Wieland Neuberth in der Leonberger Teppichhalle: Bald geht dort eine Ära zu Ende. Foto: Simon Granville

Wieland Neuberth hat über Jahrzehnte die Geschicke der Teppichhalle gelenkt, zuletzt in Leonberg. Nun verabschiedet sich der 80-Jährige aus der Branche, die ihn bis zur Privataudienz beim Dalai Lama geführt hat.

Für viele ist es ein Running Gag, also ein ständig wiederkehrender Witz. Teppichhändler, die mit Räumungsverkäufen werben, mit fetten Rabatt-Prozenten, weil es für die Kunden die allerallerallerletzte Gelegenheit ist vor dem endgültigen Aus des Geschäfts – und es dann doch nicht zumachen. Bei Wieland Neuberth ist das anders.

 

Dalai Lama, König Birenda, König Hassan II. – Neuberth hat sie getroffen

Der 80-Jährige hat in Sachen Teppiche schon alles gesehen. In der Leonberger Hertichstraße betreibt er seit rund fünf Jahren die Teppichhalle, die zuvor seit Anfang der 1970er-Jahre in Korntal beheimatet war. In Leonberg lagern aktuell rund 4000 Exemplare in allen Größen und warten auf ihren Verkauf – ob an den Endkunden oder an Handelspartner, das ist offen. Fakt ist, dass die Teppichhalle demnächst schließt. Und mit ihr verabschiedet sich ein ein wahrer Pionier im Geschäft, der es mit seiner Tätigkeit sogar bis zu Treffen mit dem Dalai Lama, mit Nepals König Birenda sowie mit dem marokkanischen König Hassan II. gebracht hat.

Wenn Wieland Neuberth durch die Reihen an gestapelten oder aufgerollten Teppichen geht, fällt ihm zu jedem Exemplar etwas ein. „Hier, diese hier zum Beispiel sind aus Indien, wobei das überhaupt nicht unser Kerngeschäft ist“, sagt er und schreitet weiter. Seitdem er in Sachen Teppiche ins Kalte Wasser geworfen wurde, standen für ihn vor allem zwei Länder im Mittelpunkt: Marokko und Nepal.

Prachtstück in der Teppichhalle: Der Ausstellungsteppich zeigt die Sommerresidenz des Dalai Lama Foto: Marius Venturini

Das kam so: Wieland Neuberth wurde 1944 in Würzburg geboren, wuchs allerdings in Osterburken nördlich von Heilbronn aus. Nach Volks- und Mittelschule besuchte er die Höhere Handelsschule, es folgten eine kaufmännische Ausbildung sowie zwei Jahre bei der Bundeswehr. Danach hängte er noch ein dreijähriges BWL-Studium dran, das ihn schließlich zum Betriebswirt machte – und nun kamen die Teppiche.

Ein entfernter Onkel kehrte aus Marokko zurück

Emil Roesner, ein entfernter Onkel, hatte in Marokko gelebt und war nach dem Zweiten Weltkrieg nach Deutschland zurückgekehrt. Mit seiner 1959 gegründeten Firma importierte er zunächst vorwiegend Kunsthandwerk aus dem nordafrikanischen Land. 1970 begann Roesner schließlich mit der Einfuhr von Teppichen, die hauptsächlich von Nomaden im Atlasgebirge geknüpft wurden. Auch Teppiche aus Algerien fanden sich im Portfolio des Unternehmens.

Zu dieser Zeit war Wieland Neuberth noch kein Jahr in Onkel Roesners Firma. „Er hat mich gefragt, ob ich bei ihm mitarbeiten möchte“, erinnert sich dieser, „ich hatte bis dahin noch überhaupt nichts mit Import oder mit Teppichen zu tun gehabt.“ Das änderte sich schnell. 1971 reiste er gemeinsam mit Emil Roesner erstmals nach Marokko, man spann Kontakte zu Knüpfereien, das Geschäft florierte. 1974 jedoch starb Emil Roesner – Neuberth stand somit vor einer Entscheidung: Schließt die Firma oder macht er als Geschäftsführer weiter? Er entschied sich zum Weitermachen, der Rest ist bewegte Teppichgeschichte.

