Für den Besucher ist der Weinstädter Teilort Strümpfelbach ein Idyll wie aus dem Bilderbuch. Für die Bewohner hat das bekannte schwäbische Weindorf eine spürbare Geschichte, die es zu erhalten gilt. Auf Rundgang mit einem Wengerter.
Umgeben von Weinbergen und Streuobstwiesen schmiegt sich der Ort ins Tal des Strümpfelbachs. Von dem namensgebenden Gewässer ist in dem Weinstädter Ortsteil nichts mehr zu sehen. Anfang der 1950er Jahre wurde es verdolt. Kaum einer ahnt, dass unter der Durchgangsstraße ein Bach fließt. Zumal die Fachwerkhäuser im Ortskern rechts und links der Straße die Aufmerksamkeit von Besuchern auf sich ziehen. Seit 1985 stehen sie als Ensemble unter Denkmalschutz und geben dem Ort seine romantische Charakteristik.
Die alteingesessenen Strümpfelbacher wollen ihren Ort nicht nur als reine Fachwerkidylle verstanden wissen. Was ihn ausmacht, zeigt etwa das Weingut Kuhnle. Anfang der 1990er Jahre haben Werner und Margret Kuhnle den Betrieb aufgebaut. Aus Wengerterfamilien stammend, die seit Jahrhunderten Remstäler Rebhänge bearbeitet haben, haben sie die Weinbautradition quasi in sich. Der Sitz des Weinguts, ein 1530 errichtetes Fachwerkgebäude, das ein Stück zurückversetzt von der Hauptstraße steht, hatte einst eine völlig andere Bestimmung. „Es war das Forsthaus“, sagt Werner Kuhnle. Der herzogliche Forstknecht Johann Adam Marz ließ es 1749 im Stil des Spätbarocks umbauen. Streitigkeiten um den Wald mit dem Nachbarort Endersbach, der heute ebenfalls einer der fünf Stadtteile der im Zuge der Gemeindereform 1975 entstandenen Stadt Weinstadt ist, konnte er aber nicht beenden, sodass 1793 der Herzog Carl Eugen von Württemberg höchstpersönlich dafür anreiste. Ein Gedenkstein oberhalb von Strümpfelbach am Waldrand erinnert an die damalige Schlichtung.
Ein Flaschenlager ist verborgen im Hang
Kuhnles haben das Gebäude renoviert und die dazugehörige Scheune als Weinlager ausgebaut. Unterhalb des Weinguts, verborgen hinter einer Sandsteinmauer, befindet sich unterirdisch in das Hanggelände gebaut ein weiteres Flaschenlager. „Dafür, was das gekostet hat, hätte man das Zehnfache bauen können“, sagt Daniel Kuhnle, der Junior im Familienbetrieb. Doch darum geht es ihm nicht, sondern darum, mit Sinn für die Historie alte Gebäude und Strümpfelbach als Weindorf zu erhalten. Dazu hat Daniel Kuhnle auch vor zehn Jahren an der Hindenburgstraße ein denkmalgeschütztes Fachwerkhaus, das zu verfallen drohte, gekauft, renoviert und umgebaut. Jetzt sind zwei Mietwohnungen darin untergebracht.
Werner Kuhnle, Jahrgang 1958, kann sich noch daran erinnern, als es üblich war, dass in Ställen neben den Wohnhäusern Vieh gehalten wurde. Für viele Bilder hat der damalige Bürgermeister Walter Eberhardt gesorgt. „Da oben hat er raus auf die Straße fotografiert“, erzählt Werner Kuhnle bei einem Rundgang durch den Ort und deutet auf das Alte Rathaus, das an prominenter Stelle steht, die Durchgangsstraße wird im Bogen vorbeigeführt. Mit seinem reich verzierten Fachwerk ist das Haus von 1591 unbestritten das Schmuckstück in Strümpfelbach.
