Eizellen, Spermien oder einfache Organismen einzufrieren ist medizinischer Alltag. Die Vorstellung,

Eizellen, Spermien oder einfache Organismen einzufrieren ist medizinischer Alltag. Die Vorstellung, man könne Tote tiefkühlen, um sie in der Zukunft wiederaufzutauen und zu reanimieren, wie dies die Kryoniker propagieren, halten Wissenschaftler jedoch für Fantasterei.

Von Markus Brauer

STUTTGART. Demnächst wird Klaus Mathwig seine Promotion am Max-Planck-Institut für Mikrostrukturphysik in Halle abschließen. Dem 29-Jährigen steht eine verheißungsvolle wissenschaftliche Karriere offen. Doch der Jungforscher denkt weiter. Er träumt von einem neuen Leben nach dem Tod. Mathwig ist Kryoniker - ein Anhänger der Kältekonservierung von Verstorbenen.

Der Physiker will sich nach seinem Ableben in flüssigen Stickstoff einfrieren lassen - in der Hoffnung, dass sein Leichnam in nicht allzu ferner Zukunft wieder zum Leben erweckt wird. "Mir ist klar, dass die Aussichten relativ gering sind. Aber es gibt nichts zu verlieren. Wenn die Sache nicht funktioniert, ist man sowieso tot." Doch Mathwig ist zuversichtlich, dass es mit der Wiederauferstehung klappen wird. Bereits heute sei es möglich, sagt er, das Gehirn so einzufrieren, um es "in optimalem Zustand für beliebig lange Zeit aufzubewahren".

Nach heutigem Wissensstand beträgt die maximale Lebenserwartung eines Menschen rund 120 Jahre. Die Kryoniker geben sich damit nicht zufrieden. Sie wollen den Tod besiegen. Seit 1967 werden in den USA Tote bei minus 196 Grad Celsius in flüssigem Stickstoff eingefroren, um ihre Zellen vor dem Zerfall zu bewahren. Knapp 200 Menschen haben sich seitdem für eine kryonische Bestattung entschieden. Ihr Körper oder nur der Kopf lagert in Metallzylindern, bis die sterblichen Überreste in ferner Zukunft wieder aufgetaut und dank neuer Heilmethoden mit Leben erfüllt werden können.

Renommierte Wissenschaftler wie der Biophysiker Günter Fuhr halten solche Vorstellungen für Fantasterei und "reine Zukunftsmusik". Beim Einfrieren würden die Körperflüssigkeiten Eiskristalle bilden, die sich ausdehnten und die Zellwände zerstörten, erklärt der Leiter des Fraunhofer-Instituts für Biomedizinische Technik (IBMT) in St. Ingbert. Bei einzelnen Zellen könne man diesen Vorgang mittels biologischer Frostschutzmittel kontrollieren, nicht aber bei komplexen Organismen wie dem Menschen.

Dies wird auch von Kryonikern nicht bestritten. Um die zelluläre Vernichtung durch Kristallbildung zu verhindern, setzen sie seit wenigen Jahren auf die seit langem bewährte Methode der Vitrifikation (wörtlich: Verglasung). Dieses Verfahren stammt aus der Kryobiologie, einem Teilgebiet der Biologie, die sich mit den Auswirkungen extrem niedriger Temperaturen auf Organismen, Gewebe und Zellen beschäftigt.

Die Vitrifikation wird beim Einfrieren von Embryonen, Eizellen, Blut, Hautpartikeln oder Organteilen routinemäßig angewandt. Die Zellen werden in flüssigen Stickstoff eingetaucht und in weniger als einer Sekunde auf minus 196 Grad Celsius abgekühlt. Dabei gehen sie in einen glasförmigen Zustand über, in dem sie über sehr lange Zeit geschützt sind.

Bei solchen Minusgraden würde die biologische Uhr angehalten, so Professor Klaus Sames, der früher Dozent am Anatomischen Institut im Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf war. Seit Jahren widmet sich der 69-Jährige der Hoffnung auf die Wiedergeburt. Eine vage Hoffnung, wie auch Sames weiß: "Kryonik muss ihren Beweis der Zukunft überlassen." Sie sei eine Zwischenlösung, um die Spanne zu überbrücken, bis die Wissenschaft Tote reanimieren könne.

Was tot war, soll lebendig werden. Diese Absurdität funktioniert in Science-Fiction-Filmen, aber nicht in der realen Welt. Doch die Kyroniker lassen sich von der Unlogik und Unmöglichkeit ihres Weltbildes nicht irritieren. Sie sind überzeugt, dass die Auferweckung der Toten eines Tages Wirklichkeit werden könnte. Wenn der Organismus durch Kälte erhalten bliebe und sich alters- und krankheitsbedingte Schäden durch "fortgeschrittene Technologien" beheben ließen, argumentiert Mathwig, "könnte die Kryonik funktionieren".

