Therapeutische Effekte durch Kapseln und Öle aus Cannabidiol (CBD) sind nicht wissenschaftlich nachgewiesen. Als Arznei zugelassen ist CBD für die Therapie von zwei seltenen Epilepsie-Formen bei Kindern. Foto: imago images/Panthermedia/artursfoto

Für besseren Schlaf und gegen Stress: Kapseln und Öle aus Cannabidiol (CBD) liegen im Trend.Wieso die Produkte aus medizinischer Sicht umstritten sind – mit einer Ausnahme.

Stuttgart - Die Schlafstörungen sind vergessen, die Depression ist geheilt, und der Krebs kann einpacken: Die Liste an Heilsversprechen, die es rund um CBD-Produkte gibt, ist lang. CBD steht für Cannabidiol und gilt als Wunderstoff der Hanfpflanze. In Deutschland boomen vor allem CBD-Öle und -Kapseln, dabei sind die Produkte alles andere als billig: Vom Hersteller Canitat M kosten zehn Milliliter CBD-Hanföl zum Beispiel bis zu 100 Euro. Verbraucherschützer und Wissenschaftler stellen die Wirksamkeit der Produkte infrage. Wir fassen die wichtigsten Kritikpunkte im Folgenden zusammen.

 

Tipps von Influencern besser mit Vorsicht genießen

Der immer noch recht junge Berufsstand des Influencers lebt davon, gegen Bezahlung Produkte zu bewerben, bei Youtube, Instagram oder in anderen sozialen Medien. Diese Empfehlungen sollen zwischen Selfies möglichst natürlich wirken, haben oft aber kaum Substanz.

Im Fall der CBD-Produkte wirbt der Produzent Naturecan auf seiner Website mit dem Satz: „Wir suchen Influencer, um die CBD-Industrie in Deutschland voranzubringen. Wir bieten ein attraktives Kommissionsmodell an.“ Eine Erwähnung bei Instagram kann – je nach Status, Reichweite und Produkt mehrere Tausend Euro für die Influencer-Kasse bedeuten.

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Dabei kann es nicht nur in Bezug auf CBD schnell mal peinlich werden: Der Soap-Darsteller Jörn Schlönvoigt empfahl 2020 in einem Instagram-Post Hanftropfen gegen Regelschmerzen. Comedian Oliver Pocher nutzte die Empfehlung für eine Diskussion, ob Menschen ohne Gebärmutter Tipps gegen Regelschmerzen geben sollten – ganz unabhängig von einer möglichen Wirksamkeit der Tröpfchen.

Keine belastbaren Studien

Keiner der CBD-Anbieter, die von Stiftung Warentest unter die Lupe genommen wurden, stellte Studien zur Verfügung, die den Nutzen der Tröpfchen und Pillen belegen konnten. Tatsächlich ist die Forschung schlicht noch nicht so weit, Beweise für eine Wirksamkeit zu liefern: „Die versprochenen therapeutischen Effekte von CBD wie ,Stressreduktion‘ oder ,Schlafverbesserung‘ sind in wissenschaftlichen Studien nicht nachgewiesen. Auch sind Langzeiteffekte der Einnahme von CBD-Ölen und -Tröpfchen nicht untersucht“, erklärt Dominik Irnich, Leiter der Interdisziplinären Schmerzambulanz am Klinikum der Ludwig-Maximilians-Universität München.

Der Placebo-Effekt

Ein Tröpfchen unter die Zunge geträufelt, und Kopfweh, Entzündungen oder Angstzustände sind wie weggeblasen? Im Internet finden sich Artikel von enttäuschten Schmerzpatienten, die sich darüber beschweren, dass sie keinerlei Wirkung nach Einnahme der CBD-Produkte spürten.

Arzneimittelexperten warnen daher, dass bei CBD-Produkten ein Geschäft mit der Psyche gestresster Großstädter gemacht werde. Bringen die Präparate also überhaupt etwas? „Alles, was wir mit einer hohen Erwartungshaltung einnehmen, hat auch in einem gewissen Ausmaß eine Wirkung“, sagt Dominik Irnich.

Das Gegenteil des Versprochenen tritt ein

Die Verbraucherzentrale warnt in ihrer aktuellen Untersuchung „Klartext Nahrungsergänzung“, dass CBD bei jedem Zehnten Schläfrigkeit und Benommenheit auslöse. Genauso häufig scheine CBD zu Schlaflosigkeit, Schlafstörungen und innerer Unruhe zu führen.

Liest man Erfahrungsberichte im Netz von Patienten, die versucht haben, Beschwerden wie Nervosität oder Schlafstörungen mit CBD-Ölen oder -Kapseln zu mindern, beschreiben einige der Probanden tatsächlich die gegenteilige Wirkung von dem, was sie sich erhofft hatten. Aber auch diese Art Wirkung ist nicht ausreichend untersucht, sagt Mediziner Irnich.

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Unerwünschte Nebenwirkung: Rausch

Die Verbraucherzentrale hat in ihrer Untersuchung bei mehr als der Hälfte der CBD-Produkte erhöhte Werte vom bis zu 10 000-Fachen des Stoffes Tetrahydrocannabinol (THC) gefunden. „Eine Werbeaussage ,THC-frei‘ ist irreführend und damit verboten“, so die Verbraucherschützer. THC ist psychoaktiv und kann damit berauschend sein.

Rauchen: besonders gefährlich

CBD kann auch geraucht werden, über sogenannte Verdampfer, die ähnlich wie E-Zigaretten funktionieren. Das eindeutige Urteil von Stiftung Warentest: „Hände weg!“ Begründung: Das Rauchen öliger Substanzen könne schwere Atemwegserkrankungen oder langfristige Schäden auslösen.

Eine Ausnahme gibt es

Als Arznei zugelassen ist CBD für die Therapie von zwei schweren und seltenen Epilepsie-Formen bei Kindern. Manchen Eltern gelte es dabei irrtümlicherweise als „sanftes Naturprodukt“, warnt die Deutsche Gesellschaft für Klinische Neurophysiologie und Funktionelle Bildgebung. Pflanzlich sei aber nicht gleich gut verträglich: Manche der untersuchten Kinder hätten Nebenwirkungen wie starke Müdigkeit, Fieber, Appetitlosigkeit und Durchfall gehabt.

Dennoch berichten etliche Eltern von einer erstaunlichen Wirksamkeit der CBD-Produkte in der Therapie ihrer epilepsiekranken Kinder. Wie kann das sein? „Es ist grundsätzlich ein Unterschied, ob jemand eine Substanz als gesunder Mensch einnimmt oder als ,kranker‘. Bei Kindern mit bestimmten Formen der Epilepsie wurden positive Wirkungen einer speziellen CBD-Medikation beobachtet. Dies betrifft aber nur einen geringen Anteil der Kinder mit Epilepsie. Der genaue Wirkmechanismus ist bisher nicht aufgeklärt“, sagt der Mediziner Dominik Irnich.

THC oder CBD?

Die Hanfpflanze bildet Cannabinoide. Bekannt sind mehr als 100. Sie entstehen im Harz der Drüsenhaare der Pflanze. Der bekannteste Wirkstoff der Pflanze ist Tetrahydrocannabinol, kurz THC, das eine berauschende Wirkung hat.

Cannabidiol (CBD) gilt nach Tetrahydrocannabinol (THC) als das zweithäufigste Cannabinoid der Pflanze. Die Substanz wird durch eine aufwendige Extraktion gewonnen. Da CBD nicht wasserlöslich ist, wird das Extrakt häufig in Form von Öl angeboten.