Martin Wuttke – hier als „Tatort“-Kommissar – verwandelt sich in Wien in „John Gabriel Borkman“ in einen langhaarigen Berserker Foto: MDR

Bei den Wiener Festwochen beeindruckt Martin Wuttke als langhaariger Berserker in Ibsens „John Gabriel Borkman“.

Wien - Es schneit ohne Unterlass auf der Bühne des Akademie-Theaters. Martin Wuttke steht dort, ein gescheiterter Bankier, ein langhaariger Berserker, und kämpft gegen die Vergangenheit. Ibsens Drama „John Gabriel Borkman“ wird in der Inszenierung von Simon Stone zu einer grellen, zeitgemäßen Groteske. Am Donnerstag feierte es, als Koproduktion mit dem Theater Basel, Premiere bei den Wiener Festwochen.

Autor und Regisseur Stone hat Ibsens Stück neu geschrieben, holt es hinein in eine surreale Gegenwart. Fort das bürgerliche Innenleben, das Wohnzimmerdekor der gescheiterten Familie Borkman. Inmitten stundenlangen Schneegestöbers wird das 1896 entstandene Gesellschaftsdrama gespielt, das von Hybris, Scheitern und Generationskonflikt handelt.

Borkman hat seine Liebe zu Ella für einen Posten als Bankdirektor geopfert und ihre Schwester Gunhild geheiratet. Als Betrüger wanderte er ins Gefängnis, entlassen haust er nun im ersten Stock des Hauses. Sohn Erhart, so will es Gunhild, soll die Ehre der Familie wiederherstellen, Ella wiederum will den Ziehsohn für sich haben, er soll ihr beim Sterben Gesellschaft leisten. Erhart hat andere Pläne: Er will mit der älteren Fanny Wilton sein Leben genießen. Der Konflikt im Hause Borkman eskaliert. „Ich lebe seit acht Jahren in einer verdammten Edgar-Allan-Poe-Geschichte!“, brüllt Erhart (Max Rothbart), ehe er mit Fanny die Flucht ergreift.

Simon Stone, Jahrgang 1984, von diesem Sommer an Hausregisseur in Basel, inszeniert das Stück ohne Seitenhiebe auf ­Finanzskandale jüngeren Datums. Er formt es zu einer Farce über Realitätsverlust, in der die Komik die Tragik um Längen schlägt: Rededuelle, Vorwürfe, Beschimpfungen vor einer kahlen Rückwand. Facebook und Google sind in den Dialogen allgegenwärtig. Bei Borkmans belfert man sich an: „Hast du meine SMS nicht gelesen?“ – und versteht sich dennoch nicht. Das Stück beginnt mit einem langen Schlagabtausch zwischen Gunhild und Ella, die knietief im Schnee stecken: „Warum sollte ich das Haus verlassen?“, sagt Gunhild. „Alles, was ich brauche, habe ich hier. Vor ein paar Monaten haben sie uns das Internet hergebracht.“

Derartige Streitigkeiten ziehen sich mitunter in die Länge, das Stück droht, sehr effektiv jedoch, zur Klamotte zu verkommen. Längeres Schweigen zwischen dem aufgeregten Geplapper verhindert das. Und dann sind da noch diese großartigen Darsteller: Birgit Minichmayr spielt Gunhild Borkman als trinkfreudiges Wrack mit krächzender Stimme, Caroline Peters ihre Zwillingsschwester Ella viel zarter, neurotisch und verloren. Martin Wuttke, der vor wenigen Wochen letztmals als Kommissar Keppler im „Tatort“ Jagd auf Verbrecher machte und nun selber einen spielt, zeigt all sein komödiantisches Talent. Er wankt als raubeinige Karikatur des Größenwahns über die Bühne, steht kaum still, prügelt sich mit Roland Koch, der als Borkman-Vertrauter Wilhelm Foldal zu sehen ist. Zuletzt, als er tot vor dem tiefblauen Theatervorhang liegt und nur Gunhild und Ella übrig geblieben sind, hebt er hinter ihrem Rücken noch einmal grinsend die Hand mit den zum Siegeszeichen gespreizten Fingern.

Max Rothbart spielt Erhart vital, dynamisch, im Abendanzug, der einzig Normale in einer verrückten Sippschaft. Nicola Kirsch als Fanny hat kurze, selbstbewusste Auftritte, Liliane Amuat ist Frida, Wilhelm Foldals Tochter. Sie erhält von Borkman Musikunterricht und trotzt dem Chaos um sie her auf andere Weise: Sie liegt im Schnee, sieht in ihrem roten Kleid, mit ihren roten Lippen aus wie Nastassja Kinski in „Paris Texas“ und spielt eine Gitarre, die mit mystisch-hartem Hall an Neil Youngs Soundtrack zu Jim Jarmuschs Film „Dead Man“ erinnert. Immer dann setzt sie ein, wenn sich unter dem Klamauk der sprachlose Abgrund auftut. Bernhard Moshammer hat diese Musik geschrieben; als das Ende naht, mischt sich von ferne Gesang in sie. Und Katrin Bracks Bühnenbild, das Rieseln, das weiße Rauschen, die Eiseskälte, zwei Stunden lang, ohne Unterbrechung: hypnotisch.

In den Schneewehen verborgen liegen Fernsehgeräte, Schnapsflaschen, Aschenbecher, Menschen – eine archaische, komische Endzeit.

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