Seit Dienstagmorgen läuft der Ausbau des Digitalen Knotens Stuttgart auf der Neckar- und Remstaltrasse. Die Folge sind Zugausfälle und Verspätungen in Bad Cannstatt. Der Ärger der Fahrgäste wächst.
Der Bahnsteig 8 ist um kurz vor 7 Uhr gerammelt voll. Unzählige, fragende Blicke richten sich auf die Anzeigetafel oder auf das eigene Smartphone. Kommt die S-Bahn wirklich? Und wenn ja, wann? Im Schnitt hat die Linie S1 in Richtung Kirchheim/Teck rund fünf Minuten Verspätung. Eine Fortsetzung der Probleme bei der Pünktlichkeit, die sich seit Ferienende und der Wiedereröffnung der Stammstrecke zeigen. Mit dem Beginn der nächsten Ausbaustufe für den Digitalen Knoten Stuttgart (DKS) müssen sich die Fahrgäste seit Dienstag nun wieder auf Einschränkungen auf der Neckar- und Remstaltrasse einstellen. Die Strecken sind teilweise gesperrt, erneut wurde ein Schienersatzverkehr mit Bussen eingerichtet. Der Ein- und Ausstieg verläuft ruhig, offensichtlich haben sich die Pendler an die Probleme gewöhnt, ergeben sich in ihr Schicksal. Aber Verspätungen und Zugausfälle sorgen für Ärger.
30 Minuten Wartezeit auf den Regionalexpress nach Tübingen
Doch nicht alle kommen auch wirklich mit so wenig Verspätung weiter an den gewünschten Zielort. Denn der Regionalexpress nach Tübingen um 7.27 Uhr entfällt. Das heißt für Anita K. aus Fellbach mindestens eine halbe Stunde länger warten. „Das ist nicht das erste Mal. Einmal musste sie sogar mehr als eine Stunde warten, bis ein Zug am Cannstatter Bahnhof kam. Zwar komme die Verwaltungsangestellte der Stadt Tübingen durch die Gleitzeit nicht zu spät, „aber die Deutsche Bahn sorgt dafür, dass ich Minusstunden habe, weil ich wieder rechtzeitig zurück sein muss, um mein Kind vom Kindergarten abzuholen“.
Noch härter trifft es eine nebenstehende Dame: „Ich muss auf einen Gerichtstermin in Reutlingen“, wirft sie ein. „Ob ich es noch rechtzeitig schaffe, ist fraglich“, denn eine echte Alternative auf der Strecke nach Tübingen gibt es für die beiden Frauen nicht.
Keine Hinweise zur Haltestelle des Busersatzverkehrs
Das sieht für den S-Bahn-Verkehr zwischen Bad Cannstatt und Mettingen anders aus. Glücklich ist, wer nach Untertürkheim muss, denn dort hält die Linie S1 zumindest noch bis zum Wochenende. Wer allerdings zum Neckarpark oder nach Obertürkheim will, muss auf den Busersatzverkehr umsteigen. Dieser verkehrt im 10-Minuten-Takt zwischen Bad Cannstatt und Mettingen.
Doch die große Frage lautet, wohin muss ich gehen? Denn die bei früheren Streckensperrungen üblichen Leitlinien auf dem Boden gibt es nicht. Auch „eine Ausschilderung sucht man vergebens. Oder ich habe sie einfach nicht gefunden“, ärgert sich Eva Kaczmarczyk. Nicht zuletzt fällt die Bushaltestelle am Wilhelmsplatz nicht auf. „Ist man hier einmal angelangt, läuft man auch noch vorbei“, hält sich der Andrang entsprechend in Grenzen. Eineinhalb Stunden ist die junge Frau in der Regel von Grafenau zum Neckarpark unterwegs, „wenn alles gut läuft“. Davon kann am Dienstagmorgen nicht die Rede sein. „Mein Zug hatte Verspätung, dadurch habe ich den Ersatzbus verpasst“, sagt Kaczmarczyk, in den sie wegen „einer läppischen Haltestelle“ einsteigen muss. Soll heißen: Mindestens zwei Stunden Fahrtzeit wird sie bis zum Arbeitsplatz benötigen. „Der Chef ist nicht erfreut.“
Nach Monaten der Sperrung liegen die Nerven blank
Wenig Verständnis für die erneute Streckensperrung hat auch Christian Dieterich: „Man könnte fast meinen die Deutsche Bahn hegt eine gewisse Verachtung für die Fahrgäste“, sagt er zynisch. „Vom volkswirtschaftlichen Schaden ganz abgesehen.“ Bereits seit Anfang Juni hat der Böblinger auf dem Weg zum Neckarpark mit Sperrungen zu kämpfen. Zunächst war die Strecke aus Böblingen wegen dem Einbau einer neuen Brücke in Ehningen unterbrochen, dann kam die Stammstreckensperrung. Nun muss er in Bad Cannstatt erneut auf den Bus umsteigen. Rund eine halbe Stunde am Tag dauert der einfache Weg zur Arbeit für ihn länger. „Würde ich nicht mit dem Deutschlandticket viel Geld sparen, würde ich mich noch viel mehr ärgern“, so der Böblinger. Mit 49 Euro hat sich seine monatliche Pauschale von rund 160 Euro um zwei Drittel reduziert. Dennoch sei es definitiv an der Zeit, dass die Umbaumaßnahmen und die damit verbundenen Streckensperrungen enden.
Doch das ist nicht in Sicht. Der Ausbau des S-Bahn-Netzes Stuttgart mit der neuen Sicherungstechnik European Train Control System (ETCS) setzt sich weiter fort. Und auch der Einbau der neuen Bahnbrücke in Ehingen „wurde nicht rechtzeitig fertig“, weiß Dieterich. Anfang 2024 muss die Strecke nach Herrenberg erneut für knapp zwei Monate gesperrt werden. Und noch bis zum 22. September, pünktlich zum Auftakt des Cannstatter Volksfestes, sollen die Beeinträchtigungen auf Neckar- und Remstaltrasse andauern. Die Fahrgäste werden also weiter auf eine harte Probe gestellt.