1979 reiste Neuberth erstmals nach Nepal

Und die geht so: 1979 reiste Wieland Neuberth erstmals nach Indien und Nepal. Während er dem indischen Subkontinent nicht sonderlich viel abgewinnen konnte, traf ein Besuch im Camp Phokara für tibetanische Geflüchtete einen Nerv. „Die Tibeter haben dort Teppiche geknüpft für sich, aber auch für Touristen“, berichtet er, „daraus konnte man etwas entwickeln.“ Es dauerte kein Jahr, da investierte Neuberth bereits in den Aufbau von Knüpfereien vor Ort. Nach einigen Anlaufschwierigkeiten wurden dort schließlich auch Teppiche mit modernen Designs hergestellt – natürlich mit Fokus auf den westlichen Markt und mit großem Erfolg.

Allerdings genießt die Teppichbranche nach wie vor nicht die allerbeste Reputation. Wieland Neuberth weiß das genau. Und er weiß auch, dass es schwarze Schafe gibt – Kinderarbeit und mindere Qualität sind nur zwei Stichworte. „Das verfolgt uns schon seit Jahrzehnten.“ Er betont jedoch, dass er stets darauf geachtet habe, dass die Menschen in Marokko und Nepal fair entlohnt werden und die Arbeitsbedingungen in den Knüpfereien stimmen. „In Nepal gibt es inzwischen Gewerkschaften“, berichtet er. Bis heute reist Wieland Neuberth auch zweimal im Jahr nach Marokko – natürlich geschäftlich, allerdings schwärmt er mittlerweile auch von dem Land, das so etwas wie seine zweite Business-Heimat geworden ist.

Mit dem Dalai Lama spricht Neuberth nur am Rande über Teppiche

Sein nicht unerheblicher Bekanntheitsgrad führte schließlich auch zum Dalai Lama. Bei einem Besuch in Dharamsala traf Neuberth 1991 das Oberhaupt des tibetischen Buddhismus in dessen nordindischem Exil. Bei der Zusammenkunft ging es jedoch nur am Rande um Teppiche, vielmehr wurden die ganz grundlegenden Themen erörtert: aktive Gewaltlosigkeit als Mittel der Politik, Jugend und Erziehung, Fragen des Umweltschutzes, Frieden und Freiheit – sowie die Zukunft eines befreiten Tibets.

Bis Mitte der 1990er-Jahre lief das Geschäft gut, dann ereilte die Teppichbranche eine Krise. Aber auch aus dieser kämpfte sich Wieland Neuberth wieder zurück. Nur waren die Spitzenzeiten, in denen sein Unternehmen bis zu 80 000 Quadratmeter Teppiche importierte, vorbei. Auch heute ist das Geschäftsfeld weit von solchen Zahlen entfernt. „Die Menschen ziehen immer häufiger um und kaufen deshalb seltener hochwertige Teppiche.“ Die Inflation tat zuletzt ihr Übriges. Auch die Lage in den Produktionsländern ist bemerkenswert. „Junge Menschen gehen lieber studieren als das Knüpfhandwerk zu erlernen“, weiß Neuberth. So gehe das Wissen nach und nach verloren. „Noch ist Ware da, aber es kommt über kurz oder lang keine mehr nach.“

Die Schließung der Teppichhalle wird kein Running Gag

Wieland Neuberth, dessen zwei erwachsene Söhne sowie seine Ehefrau – die ihn auf einigen Arbeitsreisen auch schon begleitet hat – in gänzlich anderen Berufsfeldern tätig sind und waren, kann nun zurückschauen. Wobei: So ganz Feierabend ist auch bei der Teppichhalle noch nicht. Aber es wird kein Running Gag, ein ständig wiederkehrender Witz, werden. Der Grund ist denkbar simpel: Die Auflösung einer Firma mit einem solch enormen Lagerbestand dauert ihre Zeit. So wird es wahrscheinlich noch eine Weile brauchen, bis der letzte Teppich in der Teppichhalle den Besitzer gewechselt hat.