Daniel Brenna und Wolfgang Ablinger-Sperrhacke in „Siegfried“. Foto: A. T. Schaefer

Von 2006 bis 2011 war Lars Franke Regieassistent an der Oper Stuttgart. 2013 hat er die Wiederaufnahme von Peter Konwitschnys „Götterdämmerung“ betreut, jetzt sorgt er auch beim „Siegfried“ für szenische Frische.

Von 2006 bis 2011 war Lars Franke Regieassistent an der Oper Stuttgart. 2013 hat er die Wiederaufnahme von Peter Konwitschnys „Götterdämmerung“ betreut, jetzt sorgt er auch beim „Siegfried“ für szenische Frische.

Stuttgart - Wäre Richard Wagners monumentaler Opern-Vierteiler „Ring des Nibelungen“ eine Sinfonie, dann wäre „Siegfried“ der dritte Satz, in der musikalischen Romantik also: das Scherzo. Diese Behauptung ist oft zu lesen, und tatsächlich trifft sie den Kern des dritten „Ring“-Teils, nämlich dessen Leichtigkeit, den Humor, auch seinen kammermusikalischen Charakter. Und sie trifft ins Schwarze der Inszenierung, mit der Jossi Wieler und Sergio Morabito 1999 das ungewöhnliche „Ring“-Projekt Klaus Zeheleins in Stuttgart bereicherten. Zu sehen war ein Kammerspiel um einen Pubertierenden, der sich selbst in der Welt und in der Liebe entdeckt. „Siegfried“, sagt Lars Franke, „ist in einer verfallenen, kaputten Welt total überfordert, und als Wanderer versucht Wotan, obwohl er als alte Macht längst der neuen hätte Platz machen sollen, immer noch, die Menschen zu manipulieren.“

Franke, 36, während der Intendanz Albrecht Puhlmanns fünf Jahre lang fest als Regieassistent an der Oper Stuttgart engagiert und heute als freier Regisseur tätig, hat nach „La Traviata“ in der Inszenierung von Ruth Berghaus („Ich hätte viel dafür gegeben, diese Regisseurin noch kennenlernen zu dürfen“) und nach Peter Konwitschnys „Götterdämmerung“ auch die Neueinstudierung des „Siegfried“ übernommen.

Das hat mit Rekonstruktion zu tun – die DVDs müssen angeschaut, die Notizen der Regisseure gesichtet und umgesetzt, Tempi mit den Dirigenten abgestimmt werden, denn „meine Aufgabe“, sagt Franke, „ist es auch, musikalischen Gedanken Raum zu schaffen“. Das hat mit viel Arbeit zu tun („Die letzten vier Wochen vor Probenbeginn sind Fleißarbeit zu Hause am Schreibtisch“). Das hat mit Unterordnung unter ein vorgegebenes Konzept zu tun. Das ist eine Tätigkeit in der zweiten Reihe. Den Regieassistenten, der eine Wiederaufnahme betreut, bekommt das Publikum beim Schlussapplaus in der Regel nicht zu sehen. Er arbeitet im Dunkeln, ihn sieht man nicht.

Das ist wohl der wichtigste Grund, warum Lars Franke 2011 den Weg in die unsichere Selbstständigkeit dem Arbeiten im sicheren Festengagement vorzog – zunächst noch mit der Angst im Rücken, vielleicht nicht genug zu tun, ja womöglich gar irgendwann Langeweile zu haben. Das ist zum Glück nicht eingetreten: Franke, der in Hamburg bei Götz Friedrich, Peter Konwitschny und Harry Kupfer Musiktheaterregie studierte, ist einer der besonders Begabten seines Fachs, er findet sein Aus-, hat sein Einkommen und kann jetzt auch das tun, wovon er träumte: „eigene Ideen zur Diskussion stellen“.

Und gelegentlich kehrt er zurück. Mit Freude, wie er sagt, mit einer Lust an der szenischen Wiederherstellung von alten Inszenierungen, die maßgeblich deren hoher Qualität geschuldet ist. Und mit dem Vertrauensvorschuss, den nur bekommt, wer sich auf und hinter der Bühne bewiesen hat, wer das Gespräch mit den Regisseuren gesucht und dabei gezeigt hat, dass auch er die Partituren der Werke genau gelesen hat. Und wer die Kernaussage der Inszenierung verstanden hat, denn die, sagt Lars Franke, gilt es zuallererst zu finden, „weil es dann unwichtig ist, ob jemand nun rechts oder links auf der Bühne steht“. Diese Aussage vor allem müsse wiedergegeben werden, und oft gehe es dabei um zentrale Bilder. Wie etwa am Ende des zweiten „Siegfried“-Aktes: Wenn man da Mime tot im Stuhl sitzen und Fafner im Zaun hängen sieht, „dann ist das ein Bild, das das Regieteam bewusst an diese Stelle gesetzt hat“. Das darf kein Regieassistent einfach ändern. Wo die Sänger streng bei den Vorgaben bleiben müssen und wo sie freier sein dürfen, hat jetzt Jossi Wieler selbst dem Ensemble erläutert.

Und was, wenn ein Sänger sich wehrt? Wenn einer behauptet, eine szenische Aktion sei so nicht machbar, zumindest nicht für ihn? Dann muss der Regieassistent Überzeugungsarbeit leisten, denn er ist für die Einstudierung der Rollen mit der neuen Besetzung zuständig. „Geht nicht? Gibt’s nicht!“: Das, sagt Franke, gelte bei ihm grundsätzlich, denn „Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg.“ Und auch eine Regiearbeit sei ein autonomes Kunstwerk.

Wie altert eine Inszenierung? Wo finden sich erste Falten? In der Ästhetik des Raumes, meint Franke, „und dann auch mal in der Körpersprache und im Gestus auf der Bühne“. Das gelte für den „Siegfried“ allerdings ebenso wenig wie für die „Götterdämmerung“. Wobei der „Siegfried“, das Kammerspiel mit den vielen langen, als Dialoge verkleideten Monologen, auch deshalb noch immer sehr authentisch wirke, weil die Inszenierung „sehr psychologisch“ sei „in der Art, wie die Figuren hier aus dem Stück heraus analysiert werden – wie ein Schauspiel mit Musik“.

Für die Sänger sei das „extrem anstrengend“: Kammermusik und Kammerspiel sind eine permanente Herausforderung, und hinzukommen müssen, wenn es nach Lars Franke geht, klangfarbliche Entsprechungen auf der Bühne und im Orchester ebenso wie eine klare Aussprache, eine hohe Verständlichkeit des Textes.

O ja, es gab viel zu tun. Ob sich der Mann, der den „Siegfried“ einstudierte, am Sonntag zum Schlussapplaus ein Dankeschön abholt? „Eigentlich nicht“, sagt Lars Franke. „Es sei denn, die Regisseure nehmen mich an die Hand, weil sie selbst das wollen.“ Man darf gespannt sein.

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