Der Traum von der Rückkehr aus dem Totenreich ist so alt wie die Menschheit. "Natürlich ist der Mensch bestrebt, den Tod immer weiter hinauszudrängen. Aber der Tod gehört zum Leben dazu", gibt der Molekularbiologe Jörg Klug zu bedenken. Er arbeitet am Institut für Anatomie und Zellbiologie der medizinischen Fakultät der Universität Gießen. Auch hier setzt man auf die Kryokonservierung - also auf extreme Kälte und spezielle Konservierungsmittel, um die zerstörerische Bildung von Eiskristallen beim Gefrierprozess zu stoppen.

"Auf diese Weise können wir problemlos Zellkulturen einfrieren und wiederauftauen", sagt Klug. Jedoch handle es sich um Einzeller und einfache Mehrzeller. Das Problem sei, nicht nur ein einzelnes Organ oder einen ganzen Menschen einzufrieren und später wiederaufzutauen. "Im Nachhinein soll er ins Leben zurückgeholt werden. Wie soll das gehen?" Und er fügt hinzu: "Es ist nicht sinnvoll, unendlich lange zu leben."

Deutschlands Kryoniker-Gemeinde ist überschaubar. Nach Angaben von Mathwig zählt ihr Verein, die 2006 gegründete Deutsche Gesellschaft für Angewandte Biostase, 30 bis 40 Mitglieder - darunter auch Michael Saxer (48), Pflanzensamenversandhändler aus Rottenburg. 2004 gründete er das erste kryonische Institut Europas. Bis jetzt hat Saxer zwei Katzen gefrostet, doch er hat große Pläne. Jeden Monat würden sich bis zu zehn Interessenten bei ihm melden, erzählt Saxer. Wenn das so weitergehe, wolle er mit seiner Firma "groß starten". Er plant die Überführung von Toten nach Detroit, wo sie im Cryonics Institute eingelagert werden sollen. Der Preis: 119 000 Euro.

Die Wahrscheinlichkeit, dass wieder Leben durch die tiefgefrorenen Adern fließt, schätzt Saxer auf "etwa fünf Prozent". Dennoch propagiert er mit grenzenlosem Optimismus auf seiner Homepage: "Ja, es ist heute möglich, den Tod zu besiegen. Moderne Technologie macht es möglich."

Die Anhänger der Kältekonservierung hoffen vor allem auf Fortschritte in der Nanotechnologie: Intelligente Roboter, winzig wie Moleküle, sollen in die Blutbahnen und ins Gewebe eindringen, um den Organismus zu reparieren. "Mit einer fortgeschrittenen Technologie müsste es prinzipiell immer möglich sein, die Toten zu reanimieren", so Mathwig. Vielleicht müsse man nur einige Jahrzehnte und nicht Jahrhunderte warten, bis eine solche Technik zur Verfügung stünde. Angesichts des "rasanten Tempos in der Wissenschaft" sei dies realistisch. Saxer pflichtet ihm bei: "300 Jahre im Kryonik-Tank - da holt uns keiner mehr raus. Es ist nur eine Überbrückung bis ins nächste Jahrhundert, bis der Tod besiegt werden kann."

Den Tod besiegen? Jörg Klug hält das für eine ungeheure Anmaßung. Eine Schale mit Zellkulturen, wie er sie im Labor verwendet, enthalte rund zehn Millionen Zellen. "Das hört sich viel an, ist aber nicht mehr als ein Stecknadelkopf." Der Mensch setze sich aus mehr als zehn Billionen Zellen zusammen. "Aus wissenschaftlicher Sicht ist es unrealistisch zu glauben, man könnte Tote zum Leben erwecken."

Der an Krebs gestorbene Amerikaner James Bedford war der erste Mensch, der sich 1967 im Metalltank einfrieren ließ. Seitdem ruht er mit knapp 100 anderen Toten im Cryonics Institute in Detroit. Ebenso viele sind es bei Alcor, der zweiten großen US-Kryonik-Firma in Scottsdale/Arizona.

Kältekonservierungen sind nur in den USA und in Russland erlaubt. In Deutschland sind sie aufgrund des Friedhofszwangs verboten. Deshalb bieten nur wenige Bestatter diese Begräbnisform an. Barry Fowden aus Rüsselsheim hat bislang vier Leichen im eisgekühlten Zinksarg an Bord einer Lufthansa-Maschine nach Detroit überführt. "Wie ich die deutschen Behörden kenne", sagt Fowden, "wird es auch künftig keine kryonischen Bestattungen geben."

Klaus Mathwig will Vorsorge treffen. Er werde bald einen Vertrag bei Alcor abschließen, erzählt er. Eine Risikolebensversicherung und ein paar Hundert Euro Jahresgebühr sollen ihm die Fahrkarte für eine Rückkehr aus dem Jenseits ermöglichen. Noch ist er unschlüssig, ob er seinen Körper oder nur den Kopf einfrieren lassen soll. "Nur der Kopf wäre sicher die bessere Wahl", überlegt Mathwig. "Aber ich hoffe, dass es irgendwann möglich ist, den Körper zu klonen oder auf andere Weise zu reanimieren."

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