Nur ein Haus reicht mit ähnlicher Fachwerkpracht an es heran – die heutige Hauptstraße 65, einst als Referenzobjekt für den Rathausbau errichtet. Derweil habe Strümpfelbach dem Schultes nicht allein zahlreiche Fotografien als Zeitdokumente zu verdanken, sondern auch die Erhaltung des Fachwerkensembles, sagt Kuhnle: „Er hat dafür gesorgt, dass kein Haus wegkommt.“ Einzig für den Bau der beiden Bankgebäude im Ortskern sei er schwach geworden.
Inzwischen sind dort nur noch Bankautomaten untergebracht. Das einzige verbliebene Geschäft im Ort ist eine Bäckerei. Ladengeschäfte stehen ebenso leer wie das Alte Rathaus, das seit der Gemeindereform nicht mehr gebraucht wird. Ein Geisterhaus ist auch das Gasthaus Hirsch, Baujahr 1629. Vor mehr als zehn Jahren endete seine 400-jährige Geschichte als Wirtshaus. Das Gebäude genießt Ensembleschutz. Nicht so das ehemalige Gasthaus Rose weiter unten im Ort, dem einst eine Metzgerei angegliedert war. An seiner Stelle hat ein Bauträger einen Komplex mit 19 Einheiten errichtet.
Die wahren Schätze liegen unter den Häusern
„Der Fraß hat begonnen“, bedauert Marc Feller die Entwicklung. Für den Restaurator sind die alten Gebäude in Strümpfelbach „offene Bücher“, in denen er Geschichte lesen kann. Ein Blick auf Fassaden genügt, und er kann lange über Bauweise und Historie sprechen. „Das sind Häuser, die über Generationen weitergegeben wurden.“ Eines, das ehemalige Gasthaus Rössle, hat Feller, der aus dem Nachbarort Aichwald im Kreis Esslingen stammt, 2001 gekauft und in Eigenleistung renoviert – beziehungsweise ist immer noch damit beschäftigt. Die größten Schätze der alten Häuser seien dabei unter ihnen versteckt: ihre oftmals noch wesentlich älteren Keller.
Herbert Wilhelm gewährt Einblick in den seinen. Monumental ist das Gewölbe, das unter der Hindenburgstraße 2 liegt und sogar über einen Brunnen verfügt, der noch von Wasseradern gespeist wird, aber nicht mehr für Trinkwasser genutzt werden darf. Das Fachwerkhaus darüber von 1570, Wilhelms Elternhaus, war einst Herberge für Pilger auf dem Jakobsweg. Wo einst Weinfässer lagerten, stehen nun Skulpturen. Denn ein Teil des Gewölbekellers gehört Karl Ulrich Nuss. Voller Plastiken des berühmten Bildhauers ist auch die mehrstöckige Scheune darüber. „Ich bin der Letzte meiner Zunft“, kommentiert Wilhelm den Wandel des landwirtschaftlichen Anwesens zur Kunsthalle. Im untersten Geschoss seines Elternhauses hat Wilhelm historische Gerätschaften aus Landwirtschaft und Weinbau in einem kleinen Privatmuseum zusammengetragen.
Weingenuss in Strümpfelbach
Die Serie
Menschen leben in gewachsenen Siedlungen, besonderen Stadtteilen, abgeschiedenen Flecken oder teuren Lagen. Für eine kleine Serie sehen wir uns an bemerkenswerten Orten in der Region Stuttgart um und stellen sie in loser Folge vor.
Weingut
„Wer zu uns aus der hektischen Großstadtatmosphäre Stuttgarts fährt, taucht ein in eine andere Welt“, wirbt das Weingut Kuhnle für einen Besuch in der Stümpfelbacher Hauptstraße 49. Das Weingut bewirtschaftet in der Umgebung rund 25 Hektar Rebfläche, etwa 60 Prozent davon sind rote Sorten.
Ausschank
„Rathaus-Treff“ ist ein regelmäßiger Weinausschank rund um das Alte Rathaus in Strümpfelbach überschrieben. Bis 21. September schenken mittwochs örtliche Winzer aus.