großen Fachzentren. Zweitens sind Menschen immer mobiler und legen größere Distanzen für ihre Einkäufe zurück. Auch die Vielfalt an Produkten und die Auswahl an Marken nimmt zu, während die Loyalität zu Herstellern und Händlern nachlässt.

Der Online-Handel und Zentren wie das Breuningerland passen sich den Veränderungen mit Leichtigkeit an, alteingesessene Geschäfte geraten derweil unter Druck. Die Nachfrage an kleinen Bekleidungsgeschäften, Möbelhäusern und Haushaltsläden im eigenen Ort nehme ab, sagt Heinz Streicher vom Bund der Selbstständigen in Besigheim. „Es ist ein schleichender Prozess, aber der Einzelhandel stirbt in unseren Städten aus.“ Dabei hat der Kreis Ludwigsburg einen Standortvorteil. Mit einer Einwohnerzahl von 552 000 ist er der zweitbevölkerungsreichste Landkreis in Baden-Württemberg. Die Einzelhandels-Kaufkraft von 8155 Euro pro Jahr und pro Kopf liegt deutlich über dem Bundesdurchschnitt von 7463 Euro. Selbst das Kreis-Schlusslicht Gemmrigheim liegt mit 7471 Euro immer noch über dem Deutschland-Schnitt.

Dieses Potenzial lässt sich heben, es braucht nur die richtigen Strategien, sagen die Experten der IHK Region Stuttgart und des M arktforschungsinstituts IFH. Ein guter Service reiche dabei nicht mehr aus, so der IFH-Geschäftsführer Boris Hedde. Im Sinne „Weniger ist mehr“sollten sich Händler auf eine Zielgruppe konzentrieren, deren Bedürfnisse verfolgen und dementsprechend Produkte anbieten – siehe Luciano Adami.

Zudem sei besonders wichtig, dass sich Händler, Gastronomie und Stadtverwaltungen als Standortgemeinschaft begreifen und „Emotionen, Erlebnisse und Erfahrungen sozialer Art bieten“, sagt Boris Hedde. „Die Innenstadt als sozialer Treffpunkt erfordert heutzutage mehr als nur Handel.“ Städte mit einem Ortskern, wie Marbach, Freiberg am Neckar und Markgröningen haben da natürlich einen Vorteil.

Ohne Online-Auftritt geht es nicht

Grundvoraussetzung für einen erfolgreichen stationären Handel ist außerdem die Sichtbarkeit im Internet. Denn der Kaufprozess jüngerer Kunden starte fast immer mit einer kurzen Internetrecherche, erklärt der Ludwigsburger IHK-Vizechef Reiner Boucsein. Eine Patentlösung für den Internetauftritt gibt es dabei nicht, jeder Händler muss für sich selbst herausfinden, welche Strategie zu seinem Laden passt. Die Optionen reichen von einem Google-Eintrag über eine Webseite zum Stöbern bis hin zu einem Online-Shop. Es gilt: Menschen sind grundsätzlich bereit, vor Ort zu kaufen – sie müssen jedoch wissen, dass sich der Weg lohnt.

Im ganzen Landkreis Ludwigsburg zeigen Händler, dass sie den Wandel erkannt haben. So bietet beispielsweise die Buchhandlung Beurer in Besigheim einen individuellen Online-Shop. Auf der Webseite des Schuhhauses Ilg in Markgröningen finden Kunden aktuelle Angebote, die sie sich zurücklegen lassen können. Und auch die jeweiligen Stadtverwaltungen ziehen mit. In den vergangenen Jahren wurde unter anderem in Marbach verstärkt in das Stadtmarketing investiert. Die Stelle des Citymanagers ist keine Seltenheit mehr. Zudem schließen sich immer mehr Gemeinden des Kreises zu Tourismusregionen zusammen – auch, um damit den Einzelhandel zu stärken.

Der Besigheimer Verbandsvorsitzende der Selbstständigen blickt dennoch pessimistisch in die Zukunft. „So hart das klingt, das verzögert nur das Ladensterben“, sagt Heinz Streicher. Um lebenswerte Innenstädte zu erhalten, müsse ein grundlegendes Umdenken stattfinden: „Wir müssen wieder vor Ort kaufen.“ Der Einzelhandel in den kleinen Städten des Kreises sterbe noch lange nicht, sagt hingegen Luciano Adami. Der Trend spreche aktuell gegen die Stationären und für den Online-Handel, doch solche Trends ändern sich. „Wer hätte gedacht, dass Handwerker heute viel gefragter und angesehener sind als noch vor einigen Jahren?“