Thomas Haines und seine Mitarbeiterin Lucie van Zyl vermessen eine potenziell wiederverwendbare Treppe in einem Hochhaus in Stuttgart-Möhringen. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Ein Start-up aus Stuttgart erfasst die verborgenen Schätze in gebrauchten Gebäuden – und findet für Türen, Fenster, Treppen oder Fassaden neue Abnehmer.

Für Marc Haines vom Stuttgarter Start-up Concular ist das große Bürogebäude in Stuttgart-Möhringen im besten Alter. 1992 fertig gestellt, ist das Atlanta-Hochhaus jüngst vom Baukonzern Züblin gekauft worden, der in der Nähe seiner bisherigen Zentrale zusätzliche Büroflächen suchte. „Schadstoffe wie sie Gebäude aus den Siebziger- und Achtzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts belasten, sind hier kein Thema“, sagt der Mitgründer Haines. 800 bis 1000 Mitarbeiter können hier Platz finden. Alles auf den von 22 000 Quadratmetern in dem bis zu 16 Stockwerke hohen Gebäude wirkt gut gepflegt und in Schuss. Aber für eine in den kommenden Jahren anstehende Kernsanierung muss hier sehr vieles raus: Türen und Treppen, Fenster, Leuchten, Zwischenwände und Verkleidungen. Auch beim Umbau der Fassade dürfte einiges Material anfallen. Zu schade für die Müllkippe.

 

Der Blick auf die hier schlummernden Werte ist das Geschäftsmodell des Stuttgarter Start-ups Concular. Im Auftrag der Eigentümer und Bauherren erfasst es vor den ersten Bauarbeiten vom Dach bis zum Keller alles, was sich wieder verwenden lassen könnte. Und dafür wird von dem studierten Architekten zurzeit das Gebäude in Möhringen bis ins kleinste Detail erkundet. Welche Qualität und genauen Maße haben die Türen? In welche Richtung gehen sie auf? Wie sieht es mit den Treppen aus? Mit Zollstock und Tablet sind Haines und seine Mitarbeiterin unterwegs und erfassen alles digital.

Ausbau nur bei Verkaufschance

Was brauchbar ist, verkauft man weiter – etwa über eine eigene Onlineplattform. Ausgebaut wird nur, was auch Abnehmer hat. Die müssen in der Regel binnen eines halben Jahres gefunden sein, denn das Start-up hat nur eine beschränkte Lagerhaltung. Neue Nutzer können auch die ursprünglichen Hersteller sein, die etwa Ziegel wieder zurücknehmen, aufbereiten und dann auf eigene Rechnung verkaufen.

Oberstes Ziel ist die Wiederverwertung. Im Idealfall werden Gebäudebestandteile in derselben Funktion in einem anderen Gebäude wieder eingebaut. In zweiter Linie geht es um eine kreative neue Nutzung – etwa wenn eine Fassade, die nicht mehr den neuesten Standards der Wärmedämmung entspricht, an einem Treppenhaus weiterverwendet werden kann. Erst wenn nichts anderes machbar ist, wird Recycling zum Thema, etwa die Frage, wie alter Beton zu neuem werden kann.

Vom Pflasterstein bis zum Holzbalken

Viel Expertise und Erfahrung sind gefragt, um den Wert der Gebäudeteile abschätzen zu können. „Das ist wahnsinnig komplex“, sagt Haines: „Zu jeder Produktgruppe haben sie endlose Untergruppen: Stahltüre, Holztüre, Holztüre mit Glas und so weiter.“ Man müsse tausende von Spezifikationen hinterlegen. Aber potenziell sei alles verwertbar: Von Büromöbeln über Pflastersteine bis hin zu alten Holzbalken oder aktuell historischen Zellentüren aus der Justizvollzugsanstalt Rottenburg.

„Wenn sie nach Jahrzehnten nach Informationen zum Gebäude fragen, sind die Unterlagen oft gar nicht mehr vorhanden,“ sagt Haines. Noch steckt die Digitalisierung von Gebäudedaten in Deutschland nämlich in den Kinderschuhen. „Das liegt vor allem daran, das Bestandsunterlagen oft nicht digital bei den Bauherren oder Planern hinterlegt sind,“ sagt der Concular-Gründer. Idealerweise müsste man schon beim Bau alle Gebäudeteile auch im Hinblick auf eine mögliche, spätere Wiederverwertung registrieren. Entsprechende Methoden zur digitalen Erfassung gibt es heute schon, aber sie sind noch kein Standard, geschweige denn Vorschrift.

Gut für die CO2-Bilanz

Wer Gebäudebestandteile wieder verwendet, spart nicht nur Entsorgungskosten, sondern bessert auch die CO2-Bilanz auf. Und ein Bauherr, der das Altmaterial abnimmt kann beispielsweise eine bessere ökologische Zertifizierung seines Gebäudes erreichen. „Zum Teil wird heute beim Bau gefordert, dass Altmaterial mit verwendet wird“, sagt Haines. Während sich für Concular die systematische Suche nach Wiederverwertbarem wegen der knappen Margen erst ab etwa einer Gebäudefläche von 3000 Quadratmetern lohnt, kann man auf der Verkaufsplattform auch als Privatperson nach Baumaterial stöbern.

Bauherren, die von Concular ihr Gebäude checken lassen, müssen nur die ausführliche, detaillierte Erfassung bezahlen. „Und eine Schadstoffbegutachtung ist ja sowieso oft notwendig“, sagt der Concular-Gründer. Und die findet auch nur dann statt, wenn sich ein echtes Potenzial vermuten lässt. „Das wird aber manchmal ziemlich unterschätzt“, sagt Haines aus seiner Erfahrung mit Gebäudebegehungen.

Mehrkosten für schonenden Rückbau

Das Start-up übernimmt das Verkaufsrisiko für die Altmaterialien und die Mehrkosten für den selektiven, werterhaltenden Rückbau. „Wir arbeiten da mit Firmen zusammen, die das auch können“, sagt Haines. Für Handwerker und Abbruchfirmen sei ein auf die Wiederverwertung zielender Umgang mit alten Gebäudeteilen noch Neuland.

Wenn Teile seines Gebäudes Abnehmer finden, erhält im übrigen der Gebäudeeigentümer auch eine Provision. Einen einstelligen Eurobetrag je Quadratmeter habe man bisher noch für jeden Kunden erwirtschaften können, sagt Haines.

Stuttgarter Experten für Wiederverwertung

Gründung
Vor zwölf Jahren hat der Start-up-Gründer Haines mit einer Onlineplattform begonnen, über die Bauherren übrig gebliebenes Material vermarkten konnten. Das Angebot gibt es weiterhin. „Aber letztlich sind wir damit etwas zu kurz gesprungen“, sagt Haines. Und so gründete er 2020 das Start-up Concular, das sich auf die Erfassung von wiederverwertbaren Bauteilen in bestehenden Gebäuden spezialisiert hat.

Expansion
Seither ist das Unternehmen von drei auf 35 Mitarbeiter gewachsen und expandiert schnell. Besonders schnell wachse man beispielsweise in Bayern wo gerade öffentliche Bauträger sich für das Thema Wiederverwertung verstärkt interessieren. Eine weitere Expansion ist erst einmal im deutschen Sprachraum geplant – denn auch in der EU sei das Baurecht national sehr unterschiedlich. age